Die Geburt einer Musik, die nicht länger von der - göttlichen - Harmonie, sondern von den erwachenden Emotionen des Menschen, von seinen Gefühlen und seelischen Erregungen kündet, gehört zu den großen Errungenschaften der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Claudio Monteverdi formulierte die Unterscheidung zwischen der alten Prima pratica, die das Wort als Dienerin der Musik sah, und der neuen Seconda pratica, in der die Musik aus dem affektgeladenen Wort entstand. Der Text setzt Emotionen frei, und diese "Affekte der Seele" bestimmen nun das melodische Geschehen, nicht mehr die altehrwürdigen Regeln des Kontrapunkts. Die werden vielmehr lustvoll und mit harten Dissonanzen verletzt, wenn der Text es fordert.

Monteverdi war der führende Kopf und - im Vorwort seines fünften Madrigalbuchs von 1605 - brillante theoretische Verfechter der Seconda pratica. Ihre Wegbereiter indes hießen Cipriano de Rore, Luca Marenzio oder Emilio de' Cavalieri. Der wurde um 1550 in Rom geboren und später zu einem der bedeutendsten Musikmanager des 16. Jahrhunderts, der fürstliche Orchester organisierte, enharmonische Orgeln baute, als Geheimdiplomat tätig war und ganz nebenbei noch glänzend komponierte. Als Ferdinandino de' Medici 1589 in Florenz eine lothringische Prinzessin heiratete, organisierte Cavalieri die spektakulären Festlichkeiten samt den berühmten Intermedii della Pellegrina, ein Gemeinschaftsprodukt der bedeutendsten Madrigalisten der Zeit und theatralisches Gesamtkunstwerk, das zumindest ein Schritt auf dem Weg zur Oper war. Cavalieris eigener Beitrag, das krönende der sechs Intermedien, lag in hochkarätigen Einspielungen vor (Huelgas Ensemble, Sony S2K 63362).

Eine echte Entdeckung aber sind seine 1600 uraufgeführten Lamentationes et Responsoria für die Karwoche. Die alttestamentarischen Klagelieder des Propheten Jeremias über die Zerstörung des Tempels in Jerusalem und die Zerstreuung des Volkes Israel sind ein zeitloses Dokument der literarischen Reflexion menschlichen Leids. Und Cavalieris grandiose Vertonung markiert einen musikgeschichtlichen Dammbruch: Zum ersten Mal findet der von monodischer, homofoner Textrhetorik bestimmte neue Kompositionsstil als expressiver und ergreifender Klagegesang des vereinzelten Individuums Eingang in die liturgische Musik. Harry van der Kamp und das 1984 von ihm gegründete Gesualdo Consort Amsterdam machen Cavalieris Lamentationes zu einer absoluten Offenbarung (Sony S2K 89925).