"Mein Traumbruder wäre heute 35 Jahre alt, hätte blonde Haare, blaue Augen und ein garagenbreites Kreuz. Dem traumhaft guten Verhältnis zu ihm wären allerdings schwere Zeiten vorausgegangen…"

Schon das 28.Mal Weihnachten ohne einen Bruder. Keine Rückbesinnung auf Kloppereien in der Kinderzeit um die cooleren Geschenke oder auf nasse Augen, weil er mir – natürlich nur versehentlich – meinen Schokoladenweihnachtsmann weggegessen hatte. Keine gemeinsamen Erinnerungen an die Nervosität vor der Bescherung unter einem glühenden Baum. Was hätte ich ihm alles geschenkt! Matchbox-Autos, Feuerzeuge, Fußballschuhe, die garantiert falschen Krawattennadeln, ein Parfum von Boss und eine Platte von Simply Red. Ach: Hätte ich einen Bruder gehabt, wäre mir vor Weihnachten nie bang gewesen. Und heute? Eltern, Freunde und Bruders Kinder könnten wir am Heiligen Abend zu einer Großfamilie zusammenschmieden, wir würden nach andächtigen Minuten eine Sause feiern im Münchner Schnee mit Bier und Jagertee. Weihnachten auf italienisch…

Als kleines Mädchen war ich ganz verrückt nach einem großen Bruder. Sieben Jahre älter als ich sollte er sein, den Namen Tim oder Nick haben, mich beschützen, jeden Blödsinn mitmachen und mich verteidigen gegen meine Eltern, wenn mein Temperament mit mir durchging. Daraus wurde nichts. Ich wuchs als Einzelkind auf, schoss keine Bälle in Scheiben, war gut in der Schule, zweifelte nicht am Sinn des Lebens und probierte keine Drogen aus.

Mein Traumbruder wäre heute 35 Jahre alt, hätte blonde Haare, blaue Augen und ein garagenbreites Kreuz. Er gäbe sich cooler, als er in Wirklichkeit ist, er würde ab und an Marihuana rauchen, ein Medizinstudium hinter sich haben und sich mit Freunden umgeben, die alle auf Fußball stehen. Ich wüsste, wie man Karten spielt und dabei immer ein As im Ärmel hat; ich wüsste, wie man Luthers Satz "Warum rülpset und furzet ihr nicht? Hat es euch nicht geschmecket?" so verwendet, dass es niemals peinlich würde. Vor allem hätte ich die Erfahrung, wie es ist, sich an einen großen Bruder zu schmiegen, ihn zu riechen, ohne Gefahr zu laufen, missverstanden zu werden. Dem traumhaft guten Verhältnis zu ihm wären allerdings schwere Zeiten vorausgegangen.

Mit sieben Jahren war ich ein schreckliches Mädchen mit Hang zur überkippenden Stimme und dem grässlichen Hobby, Bildchen von Popstars zu sammeln. Mein 14-jähriger Bruder hätte diese kindlichen Reviere längst verlassen und begonnen, nach Pubertät zu stinken. Seine Tennissocken, Unterhosen, Shirts und Jeans hätten wild verstreut überall herumgelegen, und ich wäre mit Schnippigkeit und gespieltem Ekel an diesen Stillleben vorübergegangen. Die achtziger Jahre. Er hätte Depeche Mode gehört und Yazoo, wäre mal kurz bei Breakdancern ein- und bei Mode-Punkrockern ausgestiegen. Strasssteine hätten sich unter seinem Bett gefunden, und als ihn meine Mutter beim Nägelbemalen mit schwarzem Lack erwischt hätte, wäre ihr die Hand ausgerutscht. Mein Bruder. Ich wäre so stolz auf ihn gewesen, dass meine Klasse den Quasijungen, den ich eine Zeitlang abgab, nicht hätte ertragen müssen.

Mein Bruderersatz war ich damals selbst. Ich war eine Rüpelin nach Schulschluss, hing auf Fußballplätzen herum und kam absichtlich zu spät nach Hause. Ich ersann Geschichten, was ich mit meinem großen Bruder alles anstellen würde, und blickte neidisch auf die Mädchen, die mit ihren tollen Geschwistern prahlten. Wahrscheinlich ahnten meine Eltern damals, wie sehr ich einen älteren Spielkameraden in der Familie vermisste, einen Jungen. Doch mehr Kinder als mich zu haben war ihnen nicht vergönnt.

Als ich 14 war, hätte mein Bruder die wildesten Zeiten hinter sich gehabt und begonnen, sich mehr als nur spielerisch nach einem Mädchen umzusehen. Gestorben wäre ich vor Eifersucht auf die Frauen, die mir meinen Exklusiv-Bruder weggenommen hätten. Ich hätte meinen Bruder leiden sehen, weil ihn seine Freundin verließ. Ich hätte ihn aber nur zum Schein bedauert und innerlich gejubelt, weil eine vermeintliche Rivalin aus unserer Bruder-Schwester-Beziehung ausgeschieden war. Er wäre mein erster Freund gewesen, dem ich vertraut hätte, weil er mich ohne den Raubtierblick als kleines, junges Ding akzeptiert hätte. Etwas später hätte ich die aufregende Heimlichkeit der ersten Zigarette mit Büchsenbier genossen, die mir bis heute verwehrt blieb.

Ein großer Bruder ist wahrscheinlich der einzige platonische Freund, den sich eine Frau leisten kann. Sie wird beschützt, ohne bevormundet zu werden. Sie wird geliebt, ohne nachts dafür zu büßen. Sie wird verstanden ohne das Eiapopeia der Geschlechterrollen: "Natürlich hast du Recht, Schatz". Im Auto käme es nicht zum Streit, weil man einen Gartenzaun gerammt hat, denn mein großer Bruder würde erst gar nicht bei mir einsteigen. Und bei der Frage "Zu dir oder zu mir?" wäre ich in leichter Stimmung.