WaffenAtombombe gefällig?

Terroristen brauchen keine Schurkenstaaten, um sich mit Massenvernichtungswaffen einzudecken. Ein ABC der Bedrohung von Bittner

Wien/Genf

Auf völkerrechtliche Verträge hoffen? Das ist nichts für eine Supermacht im Dauerkriegszustand mit einer Armee von Terroristen. – So steht’s zwischen den Zeilen des neuen Strategiepapiers aus Washington. Explizit lautet die klare Ansage aus dem Weißen Haus: „Die Vereinigten Staaten (…) behalten sich das Recht vor, (…) mit allen Mitteln auf den Einsatz von Massenvernichtungswaffen zu reagieren.“ Sollten Pockenviren aus dem Irak in die New Yorker U-Bahn gelangen, könnte als Vergeltung eine Atomrakete gen Bagdad fliegen.

Nur fünf Tage nach der Veröffentlichung dieses Dokuments scheint ein Brief aus Pjöngjang an die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) in Wien der neuen amerikanischen Abschreckungsstrategie gegen die Verbreitung von atomaren, biologischen und chemischen Waffen Recht zu geben. Nordkorea verlangt von der IAEO, sie möge ihre Kameras zur Überwachung der Kernkraftwerke wieder abschrauben. Die Volksrepublik wolle ihr Atomprogramm künftig ungestört betreiben. – Faktisch eine Kündigung des Nichtverbreitungsvertrages, mit dem sich seit 1970 188 Staaten verpflichteten, Atomenergie nur friedlich und unter Aufsicht einzusetzen. „Kontrolle ist gut, atomare Abschreckung ist besser“ – so falsch scheint die amerikanische Sicht nicht zu sein.

Aber sind es wirklich die ABC-Arsenale der angeblichen Terrorismussponsoren wie Nordkorea, Irak, Iran, Syrien und Libyen, von denen der westlichen Welt katastrophale Angriffe drohen? Sie sind es jedenfalls nicht allein. Wollten Terroristen tatsächlich radioaktive Bomben basteln, tödliche Viren verbreiten oder Giftgas einsetzen – sie wären nicht auf die Hilfe von „Schurkenstaaten“ angewiesen.

„Quellen für radioaktives Material gibt es überall auf der Welt“, sagt der Generaldirektor der IAEO, Mohamed ElBaradei. „Das Problem des nuklearen Terrorismus gründet nicht notwendig im Irak, sondern in all dem Material, das nicht vernünftig geschützt ist, besonders in der früheren Sowjetunion.“ Es ist vor allem die Erbmasse des Ost-West-Konflikts, aus dem der neue Terrorismus seine Waffen schmieden könnte. So seltsam es klingt: Die Abrüstung ist auch ein Risiko. Annähernd 20 000 demontierte taktische Nuklearsprengköpfe lagern immer noch in Russland. Und die spärlich bewachten Lagerplätze quellen schon jetzt über. Mark Galeotti, Russlandforscher an der britischen Universität Keele, berichtet, von den 123 ehemals sowjetischen Lagern für Nuklearwaffen und -material seien bisher nur 60 mit modernen Zäunen und Alarmanlagen ausgerüstet. Hinzu kommen Depots mit schätzungsweise 1000 Tonnen hochangereichertem Uran – genug für 20 000 Atombomben – sowie 160 Tonnen waffenfähiges Plutonium. Von den verrottenden Atom-U-Booten in Murmansk ganz zu schweigen. Kaum noch überwacht werden laut Galeotti Abfallhalden für radioaktives Material aus ziviler Nutzung. Ausgerechnet in Tschetschenien befinde sich eine solche Nuklearmüllhalde. Niemand wisse, sagt Galeotti, ob sie nicht bereits von tschetschenischen Rebellen geplündert worden sei. Auf den Weltmeeren sind außerdem ständig Frachter mit radioaktivem Abfall unterwegs. Leichte Beute für Kaperer.

Das Gefährliche an Atomschrott mit Resten von Cäsium oder Strontium: Er wäre das Rohmaterial für so genannte Schmutzige Bomben, ein vergleichsweise leicht herzustellendes Gemisch aus konventionellem Sprengstoff und strahlenden Substanzen. Bei der Explosion einer solchen „ABombe des armen Mannes“ müssten Menschen nicht einmal unmittelbar verletzt werden. Aber das Zentrum einer Großstadt ließe sich damit auf Jahrzehnte unbewohnbar machen.

Anfang dieses Jahres veröffentlichte der amerikanische Rat der Nachrichtendienste einen Bericht, wonach russische Behörden zwischen 1991 und 1999 insgesamt 23 Diebstahlsversuche von Nuklearmaterial vereitelten. Zudem habe es mehrere bestätigte Diebstahlsfälle in Größenord- nungen gegeben, die zusammen ausreichten, um eine Atombombe zu produzieren. Die IAEO registrierte bereits 175 Fälle, in denen Nuklearmaterial beschlagnahmt wurde, das aus den früheren Sowjetstaaten herausgeschmuggelt werden sollte. „Es ist eine fürchterliche Ironie, dass wir heute mit einer größeren Bedrohung konfrontiert sind als zu Hochzeiten des Kalten Krieges“, bilanziert der US-Senator Richard Lugar. Er ist einer der Initiatoren eines amerikanisch-russischen Programms zum Abbau nuklearer Altlasten, für das die USA in den vergangenen zehn Jahren etwa 4 Milliarden Dollar ausgegeben haben.

Eine vergleichsweise bescheidene Investition, denn glaubt man einer aktuellen Hochrechnung aus dem Haushaltsbüro des US-Kongresses, könnte ein zweimonatiger Krieg gegen den Irak bis zu 200 Milliarden verschlingen. Immerhin: Im Sommer einigten sich die G-8-Staaten darauf, in den kommenden zehn Jahren 20 Milliarden Dollar aufzubringen, um die Profilerationskontrollen an den Grenzen zu verstärken, vorhandenes Nuklearmaterial besser zu sichern und das russische Plutonium zu entsorgen.

Beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) in Genf sitzen ein Jurist und ein Mediziner, die einem gründlich den Tag verderben können. Peter Herby, Leiter der Abteilung für Minen und Waffen, und den B-Waffenexperten Robin Coupland verbindet seit einiger Zeit eine gemeinsame Sorge. Alle Welt jubele über die Entschlüsselung des menschlichen Genoms, aber offenbar, warnen die beiden, mache sich niemand Gedanken darüber, was dieser medizinische Meilenstein für die Entwicklung neuartiger biologischer Waffen bedeuten könne. Viren, die gezielt Träger bestimmter genetischer Merkmale angreifen, etwa Menschen mit dunkler Haut oder blauen Augen? Ein grippeähnlicher Erreger, der alle Männer einer Bevölkerungsgruppe unfruchtbar macht? Schon 1999 beantwortete die British Medical Association in einem Report mit dem Titel die Frage, ob derartige genetische Waffen in absehbarer Zukunft hergestellt werden könnten, mit einem vorsichtigen Ja. Demnach könnten spezifische Eigenschaften im Erbgut nicht nur als Andockstellen für hoffnungsvolle pharmazeutische Entwicklungen dienen, sondern auch als Zielkoordinaten für maßgeschneiderte Ethnowaffen.

1998 berichteten die britische Sunday Times und die Militärfachzeitschrift Jane’s Foreign Report, Israel arbeite an der Produktion transgener Bakterien und Viren, „die nur im Organismus von Arabern, vornehmlich Irakis, tödliche Reaktionen hervorrufen würden“. Die Erreger hätten – als Antwort auf einen etwaigen B- oder C-Waffenschlag Saddam Husseins – in das Trinkwassersystem von Bagdad eingeschleust werden sollen. „Falls das alles nicht möglich ist“, sagt Robin Coupland, „sollten wir keinen Alarm schlagen. Falls doch, sollten wir dies allerdings tun. Das Problem ist: Wir wissen es nicht.“ Gerade deswegen, mahnen die Genfer Spezialisten, sei es Zeit zu handeln. „Wir müssen die moralische Debatte jetzt eröffnen“, fordert der Jurist Peter Herby.

Im September veröffentlichte das IKRK einen eindringlichen Appell, nicht nur an Regierungen, sondern auch an Industrie und Wissenschaft. Um die Verbreitung von mörderischer Biotechnologie zu verhindern, müssten schnellstens schärfere Gesetze und Kontrollen geschaffen werden, und zwar überall auf der Welt: „Wir rufen Sie dringend auf zu bedenken, an welcher Schwelle wir stehen, und sich auf unsere gemeinsame Humanität zu besinnen.“ Einen vergleichbaren Appell des IKRK hat es bisher nur einmal gegeben: 1918, nach den Giftgaseinsätzen im Ersten Weltkrieg. Zwar verbietet seit 1975 das Biowaffen-Übereinkommen die Entwicklung, Herstellung und Lagerung bakteriologischer Waffen und fordert deren Vernichtung. Seit mittlerweile zehn Jahren aber beraten die Mitgliedsländer darüber, wie die Einhaltung des Abkommens in der Praxis kontrolliert werden könnte; gedacht war an eine Lösung nach dem Vorbild der Wiener Atomaufsichtsbehörde. Im November scheiterten die Verhandlungen endgültig, nicht zuletzt, weil die USA alle Vorschläge zur besseren Kontrolle als aussichtslos verwarfen.

Die Supermacht setzt lieber auf verlässliche Eigenvorsorge. Als Teil eines milliardenschweren Terrorschutzprogramms entsteht in Los Alamos gerade ein neues Hochsicherheitslabor, in dem auch an lebenden Erregern geforscht werden kann. Offizieller Zweck der Einrichtung: „Verminderung der Biobedrohung“. Der amerikanische Rechtsprofessor Francis Boyle, bekannt geworden als Architekt von Anti-Biowaffen-Gesetzen, hat Zweifel: „Ich bin mir sicher, dass der Ausbau der Herstellung von Waffen dienen soll.“

Chemiewaffenforscher träumen schon lange von einem Gas, das Menschen schlagartig bewusstlos macht, sie aber nicht tötet. Im Moskauer Musicaltheater hat das offenbar nicht funktioniert – das mysteriöse K.-o.-Gas der Spezialeinheiten tötete 117 Menschen. Offiziell ließ die russische Regierung verlauten, es habe sich um Fentanyl gehandelt, ein Opiat, das nicht auf der Verbotsliste des Chemiewaffenübereinkommens (CWÜ) auftaucht. In Fachkreisen aber zeigte man sich beeindruckt von der ungeheuren Wirksamkeit des Agens. „Irgendwer hat da etwas gefunden, das den Körper in Sekundenschnelle lahm legt“, wundert sich der britische Chemiewaffenexperte Julian Robinson.

Ebenso wie bei den Biowaffen wächst auch die Entwicklung von Chemiewaffen über die völkerrechtlichen Restriktionen hinaus. „Die meisten neuen Wirkstoffe werden aus Vorläufern hergestellt, die nicht im CWÜ aufgelistet sind“, sagt Mark Wheelis, Mikrobiologe an der Universität von Kalifornien. „Sie sind für das Abkommen daher praktisch unsichtbar, obwohl sie natürlich verboten sein müssten.“ Neue, gefährliche Kampfstoffe, die in kein Kontrollraster fallen – sie ließen sich mühelos über Grenzen verbreiten.

Mindestens genauso besorgniserregend sind die chemischen Altlasten. Das CWÜ, von 147 Staaten ratifiziert, fordert seit 1997 die Vernichtung aller C-Waffen. Bis Ende April 2000 sollte danach wenigstens 1 Prozent aller VX-, Sarin- und Senfgasbestände unschädlich gemacht sein. Während Amerika über dieses Ziel hinausschoss und bis Ende 2000 bereits 19 Prozent der Kampfstoffe vernichtet hatte, hofft Russland, von seinen 40000 Tonnen bis zum kommenden Mai wenigstens 400 entsorgen zu können. Und niemand weiß, wie viel chemische Munition nach dem Zweiten Weltkrieg in Afrika zurückgeblieben ist. Allein in das besetzte Äthiopien soll der italienische Diktator Mussolini in den dreißiger Jahren mehrere Tonnen Giftgas verschifft haben. Verbleib unbekannt.

In Moskau fehlt derzeit schlicht das Geld für die Beseitigung des Overkill-Potenzials. Das verarmte Riesenreich müsste dafür schätzungsweise 3 Milliarden Dollar aufbringen. Gerade erst hat der US-Kongress 70 Millionen Dollar eingefroren, mit denen das russische Arsenal weiter abgebaut werden sollte. Der einstige Erzfeind ist verärgert, weil die Russen ihren Pflichten aus dem CWÜ nicht pünktlich nachkommen.

Damit, klagt Abrüstungslobbyist Richard Lugar, blieben der Welt vorerst zwei Millionen chemischer Artilleriegranaten und Scud-Raketensprengköpfe erhalten. „Klein und leicht zu transportieren und tödlich in den Händen von Terroristen.“ Von sieben russischen Depots meinen Experten, sie seien auch für unautorisierte Personen zugänglich.

War al-Qaida vielleicht schon da? Im Oktober 2001 prahlte Osama Bin Laden gegenüber einer pakistanischen Zeitung mit einer Drohung, die ebenso entschlossen wirkt wie das neue Strategiepapier aus Washington: „Falls Amerika chemische oder nukleare Waffen gegen uns einsetzt, werden wir mit chemischen und nuklearen Waffen zurückschlagen. Wir besitzen solche Waffen als Abschreckungsmittel.“

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