Der volle Mond steht über dem Bosporus, und abends, auf dem Weg ins Morgenland, verkaufen schnauzbärtige Männer Rosen und Tulpen und Maroni und Sesamringe. Die Straße nach Asien ist verstopft, auf der viertgrößten Hängebrücke der Welt von Istanbul-Ortaköy nach Istanbul-Beylerbeyi herrscht das allabendliche Chaos: Hunger und Glaube treiben die Menschen zur exakt bestimmten Minute an den Familientisch

wer nicht hupt, lebt nicht. Gerade versinkt die Sonne hinterm westlichen Horizont, magenta ist der Himmel, in den die Kuppeln der Moscheen ragen. Dann, exakt um 16.39 Uhr, knistern die Lautsprecher an den Minarettbalkonen, und in Demut steigt der Muezzin ein: "Allah ist groß, kommet und erhebet euch ..." Polyfon verkünden jetzt 2340 Sänger die Erlaubnis zum Abendmahl - hält der eine eine lange Note, hört man nebenan den anderen ansetzen, verharrt die Stimme des einen oben, fällt die des anderen herab. Istanbuls Muslime essen ab 16.41 Uhr. Es ist Ramadan in Europa, und es ist Ramadan in Asien.

Auf dem direkten Weg vom Abend- ins Morgenland, über die weitgespannte Bosporusbrücke, endet Europa geografisch und symbolisch: als exklusive, zunehmend gottlose Kultur- und Wertegemeinschaft, deren Nenner, wie derzeit stets beschworen wird, universelle Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit seien. Was hier angeblich endet, sagten und sagen deutsche Historiker, sei die Geschichte der Antike, der Renaissance, der Reformation, der Aufklärung und der Wissensrevolution. Was hier an seinem Ende sei, sei kurzum das Christentum und die Sprache seiner Selbstbeschreibung. Die muslimische Türkei, wo Troja, Ephesos und Pergamon liegen, ist jenes Land, das einem ratlosen Europa die Definitionsarbeit abnimmt: Das Europäische bestimmt sich über das, was nicht mehr europäisch sein soll - obwohl es dies partout sein will.

Auf dem EU-Gipfel in Helsinki 1999 wurde der Türkei der Kandidatenstatus in Aussicht gestellt. Bundeskanzler Gerhard Schröder betreibt die Anbindung der Türkei derzeit mit Verve, unterstützt von Frankreichs Staatspräsident Chirac.

Inzwischen plädierte sogar Erzfeind Griechenland für die türkische EU-Mitgliedschaft, und die amerikanische Regierung sieht den Nato-Partner Türkei als europäischen Schlüsselstaat zur islamischen Welt und forciert deren EU-Beitritt aus erheblichem Eigeninteresse. Just haben die Staats- und Regierungschefs der EU-Länder der Türkei in Kopenhagen den Beginn von Beitrittsverhandlungen im Jahre 2005 in Aussicht gestellt. Viele politische Brücken hat das Land seither errichtet, manche in der Tat, manche im Geist.

Europa aber ist streng. Europa hat rationale Motive, vereinbarte Sitten, Prinzipien politischer Kultur. Europa definiert sein Selbstverständnis gegen das Kulturfremde, wie es sich bei einem Mann wie Ali Özgentürk offenbart.

Goethe, Lessing, Özgentürk