WelthandelIm Takt von tausend Nähmaschinen

In Bangladesch fertigen 1,5 Millionen Menschen Hemden und Hosen für die Kaufhäuser der Welt. Sie schuften und schwitzen – und verdienen zum ersten Mal eigenes Geld. Eine Reportage aus Dhaka

Der lila Fleck hinter dem Smog ist die Sonne. Der Tag beginnt mit schmutzigem Licht. Die Frauen gehen zur Arbeit.

Sie gehen durch den Matsch und den Kot, hinaus aus den Slums und vorbei an den Lastwagen und Taxis und Bussen und Mopeds und an den Polizisten in Atemschutzmasken. Sie sind nicht Dutzende und nicht Hunderte, sie sind Hunderttausende. Die Straßen sind voll von ihnen, aber nur für ein paar Minuten, dann verschwinden die Frauen aus den Slums in schwarzen Treppenaufgängen hinter eisenbeschlagenen Türen und schimmelnden Wänden. Dort verbringen sie den Tag, mit rundem Rücken über Nähmaschinen gebeugt. Manchmal arbeiten sie 10 Stunden, manchmal 12, manchmal 19, manchmal werden sie geschlagen. Am Ende eines gewöhnlichen Tages haben sie 300 Ärmel oder 300 Kragen oder 300 Knopfleisten an 300 Hemden genäht und einen Dollar verdient, manchmal 1,20 Dollar und manchmal gar nichts, denn manchmal bekommen sie ihren Lohn nicht ausbezahlt.

Ein paar gewöhnliche Wochen später liegen die Hemden oder die Hosen oder die Jacken oder die T-Shirts in den Einkaufszentren von Cambridge und Chicago, von Houston und Hanau. Sie kosten so viel, wie eine Näherin in einem Monat verdient oder in zwei Monaten, und auf den Etiketten steht das Logo von Nike (jährlicher Gewinn: 590 Millionen Euro). Oder adidas (208 Millionen) oder Tommy Hilfiger (131 Millionen) oder Levi’s (151 Millionen) oder wie die Konzerne alle heißen.

Damit könnte diese Geschichte schon zu Ende sein. Sie wäre eine kurze, traurige Geschichte über die Ausbeutung und darüber, wie die Globalisierung dafür sorgt, dass die einen reich werden und die anderen arm bleiben.

So simpel könnte es sein.

Nachschub für die Wühltische

So simpel wäre es, wenn da nicht die Sache mit der Batteriesäure wäre. Wenn da nicht Textilarbeiterinnen wären wie Muni und Nazma Akhter und Wissenschaftlerinnen wie Pratima Paul-Majumder und ein Mann namens Christian von Mitzlaff. Wenn da nicht all diese Menschen wären, die aus der kurzen eine lange Geschichte machen, an deren Ende die Globalisierung als etwas erscheint, das sich mit Wörtern wie „arm“ oder „reich“, „gut“ oder „schlecht“ nicht so recht greifen lässt. All diese Menschen haben zunächst nur gemeinsam, dass sie in Dhaka leben, der Hauptstadt von Bangladesch. Einem der ärmsten Länder der Erde. Einem der größten Nachschublieferanten für die Modehäuser, Kleiderstangen und Wühltische der Welt.

Das läuft zum Beispiel so: Jedes Jahr werfen die deutschen Textilunternehmen 550 Millionen TShirts und Unterhemden auf den Markt. Nur knapp 40 Millionen produzieren sie selbst, den Rest bestellen sie möglichst billig bei Zehntausenden Fabriken in Osteuropa und Asien. Meist nicht direkt, sondern über Zwischenhändler und Agenten, die die Aufträge bündeln und an die Produzenten weitergeben. Muss es schnell gehen, helfen Subunternehmer aus. Geht es trotzdem nicht schnell genug, springen Subsubunternehmer ein. Am Ende aber sitzt immer irgendwo irgendjemand an einer ratternden Nähmaschine und näht den Stoff zusammen. In Bangladesch sind es 1,5 Millionen Menschen in 3500 Fabriken.

Draußen auf der Straße verhaken sich tausend Rikschas mit tausend Autos und tausend Lastern und tausend Mopeds zum täglichen Verkehrsdickicht, das auch zehntausend Hupen nicht zerschlagen. Fünf Meter weiter oben rast hinter brüchigen Fenstern der Beat von hundert Nähmaschinen durch die niedrige Halle. Ventilatoren rühren in dicker Luft, die Näherin an Maschine 15 kriegt von Nummer 14 das nächste halb fertige Jeanshemd auf den Tisch. Trrrrrrrrrrrrrrrrt, näht sie den Kragen an und gibt das Hemd weiter zu Nummer 16, trrrrrrrrrrrrrrrrt, die Knopfleiste und weiter zur nächsten Maschine, trrrrrrrrrrrrrrt, die Knopflöcher, trrrrrrrrrrrrrrrrt, die Brusttasche, die Ärmel, die Knopflöcher an den Ärmeln, den Saum an den Ärmeln, trrrrrrrrrrrrrrrrt. Bis bei Maschine 39 das unsichtbare Fließband endet.

An Maschine 21 sitzt Muni.

Sie ist 19 Jahre alt, ein mageres Mädchen mit Kinderarmen und dem Gesicht einer erwachsenen Frau. Sie trägt einen dünn gewaschenen orange-roten Sari und an den Ohren zwei kleine Ringe aus goldenem Plastik, von der Art, wie man sie früher in Deutschland aus den Kaugummiautomaten ziehen konnte. Seit drei Jahren arbeitet Muni an der Nähmaschine, seit drei Jahren kommt es vor, dass einer der Aufseher sie schlägt, wenn sie nicht schnell genug näht. Seit drei Jahren lebt sie im Slum.

Aber Muni sagt, sie sei froh, dass sie hier arbeiten kann. Sie sagt, sie möchte nie mehr zurück aufs Land.

Dort draußen, wo die Autos selten und die Straßen staubig sind, war früher ihr Zuhause, in einem dieser kleinen Dörfer, die fast überall in Bangladesch auf dieselbe Weise gespenstisch aussehen. Jeder zweite Mensch in diesen Dörfern ist eine Frau, jedenfalls in etwa, aber sie sind nicht zu sehen, die zweiten Menschen. Man sieht nur Männer. Sie trinken Tee, hocken am Boden, verkaufen Bananen, reparieren Rikschas, kleben Schuhe, flicken Hemden oder stehen unter einem Baum zusammen und schwatzen.

Die Frauen müssen drinnen bleiben, in den Hütten und den Häusern. So wie es seit Jahrhunderten der Islam befiehlt oder die Tradition oder die Lust der Männer an der Macht oder wahrscheinlich alles zusammen.

In diesen Dörfern haben Eltern viele Kinder, aber meist nur einen winzigen Acker, der die Familie kaum ernährt. Muni war 13, als ihr Vater sie verheiratet hat, an einen Mann aus der Nachbarschaft. Keine ungewöhnliche Hochzeit war das, viele Mädchen auf dem Land heiraten schon mit 10 oder 11 Jahren.

Von da an war Muni eine Ehefrau, aber mit dem Mutterwerden hat es nicht geklappt. Ihr Mann verlangte nach Kindern, die sie nicht gebar. Er forderte eine höhere Mitgift, neues Geld, das Munis Vater nicht besaß. Er schlug sie, fast jeden Tag. Am Ende hat er sie verlassen.

Laut einer Studie der Vereinten Nationen sind Verbrechen gegen Frauen nirgendwo auf der Welt häufiger als in Bangladesch. Vor allem die Zahl der so genannten Säureattentate ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Männer schütten Frauen die Säure aus alten Autobatterien ins Gesicht, verätzen ihnen die Haut, zerstören ihre Augen. Oft sind die Täter tobende Gatten oder abgewiesene Verehrer.

„Muni, was denkst du von den Männern?“

Schweigen, ein paar Sätze auf Bengali, ein gesenkter Blick.

„Sie sagt, Männer sind manchmal wie Tiere“, sagt die Dolmetscherin und lacht verlegen.

Muni ist dann zu ihrem Bruder gezogen, nach Dhaka, in die Stadt unter dem Smog. In den Häusern und auf den Straßen und auf dem Brachland zwischen den Straßen drängen sich dort zehn Millionen Menschen und wollen leben.

„Ich habe ein eigenes Konto“

Jeder Dritte lebt im Slum, schätzt die örtliche Hilfsorganisation Proshika. Aber „Slum“ ist so präzise wie „Obst“. „Slum“, das kann ein Zeltfetzen über trockener Erde sein, ein Verhau aus Tüten und Plastikfolien oder ein klappriges Gestell aus Bambusstangen, und wenn „Slum“ eine stabile Baracke aus Ziegelsteinen und Wellblech bedeutet, dann haben die Bewohner noch Glück gehabt, vergleichsweise. In so einem Slum wohnt Muni. Die Baracke hat keine Fenster, ist so groß wie eine durchschnittsdeutsche Küche, und Muni teilt sie sich mit ihrem Bruder und dessen Frau und Sohn. Ratten und Moskitos passen auch noch hinein.

Aber wenigstens ist das Dach stärker als der Regen, und hinter der Hütte stehen eine Wasserpumpe und eine Wellblechlatrine.

Muni weiß nicht, in welchen Ländern die Hemden und die Hosen verkauft werden, die sie jeden Tag zusammennäht. Sie weiß nur, dass eine Frau wie sie schwer Arbeit findet in Dhaka. Sie könnte als Hausmädchen bei reichen Leuten schuften, sie könnte irgendwo am Straßenrand mit einem schweren Hammer einen Berg von Ziegelsteinen zu roten Bröseln zerklopfen, aus denen Bauarbeiter Zement anrühren. Sie würde 500, vielleicht 600 Thaka im Monat verdienen.

60 Thaka sind ein Dollar, 20 Thaka ein Kilo Reis. An der Nähmaschine verdient Muni 1900 Thaka im Monat. Wenn sie viele Überstunden macht, und sie macht gern Überstunden, kriegt sie noch mehr. Den Großteil des Geldes gibt sie ihrem Bruder, damit er die Miete für die Baracke zahlen kann. Einen kleinen Teil behält sie für sich. „Ich habe jetzt ein eigenes Konto“, sagt sie.

Eine Frau vom Land, in Bangladesch, die ein eigenes Konto hat. Eigenes Geld, das sie ausgeben kann, wofür sie möchte. Früher wäre das in etwa so gewesen, als hätte sie gesagt: „Ich habe ein eigenes Flugzeug.“ Früher, sagen bengalische Wissenschaftler, seien Frauen in den Arbeitsmarktstatistiken fast nicht aufgetaucht. Heute sind acht von zehn Arbeitskräften in den Textilfabriken Frauen.

Im Norden Dhakas liegt auf einer braungrünen Wiese ein Betonklotz mit Fenstern darin. Ein Schild vor dem Eingang gibt dem Klotz einen Namen: „Bangladesh Institute of Development Studies“. Als wollten sie Forscher und Forschungsobjekt einander nahe bringen, haben auf der anderen Straßenseite ein paar Familien ihre Wohnungen gebaut. Schiefe Verschläge aus grauen Brettern stehen da, Jutesäcke ersetzen die Türen, unterernährte Frauen hocken im Staub und rühren in Blechtöpfen. Ein kleiner Junge schmiert sich feuchte Erde ins Gesicht.

Im Institut für Entwicklungsstudien sitzt inmitten von Bücherstapeln eine bescheidene ältere Dame im graublauen Sari, rückt sich die Brille zurecht und versucht ein Urteil zu fällen.

Sie heißt Pratima Paul-Majumder und hat Hunderte Textilarbeiterinnen befragt. Manche stammen aus den ärmsten Teilen des Landes, andere aus der Stadt und sind mehrere Jahre zur Schule gegangen. Manche sind ledig, andere haben Ehemänner und Kinder und müssen die ganze Familie ernähren. Fast jede Zweite verletzt sich bei der Arbeit oder wird chronisch krank.

Die Ursachen sind heiße, überfüllte Fabriken, veraltete Nähmaschinen, schlecht isolierte Stromkabel. Die Symptome sind chronischer Husten, brennende Augen, durchstoßene Finger, lähmende Stromschläge. Und dennoch, sagt die Forscherin, sei die Textilindustrie ein großer Fortschritt für das Land. Eigene Einkommen, eigenes Geld – viele Arbeiterinnen könnten zum ersten Mal im Leben eigene Entscheidungen treffen. Zahlen belegen das. Näherinnen heiraten später als andere Frauen. Von Jahr zu Jahr leben mehr von ihnen in kleinen Wohnheimen mit anderen Näherinnen zusammen, ohne Bewacher, ohne Männer. Ein Skandal noch vor kurzem. Inzwischen fängt das Land an, sich daran zu gewöhnen.

Pratima Paul-Majumder sagt: „In der Vergangenheit wurden Mädchen in Bangladesch auf einen Schlag vom Kind zur Hausfrau und Mutter. Durch die Arbeit in den Fabriken haben sie eine Jugend bekommen.“

Dies ist eine lange Geschichte über die Relativität von Reichtum und über die seltsamen Umwege, die Globalisierung manchmal nimmt. Nach Bangladesch gelangte sie 1974, und damals bekam die Erste Welt Angst vor der Dritten.

Viele Hemden, wenig Dollars

Seit Jahren hatten die Textilkonzerne eine wachsende Zahl von Aufträgen nach Ostasien vergeben. In Europa und Amerika gerieten Hunderttausende Jobs in Gefahr. Auf Druck des Westens unterschrieben die Regierungen das so genannte Multi-Fibre-Arrangement (MFA). Von da an durften Länder wie Südkorea oder Taiwan nur noch eine bestimmte Zahl von Textilien nach Europa und Amerika exportieren. Ein paar Millionen Hemden pro Land und Jahr, alles darüber war verboten.

Der koreanische Daewoo-Konzern fürchtete um sein Geschäft und fand einen Ausweg. Warum nicht selbst einen Teil der Produktion ins Ausland verlegen und damit die Mengenbegrenzung umgehen? Die Koreaner wählten 150 Bangladeschis aus und zeigten ihnen, wie man in Dhaka eine Fabrik führt. Zunächst arbeiteten sie für Daewoo, aber schnell bekamen die frisch geschulten Manager Lust auf eigenen Reichtum, eröffneten eigene Unternehmen und warben selbst im Westen um Aufträge. An den Hemden berauschten sie sich wie einst die Amerikaner am Gold. 1978 brachte es Bangladesch auf zehn Textilfabriken. Heute sind es 350-mal so viele. Sie erwirtschaften 76 Prozent der gesamten Exporteinnahmen des Landes.

Die Welt schloss einen Vertrag, die Globalisierung zu bremsen, und auf einmal rattern in Dhaka die Nähmaschinen für den Weltmarkt. Die Konzerne wollen Geld sparen, geben wenig Dollars für viele Hemden. Ein gutes Geschäft, nichts weiter. Aber mit den Dollars rutscht ein Stück der Ersten Welt in die Dritte Welt, und plötzlich gerät dort einiges durcheinander.

Plötzlich haben bengalische Näherinnen ein eigenes Konto.

Plötzlich gründen bengalische Näherinnen eine eigene Gewerkschaft und fordern bessere Arbeitsbedingungen.

Nazma Akhter war elf, als sie mit dem Nähen begann. Richtig lesen und schreiben hat sie bis heute nicht gelernt, aber Mut zu haben, das hat sich die zierliche Frau irgendwann selbst beigebracht. Vor Jahren erlebte sie, wie zehn Arbeiterinnen im Feuer starben, weil schwere Schlösser die Fabriktüren versperrten. Später protestierte sie mit Sitzstreiks gegen prügelnde Aufseher, was sie und 79 Kolleginnen den Job kostete. Heute ist sie 27 und Chefin von Biguf, der Bangladesh Independent Garment Workers Union Federation.

Auf Einladung amerikanischer Gewerkschafter ist Nazma Akhter durch die USA gereist. Sie hat die staubfreien Nike-Stores gesehen und die ewig lächelnden Verkäufer in den Wal-Mart-Supermärkten, die Hemden made in Bangladesh verkaufen. Hat gesehen, wie amerikanische Jugendliche ein Dutzend T-Shirts neben die Kasse packten und ihre Kreditkarten zogen. Und hat eine Ahnung davon bekommen, wer es letztlich in der Hand hat, unter welchen Bedingungen in ihrer 18000 Kilometer entfernten Heimat die Frauen für den Weltmarkt arbeiten: die Verbraucher in den reichen Ländern.

Ein Siegel für faire Arbeit

Seit vor Jahren amerikanische Studenten mit Boykott drohten, hängen an mancher Fabrikwand in Dhaka, in Sichtweite der Nähmaschinen, englische Texte, in denen viel von Arbeitsrechten die Rede ist. Es sind so genannte Codes of Conducts, Verhaltensrichtlinien, mit denen europäische und amerikanische Textilunternehmen ihre Zulieferer verpflichten, die Arbeiter fair zu behandeln.

„Das Problem ist, dass die Unternehmen sich meist selbst kontrollieren.“ Der das sagt, heißt Christian von Mitzlaff, ist 42 Jahre alt und seit 42 Jahren Deutscher, aber von Deutschland hat er nicht viel gesehen in den vergangenen Jahren. Dafür umso mehr von Afrika, Osteuropa und Bangladesch. Mitzlaff war beim Roten Kreuz, bei der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) und zuletzt bei der International Labour Organisation (ILO) in Dhaka. Für die ILO hat er Textilfabriken inspiziert, was ihn auf die Idee brachte, nach Jahrzehnten als Angestellter sein eigenes Unternehmen zu gründen, das „Lift Standards“ heißt und derzeit noch eine ziemliche Rarität ist: ein Unternehmen, das Arbeitsbedingungen in Textilfabriken überwacht und zertifiziert, ähnlich wie Rating-Agenturen die Kreditwürdigkeit von Firmen prüfen.

Die Idee scheint sich zu verbreiten. Kurz vor Weihnachten beschlossen die von der Bundesregierung finanzierte GTZ und die Außenhandelsvereinigung des Deutschen Einzelhandels, ein Verfahren zu entwickeln, wonach hiesige Unternehmen ihre Lieferanten von unparteiischen Kontrolleuren inspizieren lassen.

Für einen Moment entspinnt sich daraus die Vision einer geglückten Globalisierung, einer Art weltweiter sozialer Marktwirtschaft: Die Konsumenten im Norden verlangen faire Arbeitsbedingungen im Süden, die Konzerne verpflichten sich, nur bei entsprechenden Lieferanten einzukaufen, und unabhängige Prüfer kontrollieren, ob sie sich daran halten.

Könnte eine schöne Zukunft sein. In Bangladesch aber wird sie womöglich nie beginnen.

Bangladeschs Gegenwart begann damit, dass schwere Füller über Papier kratzten, und damit könnte sie auch enden. Am 31. Dezember 2004 endet das Multi-Fibre-Arrangement, so steht es in den Verträgen. Dann darf jedes Land beliebig viele Textilien exportieren. Es verschwindet also der Grund, aus dem die Aufträge einst nach Bangladesch kamen, und vermutlich werden auch viele Aufträge verschwinden. In Bangladesch sind die Straßen löchrig, der einzige große Hafen ist veraltet, und immer mal wieder fällt der Strom aus. Die Hemden und die Hosen bleiben liegen oder werden nicht fertig, und das raubt den Einkäufern aus Deutschland und Amerika die Geduld. Die jungen Leute vor den Schaufenstern und Regalen in den Fußgängerzonen wollen nicht monatelang die gleichen Klamotten sehen. Also lieber ohne Mengenbegrenzung in China oder Indien oder der Türkei bestellen und ein paar Cents mehr bezahlen. Und dort Arbeitsplätze schaffen. Und sie in Dhaka vernichten. Die internationale Hilfsorganisation Oxfam rechnet damit, dass Hunderttausende Frauen ihren Job verlieren.

Man könne sich manchmal gar nicht vorstellen, welche Folgen so ein paar Unterschriften haben, sagt Christian von Mitzlaff.

Niemand werde mehr nach Arbeitsstandards fragen, nur noch nach Jobs, sagt Nazma Akhter.

Und Muni sagt nur, dass sie Angst hat.

Vorwärts in die Vergangenheit. Manche Frauen aus den Fabriken werden wieder als Hausmädchen arbeiten, andere als Helferinnen auf irgendwelchen Baustellen. Den Geschiedenen, Verlassenen, Verstoßenen, den Müttern ohne Ehemänner aber bleibt womöglich nur noch das Warten auf den Stau.

Immer wenn in Dhaka die Autos stehen und die Rikschas und die Busse und die Mopeds und die Laster, dann kommen sie heran, die verwahrlosten Frauen mit ihren verkümmerten Kindern. Dann klopfen sie jammernd an das Blech und die Scheiben. Wenn sie Glück haben, öffnet sich irgendwo ein Spalt und ein paar Münzen fallen heraus.

Mitarbeit: Eva Lehnen

 
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