Autobiografie Herr des StaubsSeite 3/3

Besonders schüchtern gebärdete sich der Sohn armer Leute offenbar gegenüber Autoritäten wie Lehrern oder Zeitungsredakteuren. Oftmals wagte er es nicht einmal, einen namhaften Journalisten anzusprechen, obwohl der bereits Erzählungen von ihm abgedruckt oder in den höchsten Tönen gelobt hatte. Gut möglich, dass dabei eine Scheu vor den höheren Klassen mitspielte. Andererseits muss der junge Mann seine Umgebung durch ein gewinnendes Wesen und zweifellos durch seine besondere Intelligenz für sich eingenommen haben. Allenthalben wurde er, selbst von zunächst grimmig erscheinenden Autoritäten, geschätzt und gefördert. In den Zirkeln seiner literarischen Freunde, in Redaktionen, genauso wie später in der wichtigsten kolumbianischen Zeitung El Espectador stand er stets im Mittelpunkt. Mit Ablehnung hatte er kaum zu kämpfen, und aus manchen Sackgassen kam er heraus wie ein Glückskind.

Überhaupt kann man den jungen Helden dieser Erinnerungen als glücklichen Schelm bezeichnen. Ganz bestimmt in seiner Beziehung zu Frauen, die ihm meist ziemlich gewogen waren. Was der Memoirenautor ohne jede Schüchternheit ausbreitet. Da gibt es lustige Schwänke aus der Welt tropischer Brunst, mit mütterlichen Huren, kumpelhaften Bordellmädchen oder lüsternen Ehebrecherinnen, bei denen manchmal der gehörnte Gatte mit dem Schießgewehr dazwischenfunkte.

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Mit ebensolcher schelmenhaften Ungeniertheit bewegte sich der junge Poet und Journalist unter den Bedingungen der diktatorischen Repression, von der Kolumbien auch damals beherrscht wurde. Einen unvergesslichen Schrecken jagten ihm jedoch die folgenreichen Unruhen vom 9. April 1948 ein, bei denen Bogotá in Flammen aufging und er zum ersten Mal mit Fidel Castro zusammentraf. Im Übrigen jedoch bleiben die Wechselwirkungen von Zeitgeschehen und subjektiver Erfahrung eher undeutlich.

Gleichwohl ist die Schilderung seiner Zeit als Kolumnist und Reporter bei El Espectador fesselnd. Als man dort 1954 den journalistisch hoch begabten Schriftsteller anheuerte, gehörten Pressezensur und Informationsunterdrückung zum Alltag der Redaktionen. Die Arbeit bei dieser Zeitung bedeutete den ersten Höhepunkt in der Karriere von García Márquez. Zum ersten Mal verdiente er richtiges Geld. Zugleich wurde er erstmals unausweichlich mit den herrschenden politischen Verhältnissen konfrontiert. Nun praktizierte er das, was er vorher nur gelegentlich ausüben konnte: kritischen Journalismus. Dann wurde er unversehens zu einer Konferenz der Großmächte nach Europa geschickt, von wo er erst Jahre später zurückkehrte.

García Márquez beschließt diesen ersten Band seiner Erinnerungen – wie als Reverenz an seine journalistische Ader – mit der Abgefeimtheit eines Zeitungsmannes, der die Leser für die nächste Folge ködern will: Am Ende ist vom Abflug die Rede und von schicksalhaften Liebesentscheidungen. Deren Ergebnis wird aber natürlich nicht verraten.

Gabriel García Márquez: Leben, um davon zu erzählen Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2003; 604 S., 24,90 EuroLeben, um davon zu erzählenSpezialspanischAus dem Spanischen von Dagmar PloetzGabriel García MárquezBuchVerlag Kiepenheuer & Witsch2003Köln24,90604Dagmar Ploetz
 
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  • Quelle (c) DIE ZEIT 01/2003
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