Auch in dieser Nacht ist er allein, während er im neunten Stock des Hamburger Hotels Intercontinental Akkordarbeit leistet. Alle 60 Sekunden sagt er: "Rien ne va plus" und wirft die Elfenbeinkugel in den großen Roulettekessel aus Mahagoni. Zwei Spezialkameras wachen über das Spiel. Die Schicht des Croupiers dauert bis drei Uhr morgens. Seine Kunden und die Höhe ihrer Einsätze kennt er nicht.

Wer hier zockt, spielt kein gewöhnliches Roulette. Die Glücksspieler sitzen zu Hause oder im Büro an ihren Computern und spielen mit bei Deutschlands erstem Internet-Roulette. Es ging im November online. Über 1000 Spieler haben sich bislang registriert. Im Durchschnitt setzen sie täglich 50 bis 100 Euro ein. Die Anmeldung erfolgt per Kreditkartennummer und Kopie des Personalausweises. Mitspielen dürfen aus rechtlichen Gründen allerdings nur Gäste, die sich in Hamburg aufhalten. Das wird durch Kontrollanrufe überprüft.

Deutsche Spielbanken sind auf Kundenfang und wollen all diejenigen ködern, die sich bisher nicht ins Kasino trauten. Hamburg hat den Anfang gemacht, alle anderen deutschen Spielbanken wollen so schnell wie möglich nachziehen. Neue Spieler haben die Kasinos dringend nötig, denn die Bilanz für das Jahr 2002 ist mager ausgefallen. In den 53 deutschen Kasinos sitzen oft nur wenige Spieler an den Roulettetischen, spielen Black Jack und Bakkarat.

Nur Sex und Glückspiele bringen Geld im Internet

Auch die Lottogesellschaften müssen sich an rückläufige Umsätze gewöhnen: Die vergangenen Jahre brachten dank neuer Spiele, wie der Fußballwette Oddset, immer neue Rekordergebnisse ein. Das ist vorbei. Um 250 Millionen Euro sind im vergangenen Jahr die Einnahmen aus Toto, Spiel 77 und Glücksspirale gesunken, bei einem Gesamtumsatz von 4Milliarden Euro. Selbst das beliebteste Glücksspiel der Deutschen, das Zahlenlotto 6 aus 49, zieht nicht mehr wie zuvor. Für das erste Halbjahr 2002 wurde ein Rückgang der Einsätze von fast neun Prozent verzeichnet.

Anders ist es im Online-Geschäft: 1800 Internet-Kasinos sind in den vergangenen Jahren weltweit gegründet worden. "Da hat sich eine 4Milliarden-Dollar-Branche etabliert. "Sex und Glücksspiel sind die einzig tragfähigen Geschäftsmodelle im Internet", sagt Jason Ader, Analyst der New Yorker Investmentbank Bear Stearns, die den Markt von Anfang an beobachtet hat. 60 Prozent der Spieler sind Amerikaner, dicht dahinter Zocker aus Westeuropa, vor allem Briten und Deutsche. Das weckt Begehrlichkeiten, auch in Deutschland, wo bis zu 90 Prozent der Spielbankgewinne in die Staatskassen fließen.

In Hamburg gab es allerdings fünf Jahre lang politische Auseinandersetzungen, bevor das Online-Spiel um richtiges Geld eröffnet werden konnte. Vorläufiger Höhepunkt: SPD und Grüne haben im November eine Klage vor dem Hamburger Verfassungsgericht eingereicht, weil die Genehmigung des Online-Angebotes nicht durch das Spielbankengesetz gedeckt sei. "Ich halte das Online-Kasino gerade im Hinblick auf die vielen Spielsüchtigen für unverantwortlich", sagt die grüne Abgeordnete Dorothee Freudenberg, Fachärztin für Psychiatrie. "Es sei denn, der Senat will mit der Spielbankabgabe, die schon jetzt bei über 60 Millionen Euro jährlich liegt, unseren maroden Haushalt sanieren."

Die Hamburger Finanzbehörde räumt der Klage nur wenig Chancen ein. "Die plötzliche rot-grüne Empörung ist wenig glaubhaft", sagt ihr Sprecher Burkhard Schlesies. Schließlich war der Antrag auf Erteilung einer Lizenz für das Online-Kasino bereits 1999 gestellt worden, zu Zeiten des rot-grünen Senats, der damals eine Bewilligung in Aussicht stellte.