Kapital für die Armen

Der peruanische Ökonom Hernando de Soto plädiert für eine neue Entwicklungspolitik

Was passiert, wenn Blinde vor einem Elefanten stehen? Wenn Sie tasten und rätseln, was sie da vor sich haben? Der eine wird den Rüssel greifen – und denken, der Elefant sei eine Schlange. Ein Zweiter packt den Schwanz – und glaubt, es sei ein Seil. Und der Dritte fühlt ein Bein und meint, der Elefant sei ein Baum. Keiner jedoch erfasst das Tier als Ganzes, keiner wird zunächst merken, dass Schlange, Seil und Baum in Wahrheit nur eines sind: ein Elefant.

Genau so, schreibt der peruanische Ökonom Hernando de Soto, verhält es sich mit den Problemen der Dritten Welt.

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Wenn wir die Nachteile der unterentwickelten Länder beschreiben sollen, beklagen wir, dass immer mehr Menschen vom Land in die Ballungsgebiete ziehen und am Rande riesiger Städte in Slums dahin vegetieren. Wir sehen das rasante Wachstum der Bevölkerung, die riesigen Müllberge, die Seuchen und das Verbrechen, die Schwarzarbeit und das Chaos. Und dennoch, behauptet de Soto, sind wir blind für das eigentliche Dilemma der Armen: dass sie kein Recht auf Eigentum haben.

Das ist eine ungewöhnliche These. Es ist ein Ansatz, der eine ganz andere Sicht auf Globalisierung und Entwicklungspolitik eröffnet. Die Menschen in den Ländern der Dritten Welt und des ehemaligen Ostblocks, schreibt der Peruaner, sind „weder bemitleidenswerte Bettler noch hoffnungslos in antiquierten Verhaltensweisen festgefahren oder Gefangene fortschrittsfeindlicher Kulturen“. Sie handeln und tauschen und produzieren – ganz so, wie man sich ein funktionierendes kapitalistisches System vorstellt. Sie sparen sogar. Die meisten Armen, so de Soto, „besitzen bereits die Vermögensgegenstände, die sie brauchen, um im Kapitalismus erfolgreich zu sein“.

Zehn Jahre haben de Soto und sein Forscherteam vom Institute of Liberty and Democracy (ILD) in Lima in den unterentwickelten Ländern der Welt nach Beweisen für diese These gesucht. Sie haben Wellblechhütten gezählt und die Gewinne der Schwarzmarkthändler geschätzt. Und sie kamen zu erstaunlichen Ergebnissen. In Ägypten ist das Vermögen, das die Armen zusammengetragen haben, 45-mal so viel wert wie die Summe aller Direktinvestitionen, die dort jemals verzeichnet wurden – einschließlich des Sueskanals und des Assuanstaudamms. Allein der Gesamtwert der Häuser und Hütten, die sich in der Dritten Welt und im ehemaligen Ostblock im Besitz der Armen befänden, betrage „mindestens 9,3 Billionen Dollar“.

Trotzdem brächten es die Menschen dort nicht zu Wohlstand, weil sie ihr Eigentum nicht dokumentieren könnten. Die Armen, so de Soto, haben Häuser, aber keine Grundbucheintragungen; sie ernten, haben aber keine Eigentumsdokumente über ihre Ernteverträge; sie führen Firmen, haben aber keine Unternehmenssatzungen. Keine Bank der Welt gibt diesen Menschen Kredit.

Tatsächlich hat die Rechtsordnung der Entwicklungsländer mit dem enormen Bevölkerungswachstum der vergangenen Jahrzehnte nicht Schritt gehalten. Wer heute in Lima legal ein Haus auf öffentlichem Land bauen will, kann damit erst nach mehr als sechs Jahren beginnen – so lange dauert das Genehmigungsverfahren. Wer offiziell eine kleine Schneiderei eröffnen möchte, muss 289 Tage warten – und den Behörden mehr als 1200 Dollar Gebühren bezahlen, das 31fache des monatlichen Mindestlohns. Also bleiben die Menschen lieber gleich außerhalb des öffentlichen Systems. Und ihr Kapital bleibt totes Kapital.

Man kann an dieser These manches kritisieren. Zum Beispiel, warum die Frage, ob erfolgreicher Kapitalismus nicht doch mit der Kultur eines Landes und seiner Bewohner zusammenhänge, nur kurz behandelt wird. Oder, wie glaubwürdig die Erhebungen in den Slums der Dritten Welt tatsächlich sind – zumal viele Zahlen, die der Autor nennt, auf Hochrechnungen basieren.

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