Es ist ein Moment der Erleichterung. Das erste Modell für die Wiederauferstehung von Ground Zero ist soeben vorgestellt, da wächst der Applaus zu einem amorphen Getöse heran. Ein paar hundert Fachleute, vergangenen Mittwoch in Sichtweite von Manhattans großer Wunde versammelt, scheinen sich spontan einig zu sein: New York erhält an diesem Tag seine lang ersehnte Vision, die Stadt kann wieder zum Weltlabor werden. Schon der erste Entwurf ist ambitioniert, und was immer die nächsten sechs Architektenteams präsentieren mögen, schief gehen wird nichts mehr. Der Fluch der Mittelmäßigkeit ist mit diesem zweiten Wettbewerb gebrochen.

Der Vorgänger-Wettbewerb hatte die New Yorker im Juli in eine kollektive Depression gestürzt. In den Modellen erkannte die Stadt nichts als einen grandiosen Mangel an Vorstellungskraft. Es schien, als wollten Bauherren und Architekten in vereinter Kleinmut die symbolische Macht des Anschlags vom 11. September ignorieren und bloß den Verlust von Büroraum wettmachen. Bürgerversammlungen, von Tausenden besucht, gaben dem Furor ein Forum: "banal" und "uninspiriert". Die Hafenbehörde als Eigentümerin und die eigens gegründete Entwicklungsgesellschaft LMDC taten die Modelle sofort als "Vorskizzen" ab und lobten hastig einen neuen Wettbewerb aus. Knapp drei Monate Zeit bekamen sieben Teams aus aller Welt, einen städtebaulichen Entwurf vorzulegen, der nunmehr – laut Ausschreibung – "mutig" sein sollte.

"Bauen Sie, was uns stolz macht"

Zugleich veränderten sie die Rahmenbedingungen. Nicht länger muss so unfassbar viel Büroraum aufeinander gestapelt werden wie zuvor gefordert worden war. Dafür soll jetzt auch ein zentraler Bahnhof für Metro und Vorortbahnen entstehen; dazu Geschäftsstraßen, Theater, und, natürlich, die Gedenkstätte. Geblieben sind die Interessengegensätze. Zwischen jenem Mann, der alljährlich 130 Millionen Dollar Pacht für das Gelände zahlen muss und deshalb Mieteinnahmen braucht, und jener Gruppe, die Salman Rushdie "Erinnerungs-Lobby" nennt, die Angehörigen der Opfer und ihre Verbände also, die in dem Gelände einen großen, unberührbaren Friedhof sehen. Schließlich das dritte Kraftfeld: die Politik. Sie möchte im Wiederaufbau das triumphalistische Symbol eines amerikanischen Phoenix entdecken und steht in der Gefahr, groß mit großartig zu verwechseln. "Bauen Sie etwas", lautet die Anweisung des Präsidenten George W. Bush, "das die Leute stolz macht." Kurzum: Kein Architekt wird allen Erwartungen, die auf Ground Zero lasten, gerecht werden können.

Gemessen daran ist nun ein großer Sieg der Erfindungsfreude über den Sachzwang zu bestaunen. Die Komplexität der Aufgabe scheint die großen Architekten des Gewerbes nicht gehemmt, sondern beflügelt zu haben. So verwegen, so kühn, so himmelsstürmend sind viele der Entwürfe, dass sich nun die Frage stellt, ob irgend etwas davon je gebaut wird. "Mut" sollten die Architekten haben, nun sind es die Entscheider, die "Mut" brauchen. Sie können aus Träumen Projekte machen – oder auch nicht.

Die Modelle dieses zweiten Versuchs demonstrieren vor allem, dass sich die Spannung zwischen Wiedergeburt und Totenehrung, zwischen Gewinnerwartung und Gedenken abbauen lässt. Sie zeigen Möglichkeiten, wie die starren Grenzen zwischen privater und öffentlicher Sphäre aufzuweichen wären, an einem Ort, der zugleich Geldmaschine und Denkmal für Millionen Menschen werden soll.

Die Lösungen der sieben Teams sind ästhetisch radikal unterschiedlich. Da gibt es die expressive Formensprache des Daniel Libeskind, den Futurismus der Avantgardistengruppe Think, den Technikmodernismus des Norman Foster oder den verblüffenden Minimalismus des New Yorker Quartetts Richard Meier, Charles Gwathmey, Steven Holl und Peter Eisenman. Überraschender als die Unterschiede sind freilich die Gemeinsamkeiten, die der Wettbewerb offen legt: hinsichtlich der Rolle des Wolkenkratzers, des öffentlichen Raumes und des Mahnmals.

Der Wolkenkratzer. Nach dem 11. September schien er seine Zukunft hinter sich zu haben. Mit diesem Wettbewerb aber ist er wiedergeboren, in neuer, atemberaubender Gestalt: Gleich vier der sieben Teams wollen das weltgrößte Turmhaus bauen. Um am Boden genügend Platz für Mahnmal, Freiflächen und Bahnhof zu gewinnen, flüchten sie mit ihren Gebäuden in die Höhe. Von Höhenangst ist nichts mehr zu spüren, dafür wächst das Bedürfnis, eine Ikone zu errichten und zu reparieren, was zerstört wurde. Die Skyline Manhattans wieder zu vervollständigen wird zur Frage der Identität. "Eine aufregende Affirmation New Yorks", nennt Daniel Libeskind seinen spitzen Glas-Campanile.