An kalten Dezembertagen stellen die Obdachlosen, die versteckt im Brachland von Bunker Hill leben, gern alte Autositze und kaputte Stühle unter die versengten Palmen, um das Schauspiel des Sonnenuntergangs über Los Angeles zu genießen. Sie sehen auf ein Lichtermeer aus Tausenden von Bürofenstern. Einige Blocks entfernt hingegen, auf der berüchtigten Fifth Street, versammeln sich andere Obdachlose um brennende Mülleimer. Wieder andere rücken in ihren Pappbehausungen eng aneinander oder beugen sich über Crack-Pfeifen.

Die Beduinen der Nacht wissen nichts vom Space-Shuttle Columbia, der viele Meilen über ihnen seine Bahn durchs All zieht. Die Nasa allerdings fotografiert regelmäßig die nächtliche Erde. Die dunkle Maserung der Stadt ist aus dieser Höhe zwar unsichtbar, aufgelöst im künstlichen Licht. Doch der beleuchtete Teppich des Großraums Los Angeles hat fast die Größe von Belgien. Sein weiß glühender Kern wird umstrahlt vom schwach leuchtenden Vorstadt-Mondlicht und durchzogen von den hellen Adern der Autobahnen. Auf unheimliche Art ist die Erde einer der strahlendsten Sterne unserer Galaxie.

In der urbanen Nacht liegt der eigentliche Ursprung der Moderne. Der Mensch am Beginn des 20. Jahrhunderts lebte im Rhythmus der dunklen Stadt: Dichter, Revolutionäre, Maler, Kriminelle, Prostituierte, Taxifahrer, Musiker und Journalisten. Diese Somnambulen bewohnten eine Dunkelheit, die mehr war als die Abwesenheit von Sonnenlicht. Galt im Mittelalter die Dunkelheit noch als das Reich der Dämonen, Wölfe und Diebe, so war sie im späten 18. Jahrhundert zur Zuflucht der Aufklärung geworden. Sie war die am wenigsten überwachte Zone des Absolutismus, die beste Tarnung für Abweichler und Freimaurer. Das Ende des Ancien Régime jedenfalls hatte seine Ursache auch in der Unfähigkeit, die städtische Nacht unter Kontrolle zu bringen. Der Beginn des viktorianischen Zeitalters dann – mit der Erfindung der Gasbeleuchtung und dem Aufbau der ersten modernen Polizei – gab aufstrebenden industriellen Eliten neue Technologien zur Kontrolle der Nacht an die Hand. Doch sie erreichten lediglich, dass die Subkultur tiefer in den Schatten zurückwich und die nächtliche Stadt weiter entbürgerlicht wurde.

Gleichzeitig entfachte das Aufkommen des Schundromans und der Boulevardpresse das Interesse der Bourgoisie an der Unterwelt. In der Sicherheit warmer Wohnzimmer fühlte sich die Mittelschicht sowohl erregt als auch erschreckt durch die Geschichten von Klassen, die erst nach Einbruch der Dunkelheit aus ihren Verstecken kamen. So diente die Nachtwelt bald als erotische Folie für das Tagesgeschäft des Rechnens und Geldscheffelns. Die dunkle Stadt als Negativ der gewöhnlichen Welt: Dieser Kontrast zeigt sich schon in den Theaterdramen der Restauration (etwa in John Gays Bettleroper), im Schelmenroman und bei Dante.

Aber der Mythos urbaner Dunkelheit war, wie die Sehnsucht nach der verbotenen Sexualität, eine wahrhaft viktorianische Obsession. Zur Befriedigung des viktorianischen Bedürfnisses, gleichzeitig geängstigt und angenehm erregt zu werden, avancierten die nächtlichen Untiefen der großen Städte zum Sehnsuchtsort. Gleichzeitig stellte man sich die Slumbewohner – besonders deren nächtliche Verrichtungen – als ein Pendant zu den wilden Kulturen des Urwaldes und der Wüste vor. Eugène Sue beispielsweise behauptete, dass seine Nachtnovelle Die Geheimnisse von Paris nichts anderes als ein urbanisierter Letzter Mohikaner sei: "Jeder hat die wunderbaren Sätze gelesen, in denen James Fenimore Cooper die grausigen Bräuche der Wilden beschreibt. Die Barbaren, von denen da die Rede ist, befinden sich aber mitten unter uns; sie haben einen eigenen Ehrenkodex, eine geheimnisvolle Sprache voll verhängnisvoller Bilder und bluttriefender Metaphern."

Von Berlin nach Los Angeles

Obwohl Sue und später Zola berühmte Reisende der Nacht waren, gebührt Charles Dickens der Titel des Expeditionsleiters. Neben seinen Abstiegen ins nächtliche London erkundete er auch die dunkle Seite New Yorks. Die amerikanische Neugier auf die Unterwelt wurde vor allem angeregt von einem Ausflug zu New Yorks berüchtigten "Five Points", dem Handlungsort von Scorseses neuem Film Gangs of New York. Beschützt von zwei Polizisten stürzte Dickens sich in ein Gewirr aus stinkenden Gassen, zerfallenden georgianischen Häusern und übel riechenden Kellern, wo die Ärmsten New Yorks hausten: eine kosmopolitische Mischung aus Seefahrern, irischen Immigranten, deutschen Witwen, freigelassenen und entlaufenen Sklaven. "Wohin führt uns die verwahrloste Straße? Was liegt jenseits der morschen Treppen, die unter unserem Tritt knarren?" – Dickens hatte schon über das Londoner Viertel Seven Dials geschrieben und erklärt uns nun, dass Five Points ein genuin viktorianischer Slum sei: "Die groben und aufgedunsenen Gesichter haben ihre Spiegelbilder auf dem alten Kontinent, die verwahrlosten Orte der neuen Welt sind lediglich mit ein paar besonderen Requisiten ausgestattet, zum Beispiel billigen Drucken vom Portrait George Washingtons."

Die Stadt des Film noir

Dickens war es nicht um dokumentarischen Realismus zu tun. Er versuchte lediglich, seine Leser an einen schon von ferne bekannten Ort zu führen, in eine geheime Stadt, die sie bereits in ihren Träumen besucht hatten. Slum, Kasbah, Chinatown: Der archetypische dunkle Ort ist ein Nacht-Museum, das jene Sünden und jenes Elend archiviert, von denen der damalige Mittelstand fasziniert war. "Erklimme die stockdunklen Stufen, achte darauf, auf den schwankenden Brettern nicht danebenzutreten, taste dich vorwärts in den Wolfsbau, wohin weder Sonnenstrahl noch Luftzug je gelangen."