die zeit: Warum ist es für uns eigentlich so wichtig, die Entstehung des Menschen, seine Evolution zu erforschen?

Phillip Tobias: Nun, es gibt dafür einen elementaren Antrieb: Neugier, das Verlangen herauszufinden, woher wir kommen, wann und wie wir auf diesem Planeten auftauchten. Menschen sind die neugierigsten aller Kreaturen. Und ausgestattet mit Sprache, sind sie fähig, solche Fragen zu stellen wie: Daddy, woher komme ich eigentlich?

zeit: Geht es nur um reine Erkenntnis?

Tobias: Es gibt noch andere Gründe. Die Erforschung der menschlichen Evolution hat auch das Wechselspiel zwischen Biologie und Kultur beleuchtet.

Denn unsere Evolutionsgeschichte unterscheidet sich von der aller Tiere darin, dass eine wesentliche Komponente auf Kultur basiert. Die Entwicklung der Menschheit wird seit 2,5 Millionen Jahren sowohl durch biologische Mechanismen geprägt, abhängig von Genen und Genmutationen, als auch von kulturellen. An einem kalten Tag wie heute können wir einen Mantel anziehen und müssen nicht herumsitzen und warten, bis uns die richtige Mutation einen Pelz wachsen lässt wie beim Wollnashorn.

zeit: Was nützen uns solche Einsichten?

Tobias: Wenn man versteht, wie sich Menschlichkeit und Kultur entwickelt und über die Welt verbreitet haben, lösen sich viele Missverständnisse über Rasse und Kultur im 20. Jahrhundert auf. Für mich persönlich gibt es noch ein sehr starkes Motiv: Die Geschehnisse der vergangenen Jahrmillionen zeichnen Wege, die zur Gegenwart führen und die sich in die Zukunft fortschreiben lassen.

Die Erforschung der Vergangenheit könnte also die Grundlage für eine Prognose liefern: Wohin geht die Menschheit von hier aus?

zeit: In letzter Zeit gab es eine Reihe sehr alter Vormenschenfunde. Hat sich das Bild vom Anfang der Menschheit geändert?

Tobias: Oh ja. Die neuen Entdeckungen aus den Jahren 2001 und 2002 waren revolutionär. Sie haben uns in Tiefen der Zeit zurückversetzt, aus denen wir keinerlei hominide Überreste kannten. Die erste wichtige Entdeckung war Ardipithecus ramidus, ein Fund aus Äthiopien. Sie hat den Zeithorizont auf 5,4 bis 5,8 Millionen Jahre zurückgeschoben. Bis dahin endete unser Blickfeld bei 4,4 Millionen Jahren. Innerhalb von Monaten nach dieser Ankündigung kam Orrorin tugensis aus den Tugen Hills in Kenia ans Licht. Auch diese Kreatur scheint hominide Züge zu haben. Das verschob die Grenze weiter - auf 6 Millionen Jahre. Und schließlich die größte Überraschung von allen, als Michel Brunet uns aus dem Rift Valley Ostafrikas hinausführte, 2500 Kilometer nach Westen in die Sahelzone. Für seinen neuen Fund wird ein noch weit höheres Alter beansprucht.

zeit: Das war die Entdeckung des knapp 7 Millionen Jahre alten Sahelanthropus tchadensis. Die Veröffentlichung in Nature erregte im Juli großes Aufsehen.

Inzwischen haben sich Paläoanthropologen zu Wort gemeldet, die meinen, Sahelanthropus sei gar kein Hominide, sondern eher eine Art Affe. Wie schätzen Sie diesen Fund ein?

Tobias: Erstens: Es ist kein Rückschlag für die Paläoanthropologie, wenn Wissenschaftler die Schlüsse anderer Wissenschaftler infrage stellen. Das ist gesund. Noch jede wichtige Entdeckung unserer Disziplin ist mit Skepsis und Ablehnung begrüßt worden. Erst nach und nach kristallisiert sich die Wahrheit heraus. Zweitens: Ich halte es für wahrscheinlich, dass Michel Brunet Recht hat. Er ist ein sehr guter Morphologe, der anatomische Merkmale beurteilen kann, und er hat uns schon andere Entdeckungen aus dem Tschad beschert wie den Australopithecus bahrelghazali. Ich habe die Originalfossilien nicht untersucht, doch wenn sie tatsächlich hominid sind und die Datierung von knapp sieben Millionen Jahren richtig ist, dann ist es eine folgenschwere Entdeckung.

zeit: Was bedeutet das nun? Gab es in Afrika verschiedene Gebiete, in denen sich Hominiden entwickelt haben, oder eine zentrale Region, wo sie entstanden sind und von der aus sie sich ausgebreitet haben?

Tobias: Ich habe schon lange angenommen, dass der Ursprung der Hominiden nicht von irgendeinem bestimmten Hügel in Kenia ausging oder von irgendeinem See im Tschad, sondern ein panafrikanisches Phänomen ist. Wo man alte Überreste findet, hängt von den richtigen Gesteinsformationen ab, den Umständen der Konservierung, den Leuten, die suchen, und von Geld - Ausgrabungen sind ein teures Geschäft. Je mehr Leute und je mehr Geld verfügbar sind, und je weiter die Forscher im Westen, Norden und Süden Afrikas suchen, desto mehr Stückchen des Puzzles werden ans Tageslicht kommen.

zeit: Nach den Befunden aus genetischen Untersuchungen hat der letzte gemeinsame Vorfahr von Mensch und Schimpanse vor sechs bis sieben Millionen Jahren gelebt. Wenn aber Sahelanthropus knapp sieben Millionen Jahre alt ist und aufrecht ging, dann müsste diese Aufspaltung quasi über Nacht geschehen sein.

Tobias: Sofern Michel Brunet mit seiner Einschätzung und Datierung Recht hat, bedeutet das: Es gab früher Hominiden, als wir gedacht haben, und die Aufspaltung muss vorher, vor mehr als sieben Millionen Jahren stattgefunden haben. Und genau in dem Moment, als diese älteren Fossilien auftauchen, finden Molekularbiologen um den Schweden Ulfur Arnason von der Universität Lund Hinweise darauf, dass die molekulare Uhr der Genetiker falsch kalibriert ist und korrigiert werden muss. Ihre Analyse zeigt, dass alles um den Faktor zwei älter sein muss. Statt auf fünf bis sieben Millionen Jahre weisen ihre Ergebnisse auf zehn bis dreizehn Millionen Jahre hin. Wenn also im nächsten Jahr irgendein Paläoanthropologe einen neun Millionen Jahre alten Hominiden findet, sollte niemand schockiert sein.

zeit: Zwei Merkmale unterscheiden die ersten Hominiden von den Menschenaffen: der aufrechte Gang und die Reduzierung der Zähne. Beginnen wir mit dem ersten: Wo und warum begannen diese Wesen aufrecht zu gehen?

Tobias: Die alte Hypothese sagt, dass der aufrechte Gang unter Primaten in der afrikanischen Savanne entstand. Aber neue Forschungen in Südafrika und Ostafrika weisen auf feuchtere Umwelten der ersten Hominiden hin, mit baumbestandenen Gebieten und Wäldern. Ursprünglich hatte die zweibeinige Fortbewegung sehr wahrscheinlich mit dem Leben im Wald zu tun. Baumbewohnende Primaten, die auf Ästen aufrecht liefen, wie das Schimpansen auch heute noch tun, waren in dieser Position schon aufgerichtet. Als sie auf den Boden kamen, um dort Nahrung zu suchen oder Wasser zu trinken, konnten sie sich kurze Zeit aufrichten. Allerdings waren starke Muskelkräfte nötig, um den Körper in dieser Position zu halten.

zeit: Wenn die ersten Hominiden sich so anstrengen mussten, wäre die Zweibeinigkeit doch eher ein Nachteil gewesen.

Tobias: Ja. Doch später, müssen wir annehmen, traten in einigen Populationen genetische Mutationen auf, die das Skelett für die Zweibeinigkeit besser ausbalancierten - ohne einen extensiven Gebrauch von Muskelenergie. Die Zweibeinigkeit wurde energetisch günstiger, als das Becken seine Form änderte, als die Basis des Schädels und die Wirbelsäule sich anpassten. Und als die Hinterfüße sich so verwandelten, dass sie fähig waren, das gesamte Körpergewicht zu tragen. Das Becken machte die größten Veränderungen durch.

Das war eine Herausforderung, weil man damit nicht nur steht, geht und rennt - durch das Becken erblicken schließlich auch die Babys das Licht der Welt.

Die Umstrukturierung des Beckens für eine neue Art der Fortbewegung musste ohne Gefahr für seine reproduktive Funktion gemacht werden. Das ist eine der größten Meisterleistungen an Bio-Engineering, die die Natur je hervorgebracht hat.

zeit: Dann muss doch der aufrechte Gang eine Menge Vorteile gehabt und nicht nur dazu gedient haben, um sich am Fluss etwas Wasser zu holen.

Tobias: Schon höhere Primaten tun eine Menge Dinge mit ihren Händen, wenn sie von der Fortbewegung befreit sind. Man kann Nahrung tragen oder Babys, während man geht oder rennt. Wir glauben, dass das die Überlebenschancen der Kinder verbessert hat. Vielleicht hat die zweibeinige Fortbewegung auch größere Geschwindigkeiten am Boden erlaubt.

zeit: Und was geschah mit den Zähnen, warum haben sie ihre Größe reduziert?

Tobias: Vor allem die Eckzähne sind bei Hominiden relativ klein, wenn man sie mit lebenden oder fossilen Menschenaffen vergleicht. Manche Leute denken, die großen Zähne werden von Menschenaffen benutzt, um ihre Nahrung zu zerreißen, um Fleisch zu fressen. Doch Studien haben gezeigt, dass die sehr großen Eckzähne vor allem dazu dienen, andere Tiere zu beeindrucken. Bei einem Pavian, der sein Maul aufreißt, wirken die riesigen Eckzähne im Sonnenlicht wie Säbel, und das ist ein erschreckender Anblick. Es kann eine einschüchternde Form von visueller Aggression sein, auch zwischen Männchen derselben Art, beim Kampf um die Weibchen - was Darwin als sexuelle Selektion bezeichnete. Möglicherweise war die sexuelle Selektion in der Evolution der riesigen Eckzähne wichtiger als die Verteidigung oder Aggression gegen andere Arten.

zeit: Dann muss das Sozialleben von Hominiden und Affen ganz unterschiedlich gewesen sein.

Tobias: Darauf wollte ich gerade kommen. Wenn wir diesen Mechanismus der großen Eckzähne verloren haben, könnte das bedeuten: Sexuelle Selektion war bei frühen Hominiden weniger wichtig. Soziale Funktionen müssen sanfter, weniger aggressiv gewesen sein. Es fanden sich andere Wege, um soziale Spannungen innerhalb der Gruppe abzubauen. Die heute lebenden Zwergschimpansen lösen dieses Problem durch exzessives Sexualverhalten. Bei Bonobos wird jede Spannung durch sexuelle Handlungen reduziert oder abgewendet - zwischen Weibchen, zwischen Männchen, zwischen Männchen und Weibchen, zwischen Alt und Jung. Die Bonobo-Gesellschaft ist sehr frei von Aggression, aber hoch promiskuitiv.

zeit: Ihr Lehrer Raymond Dart verbreitete in den fünfziger Jahren eine gründlich andere Vorstellung von den frühen Hominiden. Er sah in den Australopithecinen blutrünstige "Killeraffen", die ihre Opfer - einschließlich Artgenossen - mit Waffen aus Knochen, Horn oder Zähnen umbrachten.

Tobias: Dart hatte damals Zehntausende zerbrochener Knochen in der Höhle von Makapansgat 300 Kilometer nördlich von Johannesburg gefunden. Er glaubte Bruchmuster an den Knochen zu erkennen, die er auf Gewalteinwirkung zurückführte. Dart zählte zwei und zwei zusammen: Australopithecus sei ein Fleischfresser, der für die riesigen Knochenansammlungen verantwortlich war.

Dart konnte sich damals nicht vorstellen, wie solche Ansammlungen zerbrochener Knochen anders zusammenkommen könnten. Andere Forscher sagten: Das ist das Werk von Hyänen, von Leoparden oder Säbelzahnkatzen, und Dart sagte: Zeigt mir die sorgfältige, kontrollierte Studie darüber, was Hyänen mit Knochen tun. Es gab nicht eine solche Studie. So wurden die Kollegen dazu gebracht, sich anzusehen, was Hyänen oder Leoparden mit Knochen tun. Obwohl sich Darts Ansichten letztlich als falsch erwiesen, haben sie dazu geführt, dass ein ganz neuer Wissenschaftszweig entstand, die Taphonomie, die untersucht, was unter verschiedensten Umständen mit lebendem Material nach dem Tod geschieht.

zeit: Wenn Sie sich in die Vergangenheit zurückversetzen und sich vorstellen, eine Kreatur wie ein Australopithecus zu sein: Welchen Ratschlag würden Sie seinem Erben, dem Homo sapiens, geben?

Tobias: Es war die Sprache, die gesprochene Sprache, die aus Hominiden Menschen gemacht hat. Mein erster Rat ist: Wir sollten nicht zulassen, dass Sprachen - gesprochene und geschriebene - aussterben. Diese wichtige Basis unserer Position auf der Erde, die Vielfalt der Sprachen, darf nicht verschwinden. Punkt zwei: Wie begann das Schreiben? Wahrscheinlich mit Wandgemälden an Höhlen oder Gravuren an Knochen. Sie waren nicht nur hübsche Bilder. Sie übermittelten Botschaften von ritueller Bedeutung, Religionen, das spirituelle Leben der heutigen Menschen. Dazu brauchen wir mehr Forschung. Ein dritter Punkt: Wir haben uns seit 100 000 Jahren anatomisch kaum verändert. Doch unser Verhalten und die Psychologie werden sich ändern.

Zum Überleben muss die Menschheit der Zukunft eine starke psychologische und spirituelle Basis entwickeln.

zeit: Sie meinen, dafür ist keine biologische Evolution, sondern eine kulturelle nötig?

Tobias: Natürlich wird es auch Veränderungen auf dem genetischen Level geben, biochemische Entwicklung. Doch die unsichtbaren Veränderungen werden wichtiger sein als die sichtbaren.

Das Gespräch führte Henning Engeln