Nicht mal in Essen war ich. Nicht in Speck, nicht in Knoblauch. Weder in Sülze noch Käsberg. Aber immerhin mal an einer Tagung in Würzburg. Meine kulinarischen Geografiekenntnisse sind also sehr dürftig. Da gibt es Orte in Deutschland, die Dill, Gries oder Brotdorf heißen. Ich aber kenne sie nicht. Dabei gehört ein Gourmet da doch hin. Waren Sie schon in Schlingen? In Großkuchen oder Möhren, in Kirschkau, Schmalzgrube oder Pfeffermühle? Warum nicht den Urlaub mal in Frassdorf verbringen? Zelten in Schmatzfeld, Radeln in Wassersuppe?Jeder dieser Orte hat eine eigene Postleitzahl. Wer weniger auf feste Nahrung setzt, stattdessen lieber hinter die Binde kippt, der stellt seine Tour d’Allemagne nach ein wenig anderen Präferenzen zusammen: Er startet unweit von Leipzig in Kalte Schenke, von da gehts Richtung Norden nach Biere, quer durch die Republik nach Zechhaus, gen Süden nach Breit, Asbach, Bierbach. Südlich von Stuttgart durchquert er Wankheim, via Suffersheim, Lalling, Brechen und Kotzen gelangt er schließlich nach Blaues Glück und ist damit schon fast wieder zu Hause.Der Müncher Publizist Michael Miersch hat viele solche Orte zusammengetragen, nach Themen geordnet, auf bunte Postkarten gedruckt. Jede ist ein eigener Deutschlandführer. Wer die multikulturelle Nation erwandern oder -fahren will, sucht sich aus der Serie die entsprechende bunte Karte heraus und plant Ausflüge nach England, Amerika, Neu Kamerun. Die Landesgrenzen muss er auch nicht queren, um nach Wüsten und Eisbergen zu gelangen. Genauso liegen Türkendorf, Türkenfeld, Türkheim und Mauren um die Ecke. Auch die Mohrenmühle ist deutsch. Und Gott sei Dank auch Paradies. Sogar ein nationaler Pilgertrip lässt sich nun endlich herrlich planen, von Himmelreich nach Himmelpforten, von Pfaffendorf nach Frommmenhausen, von Nonnnenhorn nach Engelbach. Und wenn es langweilig wird: nach Heiden und Höllen.Ich aber hab’s mehr mit den Tieren. Otter, Krähe, Kuckuck, Raben: Da zieht es mich hin. Hähnchen, Zeckendorf und Floh - da werde ich meinen Urlaub verbringen. Ich freu mich auf Entennest und Eulendorf.Zum Glück ist Deutschland vielfältig. Denkt man an Deutschland in der Nacht, kann einem ziemlich viel einfallen. Jeder soll nach seinem Gusto das Land entdecken, von mir aus in Geilenkirchen, Wixhausen, Hodenhagen oder Blasdorf. Alles reine Geografie! Genauso Vögelsen, Feucht, Venusberg und Tuntenhausen. Es tut gut, sich wieder mal bewusst zu werden, was Deutschland ausmacht und vielleicht im Innersten zusammenhält. Ist es Schrödershof, Fischershof, Filz oder St.Florian. Oder eher Deppendorf, Dummersdorf, Irrendorf und Blödesheim? Mit Grüßen aus Linsengericht
Ihr Urs Willmann Postkarten von Michael Miersch und Dirk Maxeiner kann man unter http://www.maxeiner-miersch.de ansehen und/oder bestellen