Am Straßenrand hocken dicke Schneehaufen. Die Hausdächer sind weiß eingemummelt. Es hat die ganze Nacht über geschneit, und das steht dem kleinen Ferienort Bayrischzell prächtig. Der Skiverleih hat auch am Sonntag geöffnet. Oben, am Sudelfeld, wedeln die Skifahrer aus Rosenheim und München herum, ohne großes Gedränge und Gedröhne. Ein Schneetag, wie es früher viele gab. Und wie sie heute selten geworden sind. "Vor 20 Jahren hatten wir noch 100 Tage Skibetrieb. Und jetzt zwei Wochen im Schnitt", registriert Rüdiger Dietrich, der lange Betriebsleiter der Wendelsteinbahn war, die hinaufführt zum zweiten Wintersportgebiet von Bayrischzell. "Der Skibetrieb lohnt nicht", sagt er.

Die Seilbahnbetreiber müssen eine Menge Geld in den Winter stecken. Für Pistenpräparierung und -markierung, für Schutzzäune, für die künstliche Beschneiung. Denn die Skifahrer erwarten auch in den kleinen Skiregionen optimale Bedingungen. Die sind sie gewohnt. Von den konkurrierenden Nachbarn im Schneegeschäft, von Österreich, der Schweiz, von Südtirol. Und gegen die haben’s die Wintersportgebiete zwischen Isar und Inn schwer. Das hat viele Gründe.

Bayern hat von Natur aus Pech. Das Zwanzigstel der Alpen, das zum Land gehört, zählt zur Nordkante. Und die ist nicht eben das Areal für breite Skiautobahnen: viel Bergwald, sehr steil, daher sehr pflegebedürftig, vielerorts, wie am Wendelstein, wie am Berchtesgadener Jenner, geeignet nur für gute Skifahrer. Und kaum einer der Berge bequemt sich auf Höhen über 2000 Meter, dorthin, wo es in der Regel noch genügend Schnee gibt. Längst wird davon ausgegangen, dass sich der große Skizirkus nur in Höhen ab 1500 Metern auf die Dauer rentiert. Schon in den vergangenen beiden Jahrzehnten trugen viele Wintersportorte in Oberbayern, vor allem in den bescheidenen Höhenlagen zwischen 600 und 800 Metern, nur wenige Wochen eine geschlossene Schneedecke.

In Oberbayerns Skigebieten schneit es meist weder reichlich noch regelmäßig genug und vor allem nicht immer zur rechten Zeit. Liftbetreiber wie Wirte hätten dicken Schnee am liebsten schon zu Weihnachten. Diesmal war’s wieder nichts. Außerdem können bereits geringfügige Klimaänderungen – wie die innerhalb der nächsten 60 Jahre zu erwartende Zunahme der Temperatur um circa 1,5 Grad Celsius – erhebliche Folgen haben: Zunehmend extreme Schneefälle im Spätwinter, die einen geordneten Skibetrieb erschweren oder gar unmöglich machen.

Die oberbayerischen Skigebiete Bayrischzell mit Wendelstein und Sudelfeld, Schliersee mit dem Spitzing und Lenggries mit dem Brauneck leben praktisch nur noch vom Wochenend- und Naherholungsbetrieb. Seit Jahren sinkt die Aufenthaltsdauer, schrumpft die Infrastruktur: Die Geigelsteinbahn in Schleching fährt nur noch im Sommer; in Ruhpolding, Rottach-Egern, Mittenwald und Oberammergau sind aus ehemals attraktiven Skiabfahrten Snowboarder- und Freerider-Routen geworden – so spart man sich die teure und aufwändige Pistenpräparierung.

Kandahar und Horn haben der Region den guten Ruf eingebracht

Dahinter aber, in Salzburg, in Tirol, in Vorarlberg, auch in Südtirol und im Engadin breiten sich endlose Skiregionen aus, von denen man weiter nördlich nur träumen kann: die Kitzbüheler Alpen, das Zillertal, Ischgl, der Arlberg, dazu absolut schneesichere Gletschergebiete wie Stubai oder Sölden. Weil aber die natürlichen Bedingungen für den Wintersport in diesen Regionen ohnehin schon hervorragend waren, fiel es wohl leichter, der Natur nachzuhelfen, wo es nötig schien. Während es im Freistaat Bayern seit 1972 einen Alpenplan gibt, der unterschiedliche Schutz- und Erschließungszonen ausweist, hat man in Österreich, ganz speziell in Tirol, viele Jahre lang nahezu hemmungslos gebaut, erschlossen, vergrößert – von öffentlicher Hand fleißig subventioniert und von verminderten Steuersätzen begünstigt. So beträgt der Anteil der künstlich beschneibaren Pistenflächen in Österreich 30 Prozent, in den Dolomiten 90 Prozent – in Bayern gerade 10 Prozent. Beschneiungsanlagen werden erst seit Mitte der neunziger Jahre leichter genehmigt. Für größere Investitionen fehlt es an Geld.

Viele der Bergbahnen sind errichtet worden, als man für den Wintersport in Bayern noch auf eine große Zukunft hoffte. Das war in den fünfziger, sechziger Jahren. Schon von 1970 an, als Österreich in immer größerem Maße zu investieren begann, wurde der reine Wintersporturlaub in Oberbayern zum Auslaufmodell. Während die Bergbahnen in Bayern durchweg nur ein paar hundert Personen pro Stunde befördern, baggern die großen Gondeln in den Nachbarländern in der gleichen Zeit bis zu 4000 Wintersportler in die Höhe.