Lily-white war die ganze Schule, blütenweiß. Gemeint ist nicht das Mauerwerk, das bestand aus gelbem Klinker. Und die Flure waren in einem Lindgrün gestrichen, von dem die Verwaltung so viel besorgt haben muss, dass sie es allen öffentlichen Gebäuden verpasste. Lily-white, mit blütenweiß nicht ganz korrekt übersetzt, hieß: Hier gab es keine Schwarzen. Die wurden damals allerdings noch nicht so genannt, sie hätten das selber abgelehnt. Colored war die politisch korrekte Bezeichnung in den USA der frühen sechziger Jahre. Negroes durfte man auch sagen, wenn man es nicht so aussprach wie ein Südstaatensheriff, der niggroes sagte und niggers dachte.

Also: An der Stratford Junior High School in Arlington, dem Vorort von Washington, auf die ich 1961 ins 7. Schuljahr kam, sah man keine Farbigen. Weder Schüler noch Lehrer. Daher fiel Señora Barrueta ein wenig auf. Sie war aus Kuba gekommen, war zwar blond, aber auch ein bisschen dunkelhäutig. Señora Barrueta unterrichtete, was sonst, Spanisch. Und daran war nun wirklich nichts Außergewöhnliches. Außer an die paar Sätze, die bis heute bei mir hängen geblieben sind, erinnere ich mich nur noch an die kubanische Aussprache, die sehr anders klingt als das Kastilische, das man auf der iberischen Halbinsel lernt. Worte, die auf N enden, están zum Beispiel, werden in Kuba wohl so gesprochen, als sei da noch ein g hinten dran: estáng. Und natürlich wird das S nicht gelispelt. Gott sei Dank, denn ich hatte, aus Deutschland kommend, sowieso schon Schwierigkeiten mit den englischen S-Lauten, mit der Unterscheidung zwischen dem normalen S und dem Th. Noch eine dritte Form – das gelispelte kastilische S entspricht nicht dem englischen Th –, und ich wäre zum Gespött der Klasse geworden.

Der andere schwierige Buchstabe im Spanischen ist das R. Señora Barrueta brachte uns bei, es richtig zu rollen, indem sie uns immer wieder ganz schnell B-D-B-D-B-rrrrr sagen ließ. Das funktioniert auch heute noch, wie ein Selbstversuch beweist. Aber auch das war es nicht, was die Kubanerin zu einer unvergessenen Lehrerin macht, die meinen Lebenweg entscheidend prägen sollte. Es war viel weniger und gleichzeitig mehr, es war eine hochgezogene Augenbraue.

Ich war im letzten Schuljahr – Junior High Schools gehen von der 7. bis zur 9. Klasse – zum Schülerpräsidenten gewählt worden. Alle Kandidaten mussten in einer Vollversammlung in der Turnhalle Wahlkampfreden halten. Meine wurde von ständigem Gelächter unterbrochen. Wegen der falschen S, Th, R, V und W: "Ssats vhy I vant to be your president", endete meine Rede zur allgemeinen Erheiterung.

Unter meinem Vorsitz regte die Schülermitverwaltung einen Austausch mit den anderen Junior High Schools der Gemeinde an. Eine Woche lang sollten Schülergruppen aus der einen Schule alle anderen Schulen besuchen. Aber plötzlich war die Begeisterung verflogen. Ich hatte es nicht gewusst, niemand hatte es mir gesagt: Eine der vier Junior High Schools in Arlington County, die Swanson Junior High, war eine Schule, zu der nur Schwarze gingen. Niemand von der Stratford, niemand von den anderen beiden Junior Highs meldete sich für die Woche in Swanson an. Ich traute mich aber auch nicht, als Einziger zu den colored kids zu gehen. Das wollte ich aber nicht zugeben. Also fand ich alle möglichen Gründe, den Austausch gar nicht erst zustande kommen zu lassen: Transportprobleme, Terminschwierigkeiten. Señora Barrueta, als dunkelhäutige Kubanerin selber an die Subtilitäten von Vorurteilen gewöhnt, hörte sich das alles an, sagte nichts, zog nur ungläubig eine Augenbraue hoch, um zu zeigen, dass sie nichts, aber auch gar nichts von meinen Ausflüchten hielt.

Ich habe mich derart geschämt, dass ich mich wenige Jahre später der Bürgerrechtsbewegung anschloss. Mein Studium begann ich an der University of Virginia, einer Staatsuniversität. In Virginia lebten damals, 1967, rund 20 Prozent Schwarze. An der Universität war kein einziger zugelassen. Übrigens auch keine Frauen, außer an der Krankenschwesternschule. Wir prostestierten – erfolglos. Ich verließ diese Universität, zog, oft den skeptischen Blick von Señora Barrueta vor Augen, nach Harlem. Meinen Freunden dort machte es einen Riesenspaß, mich "t he only whitey in Harlem" zu nennen.