Seoul

Die Regierung wirkt verbraucht. Seit Monaten hält der Kandidat der konservativen Opposition in allen Umfragen einen komfortablen Vorsprung. Doch dann kippt plötzlich die Stimmung. Anlass ist nicht etwa ein neuer Wirtschaftstrend, sondern die Außenpolitik des wichtigsten Verbündeten. Der Regierungskandidat, innenpolitisch chancenlos, opponiert mit einer für sein Land bislang unerhörten Härte gegen Washington - und bringt damit die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich. Nach der letzten Fernsehdebatte vor der Wahl liegt er plötzlich in den Umfragen vorn.

Deutschland wird das Szenario bekannt vorkommen. Doch anders als bei der deutschen Bundestagswahl, die den Irak-Kriegsgegner Gerhard Schröder im Amt bestätigte, aber die Linie Washingtons nicht gefährdete, könnten die südkoreanischen Präsidentschaftswahlen am Donnerstag dieser Woche der amerikanischen Außenpolitik empfindlichen Schaden zufügen. Hier wählt kein entbehrlicher Alliierter, sondern einer der wichtigsten Frontstaaten im Kampf gegen die "Achse des Bösen", zu der Washington auch Nordkorea zählt. Nun aber sieht es danach aus, als wollten sich die Südkoreaner dem Kampf verweigern und George W. Bush zu der Erkenntnis nötigen, dass er derzeit zwar zu Hause sein Gewicht erfolgreich zugunsten eines Kandidaten in die Waagschale werfen kann - nicht aber bei seinen wichtigsten Verbündeten.

Dabei tut Washington in den letzten Tagen alles, um die Südkoreaner noch einmal umzustimmen. Der amerikanische Botschafter in Südkorea, Thomas Hubbard, empfing kurz vor der Wahl den konservativen Oppositionskandidaten Lee Hoi Chang von der Großen Nationalpartei, nur um sich von Lee sagen lassen, dass auch er in Zukunft die Rechte der 37 000 in Südkorea stationierten US-Soldaten stärker einschränken wolle. Der ehemalige Verfassungsrichter Lee reagierte damit auf den anschwellenden Antiamerikanismus - indem er sich der Bewegung anschloss. Der Sache des Regierungskandidaten Roh Moo Hyun - Präsident Kim Dae Jung muss nach fünfjähriger Amtszeit verfassungsgemäß ausscheiden - konnte das nur nützen.

Rohs Stunde schlug erstmals, als im November ein amerikanisches Militärgericht zwei US-Soldaten freisprach, die im Juni mit einem Minensuchwagen zwei südkoreanische Schülerinnen auf einer engen Landstraße überfahren hatten. Beide Mädchen starben. Die Empörung über das Urteil brachte an zwei Wochenenden nacheinander jeweils mehrere hunderttausend Demonstranten auf die Straße - Proteste, wie sie seit dem Sturz der Diktatur vor 15 Jahren nicht mehr gesehen wurden. Inzwischen hatte sich auch der Chef der Fußball-WM, Chung Mong Joon, bis vor kurzem noch selbst aussichtsreicher Präsidentschaftsbewerber, auf die Seite des ehemaligen Menschenrechtsanwalts Roh geschlagen.

Bei den Protesten geht es um mehr als Rachegefühle für zwei Schulmädchen.

Über 70 Prozent der Südkoreaner haben sich in Umfragen gegen die Zuordnung ihres kommunistischen Nachbarlandes Nordkorea zur "Achse des Bösen" ausgesprochen. Viele hegen ernste Sorgen, dass Washingtons Konfrontationsstrategie die komplizierte Lage auf der koreanischen Halbinsel nicht ausreichend berücksichtigt. Allerdings hat man sich in der Vergangenheit in Spannungssituationen stets auf die Seite Amerikas geschlagen. Nun hat Nordkorea pünktlich zur Wahl bekannt geben, dass es sein Plutoniumprogramm fortsetzen will. Wird Lee die Wahlhilfe aus Pjöngjang am Ende mehr nützen als seinem Widersacher die unfreiwillige Unterstützung aus Washington?