Welcher Schmetterling ist 14 Millimeter groß und hat eine Flügelspanne von 35 Millimetern? Haig blickt auf den Bildschirm vor sich, denkt kurz nach und klickt dann mit der Computermaus auf den Schriftzug Gruppe . Jetzt hat er die Wahl zwischen Motten und Schmetterlingen. Er markiert Schmetterlinge und wählt den Punkt Körpergröße. Keine halbe Minute und ein paar Mausklicks später weiß der Zehnjährige Bescheid: Der gesuchte Schmetterling ist der Blaue Eichenzipfelfalter, eindeutig.

Computerunterricht in der dritten Klasse der Acocks Green Junior School im Osten Birminghams. 26 Kinder, alle neun oder zehn Jahre alt, lernen anhand von Motten und Schmetterlingen, wie eine Datenbank funktioniert. Im Computerraum oder an den Laptops in ihren Klassenzimmern büffeln sie aber auch Englisch, Musik, Religion, Kunst oder Mathe. Im Schnitt vier volle Stunden die Woche. Alle Lehrer und Lehrerinnen der Schule nutzen den Computer regelmäßig im Unterricht. Die Acocks Green Junior School ist nicht etwa eine einzigartige Modellschule oder ein Vorzeigeprojekt. Sie ist eine normale Grundschule in Birmingham.

Busenwunder bleiben draußen

Die Region Birmingham mit ihren 453 staatlichen Schulen hat etwas Außergewöhnliches geschafft. Anders als in Deutschland, wo außerhalb von speziell geförderten Pionierschulen oft nur eine Hand voll Lehrer neue Medien intensiv nutzt, gehören Computer, Laptops oder interaktive Tafeln hier in den meisten Schulen zum Alltag. Die Schüler der Region können überdurchschnittlich gut mit Computern umgehen und sind auch besser als andere in der Lage, kritisch zu bewerten, was sie aus dem Internet fischen. Und während sich andernorts Kinder aus armen Gegenden beim Lernen mit dem PC schwerer tun als ihre Klassenkameraden aus wohlhabendem Hause, ist dieser Zusammenhang in Birmingham nur schwach ausgeprägt. Das fand die Bertelsmann Stiftung in Gütersloh heraus, als sie in einer aktuellen Studie in Europa und Übersee nach positiven Beispielen für den Computereinsatz in Schulen fahndete.

Hinter diesen Ergebnissen stecken Menschen wie Jane Langfield. Die 48-Jährige arbeitet als so genannte E-Learning-Managerin bei der lokalen Bildungsbehörde. Noch vor drei Jahren war sie Rektorin einer Grundschule in einem heruntergekommenen Innenstadtbezirk. Der Alltag der Kinder dort: Armut, arbeitslose Väter, Angst vor Kriminalität, überfüllte Wohnungen. Und Eltern, die bei den Hausaufgaben schon deshalb nicht helfen können, weil sie kein Englisch sprechen. Damals fing Jane Langfield an, mit Computern in der Schule zu arbeiten. Ihr Motiv dafür ist damals wie heute das gleiche, und es hat erst mal wenig mit Schlagworten wie "Informationsgesellschaft" oder "Arbeitsmarkttauglichkeit" zu tun. "Wir müssen jedem Kind die Möglichkeit geben, seine Fähigkeiten zu erkennen und auszuschöpfen", sagt sie. Mit Maschinen statt mit Menschen? "Wir wollen die Kinder doch nicht isolieren oder drillen oder die Lehrer abschaffen", stellt sie klar. Matheunterricht im virtuellen Klassenzimmer zum Beispiel. Den probieren sie gerade aus. Er könnte schwachen Schülern helfen, die dann Extrakurse vor dem PC bekommen. Mit einem Tutor irgendwo am anderen Ende der Leitung, der mehr Zeit für den Einzelnen hat als der Lehrer in der Klasse. Umgekehrt könnte man die Mathe-Cracks der Stadt virtuell zusammenbringen und ihnen so mehr bieten als Langeweile im Unterricht. Das starre Korsett der Schule mit ihrem Einheitsprogramm aufbrechen, darum geht es.

Jane Langfields Arbeitgeber, die Bildungsbehörde der Region Birmingham, bringt die Schulen ins Internet, versorgt sie und ihre Schüler mit E-Mail-Adressen, betreibt eine eigene Beratungs-Hotline für Lehrer, die mit Computerproblemen kämpfen, und schickt im Notfall Techniker los. Vor allem aber hat sie zusammen mit einer privaten Firma eine virtuelle Lernwelt entwickelt, die den Lehrern das Unterrichten leichter macht. Mit Lernmaterial für 500 Stunden, oft selbst entwickelt und mit Bezug zu Birmingham. Mit der Möglichkeit, die Schüler ins Internet zu lassen, ohne dass sie in Chatrooms abwandern, Busenwunder herunterladen oder der Waffenseite einen kurzen Besuch abstatten. Mit der neuesten Version, die gerade getestet wird, kann sich der Mathelehrer eine andere Eingangsseite zusammenbasteln als der Deutschlehrer. Lehrer können Schülern Hausaufgaben und Internet-Links auf deren Startseiten schicken oder auch Bilder, die sie an die letzten Unterrichtseinheiten erinnern. Sicherheitsbarrieren lassen sich dann für einzelne Klassenstufen und sogar für einzelne Schüler festlegen. Die Großen können zum Thema "Tod" recherchieren, die Kleinen bekommen nichts zu sehen.

Lehrer müssen sich bewerben

"Unsere Aufgabe ist es, den Schulen den Einsatz der neuen Medien so leicht wie möglich zu machen", sagt Langfields Chef Chris Price, der bei der Bildungsbehörde die so genannten Education IT Services leitet. Dafür, dass dies nicht bloße Rhetorik bleibt, sorgen auch ganz handfeste Motive. Denn die Schulen sind bei der Behörde Kunde. Sie zahlen für deren Service. 1200 Pfund im Jahr zahlen für die virtuelle Lernwelt, Verbindungskosten inklusive. Für einen Techniker, der einen Tag lang vorbeikommt, berappt eine Grundschule rund 150 Pfund. Leisten können die Schulen sich das, weil sie es sind, die den Löwenanteil des Schulbudgets verwalten – auch die Extramittel, die London für neue Medien lockermacht, in den letzten vier Jahren immerhin mehr als eine Milliarde Euro. Wenn die Schulen die Angebote der Behörde nicht wollen, nimmt die eben weniger ein – und muss im Extremfall Mitarbeiter entlassen.