Mitte der Neunziger sah man sie nur vereinzelt. Sie hingen aus den hinteren Taschen weiter Hosen. Die Menschen, die in solchen Beinkleidern steckten, waren jung, lässig, und sie hatten mit Musik zu tun. Denn damals trugen Musiker und Crewmitglieder die Karte, die ihnen bei Konzerten Zugang zum exklusiven Backstage-Bereich verschaffte, an ein Band gehakt um den Hals. Die Nutzung dieser Bänder wurde einfach auf den Alltag ausgedehnt und der Artikel bei Fans zur begehrten Ware. So war das Schlüsselband geboren. Veranstaltungen sonstiger Art hießen zu diesem Zeitpunkt noch nicht Events. Und deren Besucher wurden mit bunten Aufklebern (die allergisch auf Stoffkontakt reagierten und sich daher langsam vom Rand her ablösten) oder an Sicherheitsnadeln hängenden Plastikschildern kenntlich gemacht, deren Befestigung gelegentlich zu Einstichen im Brustbereich der Träger führte.

Kurzum: Das Band hatte bessere Karten. Bei denen, die sie verteilten: Auf dem Stoff lassen sich wunderbar Werbebotschaften platzieren. Und bei den Verwendern: Schlüssel können auch aus voll gestopften Behältnissen bequem hervorgezogen werden. Außerdem macht der Aufdruck deutlich, wo dem Besitzer Einlass gewährt wurde. Diese Inschrift, von Birgit Gebhardt vom Trendbüro Hamburg als Talking Value bezeichnet, "erzählt in kodierter Form eine kleine Story über die Interessen des Trägers und kann somit selbst als Identitätsausweis gewertet werden". Nachdem Großgewachsene dank zusätzlichem Abklick-Verschluss vor der Haustür nicht mehr in die Knie gezwungen werden, sind die einzig Resistenten offensichtlich ehemalige Schlüsselkinder. Parallel zum Bedarf ist auch die Zahl der Firmen, die sie im Sortiment führen, gestiegen. 1996 gab es zwei, heute unzählige. Darunter ist die Kölner Firma Kandinsky, die das Produkt seit einem Jahr vertreibt und laut Geschäftsführer Kim Köhler bereits eine siebenstellige Summe absetzte, von einfachen Modellen für ein bis zwei Euro bis hin zu Edelexemplaren mit aufgenähten Satinbändern oder eingewebtem Logo. Im Internet-Auktionshaus eBay treibt ein Schlüsselband von Porsche die Gebote bis auf 35,50 Euro. Der Verkäufer hat noch 29 weitere Objekte parat: von Airbus, Sanetta, DJ Bobo oder der Leichtathletik EM 2002.

Das Schlüsselband ist in Deutschland zum Vereinsabzeichen der neuen Jugendlichkeit avanciert. Verantwortliche der Wasserwacht diskutieren seit Wochen im Web darüber, welche Farben das Band haben soll, das sie für ihre Mitglieder bestellen wollen. Männer im Businessdress spielen damit herum, wenn sie bei Starbucks auf ihren Caffè Latte warten. Als Angela Merkel und Edmund Stoiber am Wahlabend auf die Bühne traten, baumelten solche Bänder (allerdings ohne Schlüssel) wie selbstverständlich auch um ihre Hälse. Nur jene, die die Ersten waren, wollen nicht mehr dazugehören. Jedenfalls meint die Auszubildende einer Werbeagentur, 22, schlicht: "Hab keins mehr, weil es zu trendy geworden ist." Die Bänder seien schon fast solche Massenware wie die braunen Cordanzüge.