Erziehung Die Elternschule

Mit Frühinterventionen wollen Psychologen die Mutter-Kind-Beziehung in Risikofamilien verbessern

Wir wollen, dass Mütter bessere Mütter werden“, sagt Martha Erickson, und schon hat sich die amerikanische Ärztin skeptische Mienen bei ihren deutschen Zuhörern eingehandelt. Doch von Vorbehalten lässt sich die selbstbewusste Medizinerin nicht beeindrucken. Mit einem Video demonstriert sie den Psychologen und Sozialarbeitern, was gemeint ist: Ein Kleinkind arbeitet sich bäuchlings über den Fußboden an eine gelbe Plastikente heran. Mühsam kommt es voran, mit einer Mischung aus Stemmen, Schieben, Rutschen, manchmal gelingt eine Kriechbewegung. Doch wenn das linke Knie richtig unterm Bauch sitzt, rudert der rechte Arm ins Leere, und der Windelhintern bringt das Gleichgewicht wieder zum Einsturz. Das Baby bleibt erschöpft liegen, doch bald liefert das Verlangen nach der Ente den Energieschub, mit dem die nächsten 20 Zentimeter Strecke in Angriff genommen werden. Endlich ein letzter energischer Ruck, grapsch – geschafft.

Das zielstrebige Kleinkind ist allerdings nicht die Hauptperson der Szene, sondern seine 18-jährige Mutter. Die gerät beim Kampf um die Plastikente außer Fassung. „Mein Gott, sehen Sie doch nur, wie sie kämpft!“, ruft sie. Während sich das Kind beharrlich voranschiebt, leidet die Mutter Höllenqualen: „Sie kann nicht mehr, sie ist völlig fertig.“ Die übertriebene Reaktion erklärt Erickson mit der Biografie der Mutter: In ihrer Familie bestimmten Armut, Sucht und Missbrauch den Alltag. Der Vater des Babys hat sich vor der Geburt davongemacht, kurz danach starben die Eltern der jungen Frau. Ihr blieb nur das Kind – mit der Folge, dass sie seine Entwicklung durch übersteigerte Sorge, überzogene Erwartung und enttäuschte Hoffnung ernsthaft gefährdet. „Aber sie hat sich sehr gebessert“, sagt Erickson, „als sie zu uns kam, hätte sie ihrem Baby die Ente sofort in die Hand gedrückt.“

„Zu uns“, das ist eine Gruppe von Psychologen und Medizinern, die an der Universität von Minnesota das Frühinterventionsprogramm Steep entwickelte und das der Psychologe und Erickson-Schüler Gerhard Süss seit 1999 auch in Hamburg anbietet. Zugespitzt formuliert, lautet das Konzept von Steep (Steps Toward Effective and Enjoyable Parenting): Das Baby erzieht die Eltern. Steep beruht vor allem auf genauer Beobachtung und Analyse der Interaktion von Eltern und Kind.

Dafür nutzen Erickson und ihre Kollegen Videos: Seeing is believing. Die Eltern werden zu Hause beim täglichen Umgang mit ihrem Baby gefilmt, beim Wickeln, Füttern, Spielen. Nachher sehen sie sich die Szenen mit einem Berater an. „Haben Sie Ihr Kind richtig verstanden? – Was wollte es Ihnen mitteilen, und wie sind Sie darauf eingegangen?“ Solche Fragen stellen sich die meisten Eltern niemals von allein, sie sollen die Sensibilität für kindliche Bedürfnisse schärfen. Erst das eingangs beschriebene Video hat der jungen Mutter deutlich vor Augen geführt, wie willensstark ihr Baby auch ohne Hilfe sein Ziel verfolgt.

Verhaltensbiologie statt Freud

Ursprünglich hat Martha Erickson ihr Programm für Risikofamilien entwickelt. Besonders sehr junge Eltern oder solche, die im Heim aufwuchsen, die in Armut leben, drogenabhängig sind oder an einer psychischen Krankheit leiden, sind nach der Geburt oft überfordert. Der Umgang mit dem kleinen Wesen, das sich vielleicht gegen Zuwendung sträubt, ständig schreit, um sich schlägt, Spielsachen zerstört oder nicht essen will, bringt sie an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Oft schlägt der Erziehungsversuch in Aggression gegen das Kind um. Damit es nicht so weit kommt, sprechen Steep-Mitarbeiter die Mütter schon während der Schwangerschaft in den Geburtskliniken an. Nach der Geburt folgen dann Einzelberatungen, Gruppensitzungen, Hausbesuche. Idealerweise dauert die Betreuung zwei bis drei Jahre – womöglich eine segensreiche Anstrengung, aber auch ein gigantischer Aufwand an Zeit, Kosten und Personal. Und bei allem Respekt vor dem Engagement – lohnt sich die Mühe? Für die Beteiligten ist die Antwort eindeutig: Ja, denn es geht in dem Programm nicht nur um Sozialarbeit, sondern auch um Forschung.

Steep beruht auf den Erkenntnissen der Bindungsforschung. Dieses junge Forschungsgebiet wurde Mitte der fünfziger Jahre von dem englischen Psychiater John Bowlby begründet. Bowlby, von Haus aus Psychoanalytiker, ließ ab vom Freudschen Versuch, die frühkindliche Entwicklung als Marsch durch Oral- und Analphasen zu sehen. Die Grundthese seiner Bindungstheorie folgt den Erkenntnissen der Verhaltensbiologie: Das Bedürfnis nach Schutz durch einen Stärkeren ist den Neugeborenen fast aller Säugetierarten eigen. Und das gilt auch für Menschenkinder: Wenn sie sich unwohl fühlen, suchen und brauchen sie die Nähe einer Bindungsperson.

Eine Erkenntnis der Bindungsforschung lautet: Die kontinuierliche emotionale Zuwendung der Eltern ist zwar Voraussetzung für die Entwicklung einer stabilen Persönlichkeit. Entscheidend aber ist, ob die Beziehung dem entspricht, was Bowlbys Kollegin Mary Ainsworth das „Konzept der Feinfühligkeit“ nannte. Nur eine feinfühlige Mutter kann Signale des Babys richtig deuten und angemessen reagieren. Ainsworth entwickelte 1964 einen Test, die „fremde Situation“, eine standardisierte Trennungssituation, mit deren Hilfe sich die Qualität der Beziehung von Mutter und Kind zuverlässig feststellen lässt.

Dabei befindet sich das Kind mit seiner Mutter in einem Raum, der nach einiger Zeit von einer fremden Person betreten wird. Kurz danach verlässt die Mutter das Zimmer für ein paar Minuten, und die Art und Weise, wie das Kind mit seiner Verlassenheit, der fremden Person und der Rückkehr der Mutter umgeht, gibt Aufschluss über sein Bindungsverhältnis. „Sicher gebundene“ Kinder suchen bei der Rückkehr der Mutter sofort deren Nähe, lassen sich trösten und fahren nach kurzer Zeit in ihrem Spiel fort. Kinder mit einem „unsicher vermeidenden“ Bindungsverhalten dagegen ignorieren sowohl die Abwesenheit ihrer Mutter als auch deren Rückkehr. Sie rechnen nicht mit mütterlichem Trost und versuchen, ihre Trennungsangst allein zu bewältigen. Dabei stehen sie unter ungeheurem Stress und finden nur mühsam zum Spiel zurück. Paradoxerweise sind Eltern oft besonders stolz auf ihren vermeintlich selbstständigen Nachwuchs, der „so gut allein klarkommt“.

Steep hilft Eltern, nicht Kindern

„Ambivalent gebundene“ Kinder dagegen schreien schon, wenn die Mutter geht, und toben weiter, wenn sie zurückkommt. Auf Tröstungsversuche reagieren sie mit Aggression, reißen sich los und wollen dann wieder in den Arm genommen werden. Häufig seien die Mütter in dieses Verhalten verstrickt, meint der Regensburger Bindungsforscher Klaus Grossmann: „Da kam es vor, dass eine Mutter ihr Kind am Arm festhielt und gleichzeitig anklagend sagte: Sehen Sie? Er lässt mich nicht gehen.“ Immerhin haben solche Kinder noch eine Strategie, mit ihrer Verstörung fertig zu werden. Völlig bizarr verhalten sich so genannte desorientierte Kinder. Sie gehen etwa auf die Mutter zu, machen dann Kreisbewegungen vor ihr, oder gehen an ihr vorbei, bleiben plötzlich konsterniert stehen und starren Löcher in die Luft. Manchmal weinen sie nur ins Leere. Ein solches Verhalten gilt den Bindungstheoretikern als Anzeichen einer schweren Störung mit weitgehend ungeklärten Ursachen. Ein desorientiertes Verhaltensmuster kann auch Indiz für Misshandlung sein.

Die Bindungsforschung hat diese Verhaltensstereotype in zahllosen Versuchen dokumentiert und damit auch Kritiker auf den Plan gerufen. Sie bemängeln, dass die menschliche Vielfalt auf einige Standards reduziert werde. Es werde suggeriert, Menschen seien von sich aus nicht in der Lage, aus ihren ursprünglichen Bindungsmustern je herauszufinden. „Einmal ambivalent – immer ambivalent. Das ist eine zutiefst pessimistische Aussage“, sagt Kurt Hahlweg von der TU Braunschweig. Nun ist eine Aussage nicht schon deshalb falsch, weil sie pessimistisch ist. Tatsächlich bestehe zwischen früher Bindungsqualität und individueller Biografie ein Zusammenhang, lautet das Fazit einer Langzeitstudie, die Ericksons Forschergruppe 1975 startete. Nach 25 Jahren kontinuierlicher Beobachtung von Familien (über 200 Personen) ergab die Untersuchung: Sicher gebundene Kinder haben schon im Vorschulalter ein höheres Selbstwertgefühl. Sie sind aufgeschlossener, freundlicher und auch besser in der Lage, Konflikte zu bewältigen. Und dieses Muster hält bis ins frühe Erwachsenenalter. Der Befund wurde von einer Reihe internationaler Studien bestätigt. In Deutschland untersucht das Psychologenpaar Karin und Klaus Grossmann in der „Bielefelder Längsschnittstudie“ seit über 20 Jahren Bindungsqualitäten an 49 Familien. Offenbar sind es vor allem emotionale Fähigkeiten, die aus einer frühen sicheren Bindung erwachsen.

Doch gelingt es nun mit Steep, aus Müttern „bessere“ Mütter zu machen? Erfüllt das Programm sein Versprechen, Kinder aus sozial belasteten Milieus zu emotional stabilen Persönlichkeiten zu entwickeln? Leider hat sich diese Hoffnung nur zum Teil erfüllt. Der Beweis, dass sich das Konzept der Feinfühligkeit wirklich auf die Qualität der Bindung auswirkt, steht aus. In einer begleitenden Untersuchung von Steep ließen sich keine signifikanten Unterschiede der Bindungsqualität zwischen der Behandlungs- und der Kontrollgruppe feststellen. Martha Erickson ist dennoch überzeugt, den Zusammenhang eines Tages belegen zu können.

Doch selbst wenn Steep keinen messbaren Einfluss auf die Bindungsqualität der Kinder hat, so bewährt es sich als praktisches Lernprogramm für junge Eltern. Sie lernen, Ängste zu überwinden, Sicherheit zu entwickeln und zu einer realistischen Selbsteinschätzung zu kommen. Damit ist Steep ein Forschungsprogramm, das zugleich der Sozialarbeit dient. Davon kann man sich auch am Hamburger Ableger überzeugen. Das Programm steckt hier noch in den Anfängen und orientiert sich recht genau am amerikanischen Vorbild. Bei Steep Hamburg beträgt der Anteil von Risikofamilien 25 Prozent. Insgesamt spiegelt die Verteilung der Rat Suchenden das ganze Ausmaß der Schwierigkeiten wider, die Neugeborene ihren Erzeugern bereiten. Meist lösen sie Ehekonflikte aus, ein Drittel der Eltern lässt sich wegen Paarproblemen beraten. 29 Prozent der Hilfe Suchenden kommen in der Trotzphase des Kindes, viele können nicht richtig schlafen, und 20 Prozent fühlen sich einfach unsicher. Der Rest verteilt sich auf Frühgeburten oder Entwicklungsauffälligkeiten.

Marianne Jansen (Name geändert) gehört zu den Unsicheren. Wunschkind Sven, eindreiviertel Jahre alt, ist zwar anstrengend, brüllt viel und schläft wenig, ist ansonsten aber ein wahrer Sonnenschein. Krabbel- und Laufprogramm werden im Sturm in Angriff genommen, Spielzeuge, Eltern, der Familienhund heftig geliebt, Freude und Missbehagen leidenschaftlich geäußert. Alles in allem kein Grund zur Sorge, trotzdem wird seine Mutter von Albträumen geplagt. Bald nach Svens Geburt träumte sie jede Nacht, ihr Kind sei gestorben. Sie sah es in einem Sarg, sich selbst an seinem Grab, bis sie aus lauter Angst vor diesen Träumen kaum noch schlief und glaubte, verrückt zu werden. Schließlich riet ihr eine Freundin: „Du brauchst professionelle Hilfe.“

Die bekam sie von Gerhardt Süss – das volle Steep-Programm: eine Analyse ihrer eigenen schwierigen Kindheit als zur Adoption freigegebenes Heimkind, Gesprächssitzungen zusammen mit ihrem Mann beim Therapeuten, der die Familie auch zu Hause besuchte. Vor allem die Videoaufnahmen von der Familie mit Sven in voller Aktion und deren anschließender Auswertung haben ihr über die Angst, Fehler zu machen, allmählich hinweggeholfen. Ihre Albträume haben seit ein paar Wochen aufgehört, und inzwischen traut sie sich sogar zu sagen: „Eigentlich mache ich mit Sven auch ganz viel richtig.“

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 02/2003
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