Die Kreditwürdigkeit der Bundesrepublik Deutschland ist auch in der Krise über alle Zweifel erhaben." Wären die internationalen Rating-Agenturen mit dieser Aussage an die Öffentlichkeit getreten, sie hätten sich lächerlich gemacht. Das wollten die mächtigen Analysten - nun haben sie breite Entrüstung ausgelöst mit ihrem lapidaren Hinweis, wenn sich die wirtschaftliche Lage verschlechtere, gebe es auch für Deutschland keine ewige Garantie auf die höchste Bonitätsnote, das begehrte AAA. Folgt auf die Aufgabe der D-Mark der Verlust des guten Rufes? Superminister Wolfgang Clement zweifelte gleich an der Urteilsfähigkeit der Agenturen.

Tatsächlich haben die Experten von Moody's, Standard & Poor's (S&P) und Fitch nichts anderes gemacht, als auf die Probleme Deutschlands hinzuweisen. Diese kann heute fast jedes Kind aufzählen: Wachstumsschwäche bis hin zu Rezessionssorgen, die höchste Neuverschuldung seit 21 Jahren, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, Deflationsgefahren und ein kriselnder Bankenapparat.

Allerdings: Erst wenn es zur Depression und zu großen Bankenpleiten kommt, wird die Herabstufung der Bonität wahrscheinlich.

Warum haben sich die Agenturen überhaupt geäußert? Es waren ihre Kunden, die Investoren, die Milliarden Euro in Bundestiteln anlegen, die fragten: Verdient Deutschland noch das "Triple A"? Daraufhin mussten die Rating-Agenturen rechtfertigen, warum sie Deutschland weiterhin die höchste Bonitätsnote geben. Ja, sie bezweifeln nicht einmal ernsthaft, dass es dabei bleibt. Sonst hätten sie dem AAA den Zusatz "Ausblick negativ" hinzufügen müssen.

Trotzdem: Die Macht der Analysten verusacht mulmige Gefühle. Niemand am internationalen Kapitalmarkt ist so einflussreich wie die zwei privaten amerikanischen Ratingagenturen Moody's und S&P. Ihre Noten dirigieren die Kapitalströme und bestimmen faktisch die Zinssätze für einzelne Schuldner.

Dabei besitzen sie keineswegs ein einzigartiges Analysemodell für die Kreditwürdigkeit. Sie genießen nicht einmal einen Informationsvorsprung gegenüber den Investoren, denn zur Beurteilung von Länderrisiken sind sie auf öffentliche Quellen angewiesen: Steuerschätzungen, Wachstumsprognosen und die Budgetplanung des Finanzministers. In Wahrheit sind sie also ebenso hilflos wie jeder Volkswirt, Finanzminister, Sachverständige und Journalist. Sie reden nach, was andere glauben und befürchten. Während die anderen, die Investoren, Professoren und selbst ernannten Experten wiederum das, was die Analysten der Rating-Agenturen von sich geben, nachplappern.

Beispiel Asien: Mitte der neunziger Jahre galten die Tigerstaaten als Vorzeigeländer: Ihre Wachstumszahlen waren beeindruckend, die Haushalte in Ordnung, die Sozialsysteme knapp gehalten. Pech nur, dass niemand auf die Struktur der Kapitalströme und der heimischen Banken geachtet hatte. Immer mehr Kapital kam zur kurzfristigen Spekulation ins Land, bis die Blase platzte und die Asienkrise ihren Lauf nahm. Die groben Fehleinschätzungen sind bis heute das dunkelste Kapitel der Agenturen und des Systems um sie herum.