Stellen wir uns einmal vor: Nachdem die Menschheit sich selbst ein Ende gesetzt haben wird, sei es in naher Zukunft oder in ferner, werden Wesen von anderen Planeten auf der Erde landen. Neugierig stürzen sie sich auf alles, was Zeugnis gibt vom Lebenswandel der ausgestorbenen Spezies. Sie werden sich alte Fernsehsendungen ansehen, Spaß haben, sich mal gut unterhalten fühlen und mal miserabel.

Ins Grübeln bringen wird sie eine Sendung, die offenkundig mit dem Anspruch angetreten war, das gesellschaftliche Leben widerzuspiegeln. Woher wusste der Mann am Schreibtisch mit seinen gelben Zetteln stets alles, was sich in der weiten Welt ereignet hatte, und wieso war dies nie mehr und nie weniger, als in eine Viertelstunde hineinpasste? Warum faszinierte es die Menschen, wenn Amts- und Anzugträger ihren Kollegen endlos lange die Hände schüttelten? Was war so spannend an heranrollenden Limousinen? Und warum kamen immer dieselben Politiker zu Wort?

Wir haben längst aufgehört, uns über die Tagesschau zu wundern. Täglich um acht, auch mal zwischendurch, brauchen wir die Bestätigung, dass wieder in einigen Ländern demonstriert wurde, es in manchen Krieg gab und anderswo nichts zu essen. Wir wollen Arbeitslose in Prozente umgerechnet sehen und Fußballclubs in Tabellen erfasst, wollen das Wetter im Voraus kennen – und die Gewissheit haben, auch morgen malochen zu müssen, weil wieder einmal die falschen Lottozahlen gezogen wurden.

Tagesschau, das bedeutet Kompetenz, Seriosität und Sicherheit. Sie genießt das Urvertrauen der Nachkriegsgeneration, so wie Nivea, Persil und Tempo. Sie meldet Neues, sorgt vor allem aber für Orientierung: sagt abends, was vom Tag wichtig war, schafft Ordnung in dem Nachrichtenwust, der einen per Internet, per Flachbildschirm in der U-Bahn oder als SMS erreicht hat. Zehn Millionen Zuschauer verfolgen im Ersten, Dritten, auf Phoenix oder 3sat die 20-Uhr-Ausgabe. Nur zwei Millionen davon sind jünger als 50 – damit ist die Tagesschau in dieser Altersgruppe dennoch Marktführer, vor heute, RTL aktuell und 18.30 auf Sat.1.

Der Erde ein Sessel

"Die Welt ist gar nicht so schlimm, solange sie so betulich mitgeteilt wird", schrieb Bild- Kolumnist Franz Josef Wagner dieser Tage in einem Dankesbrief an die "liebe Tagesschau". "Ihr habt der Krümmung unserer ungeheuren Erde einen festen Sessel gegeben." Gerade dieses systemerhaltende Moment hat man ihr und anderen TV-Nachrichten oft vorgeworfen; ihre Konzentration auf die Haupt- und Staatsaktionen, die Ignoranz gegenüber fremden Kulturen und immer wieder die Fernsehamtssprache mit ihren vorgestanzten Formulierungen.

1975 untersuchte der Medienpädagoge Bernward Wember die Nordirland-Berichterstattung des ZDF. Die meisten Zuschauer fühlten sich gut informiert, so sein Ergebnis – doch weil kaum ein Bericht auf den historischen und gesellschaftlichen Kontext eingegangen war, hatten nur wenige verstanden, warum die Leute auf der Grünen Insel sich die Köpfe einschlugen. "Was nützen tausend Einzelheiten", folgerte Wember, "wenn der Zusammenhang untergeht?" Eine Frage, die auch der Tagesschau immer wieder gestellt wurde.

So berechtigt diese Kritik ist – Vorschlägen, wie man eine bessere Nachrichtensendung gestalten könnte, mangelte es stets an Praxisbezug. Eine bizarre Forderung lautete: Man sollte eine solche Sendung gar nicht täglich ausstrahlen, sondern nur, wenn sich etwas Außerordentliches ereignet hätte – dabei lebt die Tagesschau gerade von der Verlässlichkeit des 20-Uhr-Rituals. Eine andere Idee: Man sollte die Sendung ausdehnen auf eine hintergründige Dreiviertelstunde – doch dann hätte sie nichts mehr zu tun mit einer Nachrichtensendung. Hintergrund liefern politische Magazine, an guten Tagen auch das Morgenmagazin von ARD und ZDF; die aktuellen Brennpunkte könnten dies auch leisten, wenn sie nicht nur einen erneuten Aufguss dessen lieferten, was bereits in den Hauptnachrichten zu sehen war.