Macondo, das versunkene, taucht wieder auf. Obwohl das Kaff in der kolumbianischen Bananenregion nie vergessen war – jedenfalls nicht als ein Hauptort der Literatur. Nun aber kommt neben dem fiktiven, dem mythischen Macondo aus Hundert Jahre Einsamkeit das andere zum Vorschein, das wirkliche, welches der poetischen Erfindung vorausging. Man erkennt es sofort, zwar nicht am Namen, der anders lautet, aber an vielen Einzelheiten, an der Atmosphäre, den Menschen, Begebenheiten und sogar an einzelnen Sätzen. Wortwörtlich wie Macondo liegt auch Aracataca, der Geburtsort von Gabriel García Márquez, "am Ufer eines Flusses mit kristallklarem Wasser, das dahinschoß durch ein Bett mit polierten Steinen, weiß und riesig wie prähistorische Eier".

García Márquez, der Lateinamerika als literarische Phantasmagorie neu erfand, der Baumeister mythischer Räume und zyklischer Zeitschleifen, beginnt seine Memoiren mit einer Erinnerung an die Erinnerung und mit Sätzen aus dem Schatz eigener Sätze.

Im Februar 1950 hatte Mutter Márquez den ziemlich struppigen Sohn in seinem Studienort Barranquilla an der kolumbianischen Karibikküste ausfindig gemacht, um ihn für ein paar Tage der Provinzboheme zu entreißen. Sie bat ihn, mit ihr nach Aracataca zu fahren, um das Haus der Familie zu verkaufen. Auf der mehrtägigen Reise mit Flussschiff und Eisenbahn fuhr der junge Mann zunächst widerwillig in die Welt seiner Kindheit und Jugend zurück. Doch dann wurde er vom "Prankenschlag der Nostalgie" getroffen. Plötzlich fühlte er sich in eine andere Flussfahrt zurückversetzt, als er fünf Jahre alt und in Begleitung seines Großvaters war. Der hatte als Oberst um die Jahrhundertwende den blutigen Bürgerkrieg "der Tausend Tage" mit ausgefochten, er hatte überall im Land zahllose Kinder gezeugt und war schließlich in die Literatur seines Enkels eingegangen: als eines der Vorbilder für den Oberst Buendía aus Hundert Jahre Einsamkeit.

Das Paradies der Verlassenheit

Auch der Romantitel Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt passte auf ihn, weil seine sehnsüchtig erwartete Veteranenpension, von der sich die vielköpfige Familie Rettung versprach, niemals eintraf. Mit den Worten "Schau, dort ist die Welt untergegangen" zeigte die Mutter ihrem Sohn den Platz, an dem 1928 das Massaker an streikenden Bananenarbeitern – angeblich – stattgefunden hatte. Das historische Schreckensdatum der Provinz verwandelte sich genauso in Literatur wie der berühmte Ortsname, der auf der Strecke aufgelesen wurde: "Der Zug hielt an einer Bahnstation ohne Dorf und fuhr kurz darauf an der einzigen Bananenplantage vorbei, an deren Portal ein Name stand: Macondo."

Auf drei Bände hat García Márquez seine Erinnerungen veranschlagt, und schon der erste ist ein beachtlicher Wälzer von 600 Seiten. Die ersten gut 50 davon beschreiben die Reise von Mutter und Sohn nach Aracataca. Zum Entsetzen der Eltern hatte Gabriel beschlossen, Schriftsteller zu werden, anstatt als Jurist und angesehener Akademiker für die Familie zu sorgen. Auf der kurzen Expedition ins familiäre, schon legendenumwobene Territorium fand er, was ihm noch gefehlt hatte: die Quelle seiner erzählerischen Fantasie. Genauer gesagt: Er begriff, dass dies der Goldtopf war, aus dem er seinen Stoff schöpfen konnte. Beim Gang durch das von Hitze gelähmte Dorf zur Siesta-Zeit erhielt Aracataca/Macondo für den künftigen Schriftsteller seine exemplarische Kontur: als "Paradies der Verlassenheit", als einer der staubigen Orte zielloser Kämpfe, verblühter Konjunkturen, verlorener Hoffnungen, wie es sie auf diesem immer wieder kolonisierten Kontinent so viele gibt. In diesen Passagen steckt zugleich eine Biografie der Einbildungskraft ihres Autors.

Mit dem Anfang von Leben, um davon zu erzählen gibt García Márquez ein Beispiel für Memoirenliteratur großen Stils. Das ist eine fabelhafte Eröffnung. Sie setzt anekdotisch ein, lockt mit den komödienhaften Momenten eines familiären Machtkampfes um die Zukunftspläne des Sohnes. Sie entführt in die tropische Atmosphäre eines absurd-archaischen Stillstands, schraubt sich immer weiter zurück in die Geschichte von Großeltern und Eltern. Damit kommt auch die familiengeschichtliche Quelle für den Roman Liebe in den Zeiten der Cholera ans Licht; und kaum hatten, so wird berichtet, die Eltern ihre Liebe gegen alle Widerstände durchgesetzt, wurde auch schon der erste Sohn Gabriel geboren, praktisch tot, erwürgt von der Nabelschnur, und nur durch eine Einreibung mit Rum ins Leben herübergerettet. Das war am 6. März 1928.

An diesem Punkt folgt die Darstellung allerdings schon einer weitgehend linearen, wenn auch nicht immer streng chronologischen Ordnung. Dagegen hebt sich die einleitende Reiseerzählung wie eine perfekte Novelle ab. Darin interpretiert García Márquez die Reise mit der Mutter als Schlüsselerfahrung seines Weges zu Literatur.

Danach übernimmt bald der wuchernde Erinnerungsstoff die Herrschaft und lässt dem kompositorischen oder strukturierenden Kalkül nicht mehr viel Spielraum. Zumindest erscheint die Erzählstruktur im Fortgang der Erinnerungen längst nicht mehr so bestechend wie am Anfang.

Andererseits gibt es für diese wilde Jagd durch den Lebensstoff begreifliche Gründe. Vieles mag der heute 74-Jährige unter hohem Druck geschrieben haben, besonders in der Zeit, bevor seiner Krebserkrankung Einhalt geboten werden konnte.

Trotzdem hat das Buch unübersehbare Qualitäten. Der besondere sprachliche Reichtum, der García Márquez im Spanischen nachgesagt wird, lässt sich allerdings in der deutschen Fassung bestenfalls erahnen. Wofür jedoch keinesfalls die versierte Übersetzerin Dagmar Ploetz verantwortlich ist, sondern eine andere Sprachauffassung. Zweifellos sind diese Erinnerungen farbig und lebendig geschrieben, immer interessant, außerordentlich stoffreich, voller plastischer Schilderungen, Porträts, Begebenheiten und Szenen.

Der erste Band umfasst den Zeitraum von der Geburt 1928 bis ins Jahr 1955. Er zeichnet das Selbstporträt des Schriftstellers als junger Mann aus der tiefsten Provinz, der dennoch mit sicherem Gespür nach allen aktuellen Größen der Weltliteratur griff, um seinem Talent Schliff zu verleihen. Magnetisch wurde er von Literatenzirkeln angezogen, und bald wurde seine Begabung erkannt und geschätzt.

Schriftsteller aus Schüchternheit

Die meistens breit ausgemalten Stationen auf dem Weg zum Schreiben markieren die beherrschende Linie der Autobiografie. Ganz absichtsvoll schaut dabei der Autor auf das eigene Leben durch den Filter seines erzählerischen Werks, gemäß dem Motto des Bandes: "Nicht was wir gelebt haben, ist das Leben, sondern das, was wir erinnern und wie wir es erinnern, um davon zu erzählen." Unvermeidlich musste daher die Niederschrift der Erinnerungen gelegentlich in Konkurrenz zu den fiktionalen Texten geraten. Vieles, was nun noch einmal über die Bananenprovinz erzählt wird, erscheint wohl bekannt. García Márquez hat solche Parallelen genutzt, um mit allerlei intertextuellen Verweisen zu spielen, was seine Reize hat. Nur sind diese Spiegelfechtereien längst nicht so meisterlich geraten, wie sie manchem aficionado erscheinen mögen. Wenn die Erinnerungen mit gleichlautenden Sätzen beginnen wie der erste Roman, in dem García Márquez damals die Reise mit seiner Mutter verwertete, dann verweist das vor allem auf einen gewissen Hermetismus dieses erzählerischen Kosmos. Die Neugier auf zusätzliche Einsichten der Selbsterlebensbeschreibung wird dadurch eher enttäuscht. Mit selbstanalytischen Ambitionen plagt sich der geborene Erzähler nur selten.

So bewahrt der Held dieses Lebensromans viele seiner inneren Geheimnisse. Zum Beispiel das seiner immensen Schüchternheit. Dabei hätte die an anderer Stelle einmal getroffene Feststellung "Ich bin Schriftsteller aus Schüchternheit" ein interessanter Gegenstand autobiografischer Selbsterforschung sein können.

Besonders schüchtern gebärdete sich der Sohn armer Leute offenbar gegenüber Autoritäten wie Lehrern oder Zeitungsredakteuren. Oftmals wagte er es nicht einmal, einen namhaften Journalisten anzusprechen, obwohl der bereits Erzählungen von ihm abgedruckt oder in den höchsten Tönen gelobt hatte. Gut möglich, dass dabei eine Scheu vor den höheren Klassen mitspielte. Andererseits muss der junge Mann seine Umgebung durch ein gewinnendes Wesen und zweifellos durch seine besondere Intelligenz für sich eingenommen haben. Allenthalben wurde er, selbst von zunächst grimmig erscheinenden Autoritäten, geschätzt und gefördert. In den Zirkeln seiner literarischen Freunde, in Redaktionen, genauso wie später in der wichtigsten kolumbianischen Zeitung El Espectador stand er stets im Mittelpunkt. Mit Ablehnung hatte er kaum zu kämpfen, und aus manchen Sackgassen kam er heraus wie ein Glückskind.

Überhaupt kann man den jungen Helden dieser Erinnerungen als glücklichen Schelm bezeichnen. Ganz bestimmt in seiner Beziehung zu Frauen, die ihm meist ziemlich gewogen waren. Was der Memoirenautor ohne jede Schüchternheit ausbreitet. Da gibt es lustige Schwänke aus der Welt tropischer Brunst, mit mütterlichen Huren, kumpelhaften Bordellmädchen oder lüsternen Ehebrecherinnen, bei denen manchmal der gehörnte Gatte mit dem Schießgewehr dazwischenfunkte.

Mit ebensolcher schelmenhaften Ungeniertheit bewegte sich der junge Poet und Journalist unter den Bedingungen der diktatorischen Repression, von der Kolumbien auch damals beherrscht wurde. Einen unvergesslichen Schrecken jagten ihm jedoch die folgenreichen Unruhen vom 9. April 1948 ein, bei denen Bogotá in Flammen aufging und er zum ersten Mal mit Fidel Castro zusammentraf. Im Übrigen jedoch bleiben die Wechselwirkungen von Zeitgeschehen und subjektiver Erfahrung eher undeutlich.

Gleichwohl ist die Schilderung seiner Zeit als Kolumnist und Reporter bei El Espectador fesselnd. Als man dort 1954 den journalistisch hoch begabten Schriftsteller anheuerte, gehörten Pressezensur und Informationsunterdrückung zum Alltag der Redaktionen. Die Arbeit bei dieser Zeitung bedeutete den ersten Höhepunkt in der Karriere von García Márquez. Zum ersten Mal verdiente er richtiges Geld. Zugleich wurde er erstmals unausweichlich mit den herrschenden politischen Verhältnissen konfrontiert. Nun praktizierte er das, was er vorher nur gelegentlich ausüben konnte: kritischen Journalismus. Dann wurde er unversehens zu einer Konferenz der Großmächte nach Europa geschickt, von wo er erst Jahre später zurückkehrte.

García Márquez beschließt diesen ersten Band seiner Erinnerungen – wie als Reverenz an seine journalistische Ader – mit der Abgefeimtheit eines Zeitungsmannes, der die Leser für die nächste Folge ködern will: Am Ende ist vom Abflug die Rede und von schicksalhaften Liebesentscheidungen. Deren Ergebnis wird aber natürlich nicht verraten.