kanzlersängerWer ist dieser Mann?

Fast hätte Elmar Brandt in diesem Jahr mehr CDs mit seinem "Steuersong" verkauft als Walter Riester Rentenversicherungen. Ist der Kanzler-Imitator ein Krisengewinnler, ein Clown oder doch ein Künstler? Er selbst sagt: "Ich bin ein ganz normaler Bürger dieses Landes" von Robin Detje

In einem weißen Warteraum im Fernsehstudio G in Berlin-Adlershof sitzt ein Mann, sieht aus wie ein Junge und lächelt. Stiftkurze Haare, Jeans und Pullover, joviales Auftreten – er lässt den Besucher langsam kommen. Sein Name ist Elmar Brandt, und für ihn möchte man das Wort "Schulkamerad" wieder in die deutsche Sprache einführen. Hier hat die Harmlosigkeit eine neue Gestalt gefunden. Aber man soll ihn nicht unterschätzen: Er ist hier der Stargast. Er führt ein rastloses Leben. "Morgens Flugzeug in eine andere Stadt", sagt er, "Taxi ins Hotel, Probe, Auftritt, übermorgen wieder woanders." Es klingt eher erschöpft als romantisch. Hier fährt ein Geschäftsmann die reiche Ernte jahrelanger Arbeit ein. Elmar Brandt lächelt. Sein Lächeln hat etwas Demokratisches, etwas Überparteiliches: Er lächelt für jeden. Oder nur für sich.

Er ist Top of the Pops , die Nummer eins in den deutschen Single-Charts. Regelmäßig sieht man ihn im Fernsehen vor einer Gruppe jubelnder Kinder stehen und singen, mit einer Stimme, die gar nicht wie die seine klingt. Er trägt nicht etwa ein Kostüm, sondern wieder Jeans und Pullover. Ein ausgestreckter Arm ist seine ekstatischste Geste; der Nacken bleibt steif. Hinter ihm wiegen sich drei riesige Puppen: Joschka Fischer, Gerhard Schröder und Angela Merkel. Brandt singt mit der Stimme Gerhard Schröders, und der Bundeskanzler veräppelt sein Volk: "Erdoberflächen-Nutzungssteuer, Atemaufschlag, Luft wird teuer, und ich bin noch lang nich fääätich!" Die Kinder kreischen. Gegen Ende des Liedes wird die Schröder-Puppe versuchen, den Sänger zu erwürgen.

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Das Cover des neuen Albums der Gerd ShowDer Kanzler singkt mit dem Mega-Hit Steuersong war gerade auf dem Titelbild des sterns zu sehen, Elmar Brandt drängte sich grinsend an der Seite hinein. Platz vier in den deutschen Album-Charts – der Volkszorn macht sich Luft. Fast hätte Elmar Brandt in diesem Jahr mehr CDs verkauft als Walter Riester Rentenversicherungen. Der echte Bundeskanzler ist ernsthaft verschnupft, und auch der Bundespräsident hat in der vergangenen Woche erklärt, dass ihm für Protestformen wie Brandts Klassenfest-Karaoke-Nummer jedes Verständnis fehle. So wurde er jedenfalls zitiert. Im Originalinterview mit der ZEIT war vom Steuersong gar nicht die Rede, aber irgendwie ist vom Steuersong eben gerade immer die Rede. Der Sänger und sein Texter und Manager Peter Burtz sind da in ein bestimmtes Fahrwasser geraten, und die Fahrt geht immer schneller.

Wird Elmar Brandt den Kanzler stürzen? Wird die Demokratie in Deutschland untergehen, weil Schröder bei Brandt staatsformverachtend singt, er wolle den Bürgern die Kröten aus der Tasche ziehen, und jetzt werde man ihn nicht mehr los, "das ist ja das Geile an der Demokratie"? Darf man das, und darf man auch noch Erfolg haben mit solch respektlosen Gesängen? Die stern- Titelgeschichte hat die Stimmung bei Politikern und anderen Bedenkenträgern bestimmt nicht verbessert – Schröder solle sich abregen, hieß es da, über Hitler habe man auch schon gelacht. Volk und Medien machen sich lustig. Die Staatsräson geht Gerd Show- Lieder flöten. Regierungsberlin ist beleidigt. Was ist dieser Brandt denn nun für einer?

Der Mann ist ein mittelständischer Unternehmer

Begegnet man dem Superstar und seinem Manager im wirklichen Leben, im Studio G, kann man überraschende Einsichten gewinnen. Erstens: Brandt und Burtz, des Sängerplaneten nervöser Trabant, sind erfolgreiche mittelständische Unternehmer, grundsolide und wertorientiert. Da kann sich die Bundesregierung, da können wir alle uns eine Scheibe abschneiden. Zweitens: Die beiden haben ihren Gerd, von dem sie nun schon eine Weile leben, eigentlich recht herzlich lieb und wünschen ihm alles Gute. Oder jedenfalls nichts wirklich Böses. Brandts Gerd ist eine grundsympathische Figur. Er ist der Kollege Kanzler von der Betriebsweihnachtsfeier nebenan, dessen Leutseligkeitsfaktor leicht den von Helmut Kohl erreicht, dazu aber noch einen besonderen Prolo-Faktor aufweist. In den beiden großartigsten Liedern, die das Duo produziert hat, FKK und Mit ruhiger Hand , gibt dieser Kanzler Lebensratschläge: "Denk immer an die wahren Werte", und das ist ein Satz, der auch von Elmar Brandt selber stammen könnte. Dann aber rät der Kanzler: "Worte sind der Asphalt auf dem Highway nach Poppenhausen. Probier’s mit echter Romantik; flüster: Zieh dich aus, leg dich hin, wir müssen reden. Dann fluppt’s." Der Gerd Show -Schröder ist ein Kanzler, der sich nach der blauen Stunde sehnt, wenn die Bierkorken knallen, der auch mal fünfe gerade sein lässt und schon mittags Sonnen- oder Schiffsuntergang spielt. Feierabend forever .

In diesem Bild vereint sich die Erleichterung nach den langen Kohl-Jahren mit der Verzweiflung nach den matten, aber leutseligen Schröder-Jahren. Darin ist der ganze Kanzler aufgehoben. Peter Burtz behauptet steif und fest, aus dem direkten Umfeld des Originals zu wissen, dass das Kanzlerbild der beiden ziemlich authentisch sei. Früher war man Burtz und Brandt im Kanzleramt auch noch gar nicht böse. Als Elmar Brandt sich den "Eddie" Stoiber antrainiert hatte und ihn quäkend gegen den Ritter mit der ruhigen Hand antreten ließ ("Du wirst es nicht!"), hat man sich bei der SPD sogar gefreut. Es hat die Künstler nicht gestört, und der Applaus von der anderen Seite stört sie nun auch nicht. Auf ihre Überparteilichkeit legen sie den allergrößten Wert, vereinnahmt zu werden wäre schlecht fürs Geschäft.

Das Kerngeschäft des Unternehmens ist die Gerd Show, anderthalb Minuten Radio mit Kanzlerwitzen, eine tägliche Pointe, die öffentlich-rechtlich versendet wird. Da geht es hoch her und oft auch sehr nieder, etwa wenn der Kanzler sich statt über seine Doris über ein Bügelbrett hermacht. Auch das Flache lässt sich immer noch ein wenig tiefer legen.

Aber der Gerd Show sind in den vier Jahren ihrer Existenz auch wirklich geniale Erfindungen gelungen, zum Beispiel der amtliche "Computer-Inder", der seinen "Großwesir" Gerd ermahnt, das Bier nicht über die Tastatur zu kippen, sich in Krisensituationen aber entschlossen und deutsch in den Urlaub verabschiedet – "Tschüssikowski!" Den Text des Inders spricht Elmar Brandt nicht selbst, obwohl er sonst von sich sagt, 50 prominente Stimmen in petto zu haben. Der Mann heißt Gurcharan Singh, und man hat ihn von nebenan, aus der Düsseldorfer Pizzeria Sunny’s Corner, geholt. Eine Anekdote, die das große Gespür für Bundespolitik, gute Nachbarschaft und reinen Quatsch demonstriert, das die Gerd Show so beliebt macht – in diesem Geist des Klugenjungenstreichs wird sie produziert.

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  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

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