A llahu akbar, könnte der Imam sagen. Ashhadu anna Muhammadan rasul Allah. Allah ist groß, und Mohammed ist sein Prophet. Doch er sagt es nicht. "God bless you", sagt der Imam zum Abschied. – "God bless you, too", hört man sich antworten. Der Imam lächelt milde und schreitet zu seiner Limousine. Es ist ein Cadillac Sedan DeVille, schwarz wie sein Turban, schwarz wie der Mokka, den er zuvor servieren ließ zusammen mit Baklava, gereicht von einer stummen Frau mit Kopftuch, der man nicht die Hand geben durfte und die eine Robe trug zu modischen Schuhen mit Plateausohle. Er hätte sich gerne länger unterhalten, sagt Hassan al-Qazwini, aber leider müsse er weg, ein dringender Termin.

Hayya ’alaa hhayr al-’amal, heißt es, wenn der Muezzin zum Gebet ruft: Eile zu den besten aller Taten.

So steht man da – Honig, Pistazienkrümel und Blätterteig noch im Mundwinkel – und blickt dem Wagen hinterher, der zwischen Tankstellen, Schnellrestaurants und Shopping-Malls verschwindet. Sie sind aufgereiht entlang der Joy Road von Dearborn wie die Steine an der Gebetsschnur, die der Imam durch die Finger gleiten ließ, während er mit der anderen Hand den Koran streichelte. Als er sich fotografieren ließ, stand er, ein stattlicher, bärtiger Mann, in einem Raum mit grünen Fenstern. Wie eine Märchengestalt in einem Aquarium aus Licht.

Imam Qazwini, religiöser Führer des Islamic Center of America, ist gefragt in diesen Tagen. Nicht nur als moralische Instanz beim Freitagsgebet, Deuter des Koran in der Sonntagspredigt, geistlicher Beistand bei Hochzeiten wie Scheidungen und Schlichter in Streitfragen. Es wachse der Andrang in seiner Moschee, sagt der Imam, mehr und mehr der 8000 Gläubigen seiner Kongregation kämen zu ihm, bedürften seiner Fürsorge. Sie suchten Rat: Wie sich am Arbeitsplatz verhalten? Beten oder nicht beten in der Mittagspause? Argumentieren mit Kollegen oder schweigen? Sie fragen, ob es möglich sei, den Namen zu ändern, Ali in Alex oder Mansour in Eastman.

Nach den Anschlägen bekamen hunderte Araber die Kündigung

Der Imam ist aber auch gefragt als Mittler zwischen den Welten in dieser Zeit, in welcher "der Islam aus der Moschee in die amerikanische Gesellschaft getragen werden muss, denn die USA verstehen den wahren Islam nicht". Imam Qazwini saß auf einem Sofa in seinem Büro, als er das sagte, über ihm ein Bild der Großen Moschee in Mekka mit ihren zehn Minaretten, und er schaute einen zweifelnd an, als würde er nicht erwarten, dass sein Gegenüber ihn verstünde, den wahren Islam.

Keiner der amerikanischen Imame, meint Andrew Shryock, Ethnologe und Arabistikexperte an der University of Michigan in Detroit, sei diplomatischer und energischer in der Darstellung seiner Religion als dieser. Keiner scheint erfolgreicher zu sein. Qazwini pflegt Kontakte zu Bushs Administration, flirtet mit Prominenten und Vertretern der Autoindustrie und vergisst nicht zu erwähnen, dass er auch schon mit Bill Clinton gesprochen habe. Er war bei CNN zu Gast, wird regelmäßig zitiert in Tageszeitungen; sogar das Musikmagazin Rolling Stone porträtierte ihn.

Das Islamic Center of America, ein wuchtiger Betonquader mit Kuppel und Minarett, liegt in Dearborn, Michigan, einem Ort zwischen Detroit und dem Wayne County Airport. In und um Dearborn leben 250000 Araber; ihre größte Ansammlung außerhalb der arabischen Hemisphäre nach Paris. Wer die Interstate 94 verlässt, landet hinter der River Rouge Plant von Ford Automobiles, den Stahlwerken und Güterbahnhöfen in einem Kosmos arabischer Schriftzüge, exotischer Gerüche und dunkelhäutiger Menschen. Die Läden heißen Al Haramain Market, Souphie’s Coffee House, Arabian Village Cleaning. Das Büro von Yemeni Airlines bietet Sonderflüge an.

Dearborn ist die bekannteste arabische Kommune in den Vereinigten Staaten. Nach den Anschlägen auf World Trade Center und Pentagon kamen Reporter, Politiker, Geheimdienstagenten, aber auch Rassisten und Revanchisten. Die Medien suchten nach Bildern und nach Verbindungen zur al-Qaida; "man ließ mich sogar den Koran interpretieren auf der Suche nach Hinweisen für kommende Attacken", erinnert sich Arabistikexperte Shryock. Das FBI nutzte George W. Bushs neue Antiterrorgesetze, um politische und religiöse Organisationen zu durchleuchten.