Dedee Crawford sieht aus, als hätte sie eine ebenso große Chance, sich auf einem ausgewachsenen Bullen zu halten wie ein Flöckchen Butter auf einem warmen Muffin. Ihre Bluejeans können höchstens Größe 36 sein, obwohl sie kompakt gebaut ist. Ihre Handteller sind kleiner als die funkelnde Gürtelschnalle, hinter die sie ihr blau kariertes Hemd gestopft hat. Sie trägt ihre Haare lang wie fast alle Cowgirls – es sieht einfach besser aus unter dem breitkrempigen Hut. Dedees Haare sind dunkelbraun, doch zur Feier des Tages hat sie sich blaues Glitzerpulver darauf gestäubt. Ihr Hut ist schwarz wie das Kajal um ihre Augen. Sie ist 21 Jahre alt und die amtierende Meisterin im Bullenreiten. »Weltmeisterin« gar, glaubt man den Ankündigungen. Wie auch immer der Titel, Dedee ist hier, um ihn zu verteidigen.

Es ist der zweite von drei Tagen im Finale, zu dem sich die besten Cowgirls aus ganz Amerika jedes Jahr in der texanischen Stadt Fort Worth treffen. »Hell’s Half Acre«, ein Stück Hölle auf Erden, wurde die Stadt im 19. Jahrhundert genannt. Es war die Zeit, als die Rancher ihr Vieh in gewaltigen Herden gen Norden trieben. Dort zahlten die hungrigen Yankees das Zehnfache dessen, was die Rinder in Texas einbrachten. In Fort Worth hielten die Cowboys noch einmal an, um Vorräte aufzuladen, bevor sie in die Indianergebiete des heutigen Oklahoma zogen. Ein animalischer Geist hing in der Stadt wie aufgewirbelter Staub. Auf dem Rodeo meint man ihn auch heute noch zu spüren, wenn das süßlich-scharfe Aroma von Pferdeschweiß durch das Coliseum zieht, die Traditionsrodeohalle in Fort Worth. Wenn die Sättel knatschen und die Sporen klirren.

Bunte Holzstühle stehen in den Logen rund um die sandbedeckte Arena. Den Metallzaun darum haben Generationen von Cowboystiefeln blank gewetzt. Fetzen von Country-Musik wehen aus der regnerischen Nacht herein, gelegentlich brüllt ein Rind. Viele Zuschauer tragen Jeans, Lederstiefel und Cowboyhüte, die Rodeoteilnehmer sowieso. Dedees Bulle wartet bereits. Er reißt den Kopf hoch und schnaubt. Rotz fliegt aus seiner Nase. Er ist massig, ein Berg zuckender Muskeln, sein dunkelbrauner Pelz wirkt löchrig, wie von Motten zerfressen. Kaum passt er in die enge Metallzelle abseits der Arena, die bucking chute, in der die Rodeoteilnehmerinnen aufsteigen. Fliegen schwirren um seinen Kopf, auf dem sich das Fell in kleinen Knubbeln abpellt wie bei einem Sweatshirt, das zu oft gewaschen wurde.

Dedee lehnt mit verschränkten Armen am Gitter und gähnt. Sie ist es gewohnt, ungläubig angestarrt zu werden, wenn sie sagt, dass Bullenreiten »einfach Spaß macht«. Resigniert zuckt sie mit den Schultern. Besser kann sie es nicht erklären. Sie schnallt sich ihre Chaps um, jene Halbhosen aus Leder, die bei der Arbeit in der Steppe vor Dornen und Kälte schützen. Legt Sporen an und schlüpft in eine dick gepolsterte Weste. Zuletzt greift sie nach ihrem bull rope, einem rauen Tau, das sie dem Bullen um den Bauch schlingen wird. Es wird ihr einziger Halt auf seinem Rücken sein. Ihr Lächeln ist jetzt mechanisch. In Gedanken ist sie bereits in der Arena. Es wird schwierig, den Titel zu verteidigen. Meisterin wird, wer über das Jahr hinweg die meisten Preisgelder einheimst. Dedee fiel gleich zu Anfang der Saison von einem Bullen und brach sich den Arm. Kaum wieder im Wettbewerb, brach sie sich das Bein. Nun liegt sie in der Preisgeldliste über 1000 Dollar zurück. Sie klettert auf den Metallzaun der bucking chute, grätscht ein Bein zur anderen Seite, senkt sich behutsam auf den breiten Bullenrücken.

Wenn es eine Hauptstadt der Cowgirls gibt, dann ist es Fort Worth. Nicht nur, weil die Rodeoreiterinnen hier die Besten unter sich küren. Im vergangenen Sommer eröffnete in der Stadt zudem das National Cowgirl Museum and Hall of Fame, einen trutzigen Bau in warmen Erdfarben, der selbstbewusst zwischen einem Naturkundemuseum und einer Landwirtschaftshalle thront. Vor allem Frauen betreten den Eingang mit den verglasten Doppeltüren, bestaunen die vielfältige Welt der Cowgirls. Hier ein Video von tollkühnen Rodeoreiterinnen. Dort Polaroidfotos aus dem Alltag von Rancherinnen. Sie zeigen Matsch, raue Hände und schäbige Scheunen, aber auch Lachen, gemütliche Farmküchen, Schlafsäcke unter freiem Himmel und Horizonte, so weit und einsam wie das Meer. Einen Sattel, besetzt mit einer halben Million Strasssteine. Eine Jukebox mit Country-Sängerin Patsy Montana. Cowgirls in Westernfilmen, in Schmalzromanen, auf der Farm, in der Arena – schön oder wettergegerbt, lange tot oder zeitgenössisch, aber immer mit einem stolzen Glanz in den Augen.

Zur Eröffnung kam die zierliche Greisin namens Connie Reeves, um in der Parade mitzureiten. Sie ist 101 Jahre alt, schwerhörig und fast blind. Doch für Fotos baut sie sich auf wie John Wayne: breitbeinig, die Daumen mit den roten Nägeln lässig in den Bund der Jeans gehakt, das Kinn unter dem Hut verwegen gereckt. Sie ist das älteste lebende Cowgirl in der Hall of Fame, das heimliche Maskottchen des Museums. Seit 67 Jahren lehrt sie in einem texanischen Sommercamp Mädchen das Reiten. Sie war 93, als ihr Pferd bei einem Ausritt in ein Hornissennest trat. 40-mal wurde das Tier gestochen. Es bockte und schmiss Reeves ab. Sie landete im Nest. Fünf Rippen brach sie sich und einen Arm. Über die Stiche sagt sie nur: »Gut, dass ich nicht allergisch bin.« Drei Monate später flog sie nach Kalifornien – in den Reiturlaub. Sattle dein Pferd immer selbst, mahnte sie alle Cowgirls in ihrer Dankesrede, als man sie in die Hall of Fame aufnahm.

Das Museum ist nicht wirklich neu, es wuchs über 27 Jahre in Hereford heran, draußen im Niemandsland von Westtexas, wo die Wüste so flach und baumlos ist, dass ein Engländer einst verstört fragte: »Gibt es hier immer so viel Himmel?« Eine Lehrerin namens Margaret Formby sammelte dort Denkwürdiges berühmter Cowgirls, weil es sie ärgerte, dass immer nur Cowboys im Rampenlicht stehen. Doch selten fanden mehr als drei Besucher pro Tag ihren Weg ins abgelegene Museum. Formby erkannte, dass sie die Sammlung abgeben musste. 32 Städte von Dodge City in Kansas bis Cheyenne in Wyoming wollten die Cowgirls haben. Fort Worth setzte sich durch. Wohl nirgendwo hätte das Museum über die wilden Frauen des Westens besser hingepasst.