Deutschland Auszug aus dem Jammertal

Ein neues Lebensgefühl: Die Deutschen entdecken den Bürgersinn. Langsam

Die Endzeitpropheten haben Unrecht: Deutschland ist nicht im Eis erstarrt. Immer wieder brechen wagemutige Leute Fahrrinnen in die harte Decke und schaffen Bewegung. Da ist der gerade einmal 16-jährige Unternehmer aus Hamburg, der trotz zweifelnder Eltern, zaudernder Banken und lähmender Bürokratie inmitten der New-Economy-Krise eine hoch erfolgreiche Softwarefirma gründet und Arbeitsplätze entstehen lässt. Da ist, ein besonders gutes Beispiel für Bürgersinn, der transatlantische Ideenwettbewerb der Körber-Stiftung. Prämiert werden innovative Konzepte etwa zur besseren Krebsvorsorge, zur Eingliederung von Asylbewerbern oder zur Karriereplanung von Studenten. Aber ebenso Vorleseaktionen und Musikstunden, um Kinder von der Straße zu holen. Unverdrossen stemmt man sich so dem deutschen Bedenkenträgertum entgegen, das ungewöhnliche Ideen, und seien sie anderswo – wie in Amerika – noch so oft erfolgreich erprobt, grimmig vom Tisch wischt: „Das geht nicht“, „Das haben wir noch nie so gemacht“, „Wo kämen wir da hin?“

Es gibt weitere, deutsche Beispiele: etwa die Techniker Krankenkasse, die sich traut, mit einem neuen Tarifsystem die viel beschworene Eigenverantwortung von Patienten zu stärken und damit – ohne das Solidarprinzip aufzugeben – den bequem gewordenen gesetzlichen Krankenversicherern Beine macht. Oder die Schülergruppen, die mithelfen, in vom Krieg zerstörten Gegenden dieser Welt Schulen wiederaufzubauen, und die sich im selben Augenblick dafür einsetzen, dass der Unterricht hierzulande anspruchsvoller wird. Oder die Technische Universität München, die ein Modell für Studentendarlehen wie für Studiengebühren entwickelt, weil Dutzende Untersuchungen inzwischen belegen: Gebühren verbessern nicht nur die Qualität der Lehre, sondern verringern – gekoppelt mit einem neuen Stipendien- und Darlehenssystem für Benachteiligte – sogar die (im Gleichheitsstaat Deutschland besonders krasse) soziale Ungleichheit an den Hochschulen.

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Zu diesen Beispielen zählen auch jene Männer und Frauen, die sich seinerzeit unter dem Vorsitz von Rita Süssmuth in der Zuwanderungskommission versammelt haben. Aus der richtigen Erkenntnis heraus, dass Deutschland ohne ausländische Wissenschaftler, Computerspezialisten, Ärzte, Krankenpfleger seine Zukunft verspielt, haben sie über alle politischen Fronten hinweg ein mutiges Einwanderungskonzept entworfen. Es öffnet die Tür einen Spalt für jene, die wir brauchen; es schlägt sie aber auch nicht für die Mühseligen und Beladenen zu, die uns brauchen. Eigennutz und Solidarität finden hier zusammen. Auch wenn CDU und CSU nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts triumphieren und sich gegen dieses Konzept (noch) sperren – es beherrscht die Debatte.

Ob in Kirchen, Vereinen oder Wirtschaftsverbänden, ob in halbstaatlichen oder staatlichen Einrichtungen, überall trifft man auf Leute, welche die soziale Republik retten wollen – aber zugleich wissen, dass dies nur gelingen kann, wenn die Republik sich ändert. Nicht dadurch, dass plötzlich jeder bloß noch an sich selbst denkt. Jede soziale Republik braucht weiterhin Umverteilung. Doch gerade deshalb muss sich der Sozialstaat beschränken und es seinen Bürgern überlassen, im Privaten stärker als bisher für sich selbst und für andere zu sorgen.

Doch ist die Republik, sind die Bürger schon dazu bereit? Weniger staatliche Hilfe, mehr Eigenverantwortung, die innere Bereitschaft zum Wandel – so abstrakt würde fast jeder dem Gebot der Stunde zustimmen. Doch je konkreter die Veränderungen, je näher sie dem Einzelnen zu Leibe rücken, desto heftiger wird die Abwehr. Wer wollte es den Menschen verdenken, dass sie sich in eisigen Zeiten lieber einigeln und auf den nächsten Frühling warten, statt selbst die Picke in die Hand zu nehmen und den Weg freizuschlagen. Die Bundesregierung hat sich bis vor kurzem genau so verhalten und statt Zuversicht Depression verbreitet.

Deutet man die jüngsten Umfragen und täglichen Seelenzustandsberichte der Bild- Zeitung, beschwören die Bundesbürger zwar die Notwendigkeit der Erneuerung. Aber genauer danach befragt, was sich künftig ändern müsse, hängen sie den alten Illusionen an. Die Deutschen wollen beides: weniger Steuern, weniger für Rente und Krankenversicherung, zugleich aber ein staatliches Rundum-sorglos-Paket sowie einen ausgeglichenen Haushalt. Wer diesen unmöglichen Wunsch erfüllen könnte, verdient nicht nur den Nobelpreis für Ökonomie, sondern noch einen für den (gesellschaftlichen) Frieden.

Die Angst vor Wandel hat viele Ursachen. Es ist nicht bloß die Angst vor Verlust und Veränderung bei jenen, die in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts so viele Verwerfungen erleben mussten und müde geworden sind. Es ist auch nicht nur die Sorge über einen neuen Generationenvertrag nach dem Prinzip: Eintopf für alle, Speck und Würste bloß nach dem Geldbeutel. Es ist auch nicht allein der deutsche Perfektionsdrang, der die Leute veränderungsscheu macht – nach der Devise: Wenn schon Neuerungen, dann müssen sie wie die Bismarcksche Sozialgesetzgebung mindestens hundert Jahre halten, darunter machen wir’s nicht. Das angloamerikanische Prinzip des Trial and Error, die Bereitschaft, in allem nur etwas Vorläufiges und Vorübergehendes zu sehen, ist uns fremd.

Die wirkliche Angst vor dem Wandel ist prinzipieller Natur. Sie wurzelt in der jüngeren Geschichte. Seit das „Dritte Reich“ vor siebzig Jahren die Deutschen geradewegs in die moralische, politische und militärische Katastrophe führte, misstrauen viele grundlegenden Umbrüchen – und, gravierender noch, sie misstrauen sich selbst. Unsere Nachbarn und Einwanderernationen wie Amerika empfinden Veränderungen meist als Gewinn, gesellschaftlich wie persönlich. Die von Selbstzweifeln zernagten Deutschen hingegen befürchten in ihrer großen Mehrheit immer nur das Schlimmste, klammern sich an das Bestehende und erklären die fehlende Wandlungsfähigkeit („Berechenbarkeit!“) gar zum Wert an sich.

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