Man trifft sich am Bahnhof, in letzter Sekunde, mit hastig gepackten Koffern. Gleich wird der Zug einfahren, der zurück ins wilde, ungezügelte Leben führt. Und den will keiner verpassen. Denn alle wollen sie raus aus den erstarrten Verhältnissen, weg von der Müdigkeit der Alten Welt. Die Musik rattert schon im Rhythmus des großen Aufbruchs, legt sich mit gefährlichen Tempi in die Kurve, wechselt wie im Fieber die Tonfälle. Der allerletzte Vertreter der guten alten Zeit, der schmierige, schöne Stargeiger Daniello, wird im atemlosen Getriebe achtlos vor die heranrasende Lokomotive geschubst. Mit flatterndem Mantel springt im allerletzten Moment auch die Kunst noch auf den fahrenden Zug in der Person des Komponisten Max, der bis dahin Inspiration nur in der Einsamkeit des Gletschereises gesucht hatte. Und der Chor singt euphorisch: "Die Stunde schlägt der alten Zeit, die neue Zeit bricht jetzt an. Versäumt den Anschluss nicht."

Das war schon ein tolles Ding, damals in den zwanziger Jahren, als es Ernst Krenek in seiner Oper Jonny spielt auf geschafft hatte, die Aufbruchsstimmung einer ganzen Epoche in eine schmissige Bahnhofsszene zu packen. Wie energisch er die Pleuel des Optimismus arbeiten und die Schwungscheibe eines utopisch verklärten Amerikanismus rotieren ließ (denn ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten fährt der Zug am Ende ab). Wie er die hohe Opernkunst umstandslos mit der Spaßgesellschaft versöhnte, indem er Anklänge an die Tanzmusik der Zeit wie Shimmy, Foxtrott und Swing mit dem schwärmerischen Tonfall des Künstlerdramas vermählte, den er von seinem Lehrer Franz Schreker übernommen hatte. Wie er sich dem damals genau wie heute voranschreitenden Bedeutungsverlust der Kunstform Oper mit Kalkül entgegenstemmte: "In einer von Krieg und Kriegsfolgen verheerten öffentlichen Mentalität", in der sich "eine ungeheure Majorität von der Kunst überhaupt nichts mehr erhoffte", so erklärt Krenek 1928 in einem Vortrag vor dem Wiener Kulturbund, würden "die ausgeleierten Nerven nur noch auf grobe Reizmittel reagieren", und mit ihnen hoffe er "das Publikum zu überlisten" und ihm dann "in steigenden Dosierungen Dinge einzugeben", die "in eine mehr kulturelle Sphäre führen". Jonny spielt auf war der Sensationserfolg der Zwischenkriegszeit. 450 Aufführungen an 100 Häusern erlebte die Oper, sogar eine Zigarettenmarke (die es heute noch gibt) wurde in Österreich nach ihr benannt. Erst die Verunglimpfung der Nationalsozialisten als "jüdisch-negerische Besudelung" und Paradebeispiel entarteter Kunst stoppte den Triumphzug. Schließlich hat sich Krenek – und mit der Nachkriegsavantgarde auch das moderne Musiktheater insgesamt – wieder auf die Einsamkeit des Gletschereises zurückgezogen.

Immer schön im Fiakertempo

Die Sehnsucht jedoch nach einem Jonny -Stromstoß gibt es bis heute in den Opernhäusern. Und wenn man schon keine neu komponierte Erfolgsoper an der Zeitenwende zum 21. Jahrhundert präsentieren kann, tut es ja vielleicht auch noch mal der Reißer von einst. Die Leipziger Oper hat das lange Zeit vegessene Stück im Jahr der deutschen Wiedervereinigung symbolträchtig als Aufbruch in eine neue Ära (mit Udo Zimmermann als Intendanten) auf die Bühne gebracht. An kleineren Bühnen wurde es vereinzelt gespielt. Und jetzt leistet sich sogar die Wiener Staatsoper eine Neuproduktion.

"Die Stunde schlägt der alten Zeit" – ausgerechnet in Wien, wo man den Entwicklungen des zeitgemäßen Musiktheaters von jeher im gemütlichen Fiakertempo hinterherschaukelt? Die Wiener Staatsoper, so konnte man in jüngster Zeit lesen, gebe sich nicht mehr zufrieden mit dem Image des im schönsten Goldglanz vor sich hin alternden Traditionstempels. Ioan Holender, der Direktor des Hauses, seit 1991 und noch bis 2007 im Amt, interessiere sich mehr und mehr für die bösen Buben des "deutschen" Regietheaters. Hans Neuenfels war schon da (und kommt nie wieder). Peter Konwitschny wird seinen Hamburger Don Carlos für Wien überarbeiten und soll einen Gluck-Zyklus inszenieren. Arnold Schönbergs Moses und Aron und Die Soldaten von Bernd Alois Zimmermann sind geplant. "Verpasst den Anschluss nicht"?

Und hat nicht auch die Berufung Ioan Holenders zum künstlerischen Berater der moribunden Deutschen Oper in Berlin die Wiener Verhältnisse ein wenig nobilitiert? Eine Entscheidung, die schon allein wegen des Fingerspitzengefühls für Mentalititätsunterschiede sehr überrascht hat. Als könne der Direktor der Wiener Hofreitschule neben der Lipizanerdressur noch schnell eine preußische Polizeireiterstaffel vor dem Gang zum Pferdemetzger bewahren. Andererseits wird mancher denken: So schlecht können die Zustände an der Wiener "Mottenkiste" (Der Spiegel) nicht sein, wenn deren Chef beim Opernsanieren in der deutschen Hauptstadt gebraucht wird.

Aber ach, vom großen Wiener Aufbruchsfieber ist in der neuen Jonny spielt auf- Produktion nichts zu spüren. Günter Krämer hat sie in den Bühnenbildern von Andreas Reinhardt inszeniert und versucht mit halb ironischen Nostalgiezitaten auf großen Effekt zu machen: Aufgezäumte Revuegirls dürfen bei ihm in den Parkettgängen die Beine werfen. Aufs Gletscherschneefeld, vor dem der Komponist in Abendgarderobe am Flügel sinniert, fallen immerzu kitschige Kunstschneeflocken, und am Nachtsternenhimmel prangt die schmale, grüne Mondsichel. Die Konstabler mit ihren angeklebten großen Schnurrbärten suchen im Zuschauerraum nach Jonny, dem Geigendieb mit der schwarzen Schuhwichse im Gesicht, und üben auf der Bühne den guten alten Dampflok-Variéteschritt. Stark schillern die Farbkontraste, und schwächlich nur funzelt das Künstlerdrama, das Krämer doch eigentlich in den Mittelpunkt seiner Regiearbeit rücken wollte.

Distinktion im Goldrahmen

Hoch geschlitzt wie die mondäne Robe der Künstlermuse Anita gibt sich der Abend. Und zeigt doch nur auf ganz altmodische Weise Bein. Was gewiss auch am Stück selbst liegt. Die Lebensgier, die aus der Musik spricht, und die Atemlosigkeit, von der sie immer wieder vorangetrieben wird, lassen sich nicht über den Kontext ihrer Zeit hinaus aktualisieren. Was ans Ohr dringt, ist nur noch Schwung von gestern, den die Wiener Philharmoniker im Orchestergraben allerdings perfekt beherrschen. Seiji Ozawa hat mit der Krenek-Oper seinen Einstand als neuer Musikdirektor an der Wiener Staatsoper gegeben und kurvt mit enormem Drive durch die kontrastreichen Stimmungslagen, immer darauf bedacht, die Stilidiome konturenscharf auszuleuchten. Und doch erfährt das Stück in seiner Interpretation einen Zug hin zur klassischen Veredelung. Der gefährliche Gossenjargon mutiert tendenziell zum virtuosen Staatsopernton. Das Sängerensemble ist mit Nancy Gustafson als Anita, Bo Skovhus als Jonny und Torsten Kerl in der enorm schweren, weil sehr hohen, Tenorpartie des Max wunderbar besetzt. Und so endet an Ioan Holenders Staatsoper auch ein Stück, das die Alte Welt eigentlich radikal aus den Angeln heben will, als distinktes Sängerereignis im szenischen Goldrahmen. Wien bleibt eben doch Wien.

Am nächsten Tag sitzt der Intendant ganz gelassen in seinem Büro und sagt: "Das geht jetzt ins Repertoire, das kann ich noch lange spielen." Weil in Wien sich im Spielplan vor allem hält, was gut gesungen und dirigiert wird. "Was die Leute nicht sehen wollen, das muss ich absetzen", sagt Holender. Es läuft noch erstaunlich viel in Wien: eine uralte Puccini- Bohème von Zeffirelli, verstaubte Inszenierungen von Barlog bis Otto Schenk. Und der allseits beschworene ästhetische Wandel der Direktion? "Was für ein Wandel?", fragt der Intendant nur trocken.

Es kommt einem da noch einmal der Stargeiger Daniello aus der Krenek-Oper in den Sinn, der zwar ein wertvolles musikalisches Erbe bewahrt, die teuerste Geige der Welt, aber am Ende tot auf den Gleisen liegt, weil er unter die Räder der Moderne geraten ist. Wer jedoch in Wien vom Schwung einer neuen Zeit überrollt wird, steht am Ende einfach wieder auf – mit dem guten Gefühl, das Schlimmste hinter sich zu haben. Hier geigen die Daniellos ewig.