musikDer Zauber des perfekten Klangs

Strahlende Gesichter, Spaß bei der Sache, voller Einsatz: Sir Simon Rattle führt die Berliner Philharmoniker zu neuen Höhen. Ein Weihnachtsmärchen von Emanuel Eckardt

Wo gibt es das noch? Eine Insel der Seligen im Ozean des Missvergnügens. Keiner meckert, keiner jammert, keiner stöhnt. Mitten im krisengeschüttelten Berlin ein Laden, der läuft. Strahlende Gesichter, Spaß bei der Sache, voller Einsatz. Da arbeitet, in aller Öffentlichkeit, ein effizientes Team junger Menschen, hoch begabt, genial, mit nicht minder effizienten und engagierten Oldies auf engstem Raum zusammen, in einem Großraum ohne Schreibtische und Computer, topfit, solidarisch, ein Muster an Synergie.

Foto: Dieter Blum für DIE ZEIT

Das gibt es also in Deutschlands Hauptstadt: Spitzenkräfte, die aufeinander hören und die jeden Tag Tausende mit ihrer Begeisterung anstecken. Ein Weihnachtsmärchen. Ein fantastischer Krimi, dessen letztes Kapitel mit einer Erpressung begann. Ein störrischer Lockenkopf weigerte sich, seinen Vertrag zu unterschreiben, solange diese europäische Hauptstadt ein Orchester als Behörde führte.

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Sir Simon wollte klare Verhältnisse in Berlin. Er wartete monatelang, bis er seinen Willen bekam. Nun sind die Berliner Philharmoniker eine Stiftung, und Simon Rattle, 47, ist ihr Chefdirigent. Nun sind sie glücklich. Aus Musikern im Staatsdienst wurden Angestellte einer Organisation, die sich nur der Kunst verschrieben hat und der es an Geld nicht mangelt. Denn neben Zuwendungen der Stadt, die, dank beherzten Zugriffs auf städtische Lottoeinnahmen, für Jahre garantiert sind, fließt eine Millionenspende der Deutschen Bank. Immerhin: Die Hälfte des 27 Millionen-Euro-Etats spielt das Orchester selbst ein.

Geld ist kein Thema im Künstlerfoyer hinter dem Podium. Eine erstaunliche, fast unwirkliche Euphorie hat das Orchester erfasst, ein Schwebezustand, wie er im richtigen Leben nur nach einer bewegenden Liebesnacht denkbar ist. Die Musiker reden vom Honeymoon, vom Honeymoon mit Simon. Auftakt einer Romanze in strahlendem Dur. Der Schleier weht noch in den Fluren.

Simon nimmt auf, was vom Orchester kommt. Simon ist entschlussfreudig. Bei Simon ist alles klar. Simon sagt wunderbare Sachen. Simon ist witzig, immer charmant, aber in der Sache unglaublich ernst. Simon hat unsere Bereitschaft, etwas Neues zu machen, hervorragend abgerufen. Wie er Turnages Blood on the floor dirigiert hat: Genial. Sein Haydn: Toll, voller Humor, eine Entdeckung. Und dieser Bruckner!

Bruckners Symphonien waren für sie das Vermächtnis des Dirigenten Günther Wand, der im Februar im Alter von 90 Jahren starb. Sie haben seinen Bruckner noch im Ohr, seine gläserne Größe, seine Wucht. Wand hatte ihren Bruckner eisenhart ausgekehrt. "Schmusen Sie nicht!", hatte er den Streichern zugerufen. Wie überrascht sie nun waren. Wie Simon ranging bei der neunten Symphonie, wie er saftiges Tenuto-Streicherspiel wieder zuließ. Kein Geschmuse, aber Sinn für die lange Linie, für den Atem, für große Bewegung. Er hat das Werk in seiner Größe wie eine Kathedrale hingestellt, sagen sie.

Nach sechs gemeinsamen Wochen ist Simon abgereist. "Guys, das waren die fantastischsten Wochen meines Lebens!", hatte er ihnen noch zugerufen. Zum Neujahrskonzert kommt er wieder.

Probenalltag in der Berliner Philharmonie. Der Klangkörper erwacht, reckt sich, Geigen singen sich ein, Bögen schwingen, Finger sausen über Saiten und Klappen, Atemwege machen sich Luft. Die Kakophonie des Einstimmens lässt keinen Vergleich mit politischen Parteien zu. Kakofonie kann voller Spannung sein, voller Unruhe, endlich loslegen zu dürfen. Dieser Haufen ist mit keiner Koalition zu vergleichen, verströmt reines Vergnügen, ruht auf lautstarke Weise in sich selbst.

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