Dieser Film beginnt vor den Bildern: mit der Entscheidung des Mannes, von dem er handelt, seinen Popstar-Status auf ein anderes Medium auszudehnen. Zum Kultmusiker kann man es über Zeitschriften, Radio und das Internet bringen, Teenageridol wird man durch Dauerpräsenz auf MTV. Wer jedermanns Liebling werden will, muss noch eine Nummer größer denken und Hollywood erobern.

Schon andere haben sich daran versucht, Michael Jackson und Madonna etwa, bekanntlich ohne allzu viel Fortune. Prince, der dritte Superstar aus den Achtzigern, war in Purple Rain zu esoterisch fürs breite Publikum. Nur Elvis hat sie alle gehabt, die jugendlichen Rebellen ebenso wie die enttäuschten Hausfrauen, die Ladenmädchen, die Lastwagenfahrer und den ganzen Rest. Es ist nicht zu bestreiten, dass seine Filme auf schmerzliche Weise die Domestizierung eines jungen Wilden vorführen, doch ohne sie wäre er heute ein berühmter Rocksänger und nicht der King.

"Elvis" wird der Rapper Jimmy "Rabbit" Smith in 8 Mile mehr als einmal genannt, ein Metascherz, der zugleich Zielvorgabe ist. Eminems erster Spielfilm, mit einem Hollywood-Produzenten (Brian Grazer), einem Hollywood-Regisseur (Curtis Hanson, bekannt durch L. A. Confidential undThe Wonder Boys), ihm selbst in der Hauptrolle und viel Sinn für Street-Credibility realisiert, erzählt die Geschichte der Geschichten: wie ein Junge aus ärmlichen Verhältnissen seinen Weg macht. Gleich die erste Szene zeigt sein ikonisches Gesicht beim Blick in den Spiegel. So sehen Stars aus, die noch nicht wissen, dass sie Stars werden, aber fest an sich glauben.

Entgegen anders lautenden Beteuerungen ist die Ähnlichkeit mit realen Personen groß und beabsichtigt. Wie Elvis wurde Rabbit auf der falschen Seite der Stadt geboren, wie Elvis ist er ein Grenzgänger: 8 Mile heißt die Straße, die die weiße Vorstadt Detroits von den Schwarzenvierteln trennt. Den Trailerpark mit dem heimelig verkommenen Wohnwagen wiederum kennt man ebenso wie die White-Trash-Mutter (überzeugend gespielt von Kim Basinger) aus Eminems echter Vita. Die Biografien überschneiden sich in dem Willen, das Beste aus der Marginalisierung zu machen. Der Unterschied: Elvis blieb abhängig von einem habgierigen Manager, Eminem trifft seine Geschäftsentscheidungen selbst. Und: Die Kultur, in der Rabbit/Eminem es zum Meister aller Klassen bringen wird, ist nicht mehr Rock ’n’ Roll, sondern HipHop.

Der Bedeutung des Wortes im HipHop gemäß entwickelt sich alles, was der Film an impliziten Behauptungen aufstellt, aus den Dialogen: innerhalb der Gang, innerhalb des Restes von Familie, in den beeindruckend inszenierten Rededuellen auf offener Bühne. Hanson zeigt eine klaustrophobische Welt jenseits von Politik und Sozialstaat. Rabbit agiert darin als weißer David, der sich vom stummen Angsthasen zum Battle MC mausert. Es muss schon ein Zweimetermann mit dicken Muskelpaketen sein, der unter seinen Raps in die Knie geht – HipHop als Sprache der Sprachlosen.

HipHop erscheint aber auch als Kultur der Sublimierung. Anders als frühere Filme rund ums Genre neigt 8 Mile nicht dazu, Gewalt zu verklären, es gibt weder spektakuläre Verfolgungsjagden noch – erstaunlich für einen Publikumsfilm – Spezialeffekte. Der Aufstieg des Helden korrespondiert vielmehr mit seiner Fähigkeit zum Aufschub. Immer wieder sieht man ihn mit introvertiertem Gesichtsausdruck winzige Schriftzeichen auf Papier malen: seine Reime. Als Botschaft ist das geradezu christlich, zumindest sportlich: Erst nachdem der Affekt unter Kontrolle gebracht ist, darf er wieder an den Mann gebracht werden, und was dabei zählt, ist nicht physische Stärke, sondern sind Fantasie und Technik.

Schließlich bewähren die HipHop-Codes sich im Binnenraum der Familie. Anders als seine Rabenmutter, die sich mit den falschen Männern und den falschen Angewohnheiten herumschlägt, ist der junge Rapper zu Hause ein Muster an Fürsorglichkeit. Im Umgang mit seiner kleinen Schwester (die deutlich Eminems sechsjähriger Tochter Hailie nachempfunden ist) erprobt er sich rührend als der Vater, den er nie gehabt hat. Auch in der Ersatzfamilie der Gang mit ihren Ritualen und aufflackernden Konflikten vertritt er entschieden gewaltfreie Positionen. Und einmal, als in einer Warteschlange vor dem Fabriktor homophobe Äußerungen fallen, biegt Rabbit der Community mittels einer pointierten Ansprache bei, dass solches unter der Würde eines Rappers ist.

Der Preis für so viel Verantwortungsethik ist eine gewisse Mäßigung. Kaum zu fassen, dass Eminem einmal das Früchtchen des Zorns gewesen sein soll, das in seinen Texten verbale Amokläufe inszenierte, als Schwulenhasser auftrat und noch unlängst drohte, auf den Rasen des Weißen Hauses zu urinieren. Das alles gehört der Vergangenheit an, als Filmheld versöhnt er sich endgültig mit der verachteten Kultur des Mainstreams. Allerdings hat Amerika auch genügend Anstalten gemacht, den verlorenen Sohn in seine Arme zu schließen. Die Regierung sucht den Feind draußen, während sie nach innen den Burgfrieden sichert, die auf Political Correctness bedachten Vereine sind leise geworden, das Musikfernsehen gehört ohnehin zu den befreundeten Kräften. Seit Elton John ein Ständchen mit ihm gesungen hat, gibt selbst Lynne Cheneys Schmutz-und-Schund-Kommission Ruhe. Nichts macht eben erfolgreicher als der Erfolg. Wenn Rabbit/Eminem in der letzten Einstellung seinem künftigen Ruhm entgegengeht, beginnt die Geschichte auf einer anderen Ebene von Neuem.