Land ohne LeuteDie vergreiste Republik

Deutschland verliert jährlich 200000 Einwohner, da mehr Menschen sterben als geboren werden. Es wächst ein demografisches Problem ungeheuren Ausmaßes heran, doch die Politiker ignorieren es von E. Niejahr

Was der demografische Wandel für Deutschland bedeutet, lässt sich mit einem Radiergummi vorführen. Man stelle sich vor, auf einer Deutschlandkarte würde ein Ort nach dem anderen ausradiert: erst Lübeck, dann Magdeburg, schließlich Erfurt und Kassel. Ungefähr 200000 Einwohner müssten die Städte haben, denn so stark schrumpft nach Prognosen der Vereinten Nationen pro Jahr die Bevölkerung Deutschlands. Am Ende der kleinen Vorführung wäre das Jahr 2050 erreicht. Die Landkarte hätte 47 blanke Stellen. Wo Städte eingezeichnet waren, sind jetzt nur noch weiße Flecken übrig.

Man kann das Spiel auch anders spielen. Dafür müsste man auf der Deutschlandkarte nichts ausradieren, sondern die Fläche vom Bodensee bis zur dänischen Grenze allmählich rot schraffieren. Rot bedeutet Stadtgebiet. Pro Jahr kämen bei diesem Experiment 3,4 Millionen Zuwanderer ins Land. Auch diese Zahl stammt von den Bevölkerungsexperten der UN: So viele Neuankömmlinge mittleren Alters wären nötig, damit trotz der rapiden Alterung der Alteingesessenen das Durchschnittsalter nicht steigt. Am Ende, im Jahr 2050, würden in Deutschland 300 Millionen Menschen leben. Es gäbe keine unbesiedelten Gebiete mehr. Die ganze Karte wäre rot.

Deutschland altert unaufhaltsam, und es altert schnell. So schnell, das zeigen die beiden Statistiken, dass sogar massive Zuwanderung oder ein neuer Geburtenboom diesen Prozess allenfalls leicht bremsen könnte. Die Szenarien mögen irreal, bizarr, weit hergeholt scheinen. Bei Langzeitprognosen ist grundsätzlich Skepsis angebracht. Doch in der Vergangenheit erwiesen sich die Vorhersagen der Vereinten Nationen als recht treffsicher. Einwohnerzahlen sind leichter zu prognostizieren als beispielsweise der Klimawandel. Die Alten von morgen sind schließlich heute schon auf der Welt.

Deutschland schrumpft und altert leise. Mit dem demografischen Wandel verhält es sich wie mit einem Kind. Seine Familie sieht es wachsen, aber das geschieht langsam und beständig, sodass es nicht auffällt. Es sind Außenstehende, Besucher, die sagen: „Mein Gott, ist der aber groß geworden!“ Wer den Wandel täglich erlebt, hält ihn für selbstverständlich. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass die Deutschen so merkwürdig desinteressiert sind an dem Prozess, der das Land in den kommenden Jahren radikal verändern wird. Man kann verstehen, dass Rainer Münz, Professor für Bevölkerungswissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität, seinen Studenten vorhält, sie würden das Problem niedriger Geburtenraten wahrscheinlich erst im Rollstuhl erkennen – wenn niemand mehr da sei, um sie zu schieben.

Es gibt heutzutage nicht mehr viele Tabuthemen. Aber das Altern scheint eines zu sein. Nach dem Geburtsjahr von anderen wird nicht gefragt, bei den eigenen Daten wird gern geschummelt. Fast alle Rentner fühlen sich deutlich jünger, als sie sind. Das lässt sich als Zeichen von Vitalität und Lebensfreude deuten – oder als Zeichen kollektiven Realitätsverlusts. Alt sind immer nur die anderen. Jeder will alt werden, keiner will alt sein.

Wer Produkte oder Dienstleistungen für Ältere anbietet, kennt das Problem: Der Mittsechziger bucht eine Busreise ins Ausland, steigt in ein Fahrzeug voller Rentner und kommt sofort entsetzt wieder heraus, stöhnt: „Da sind ja nur alte Leute!“

Der Mittsiebziger engagiert sich für den Bau eines Seniorenwohnheims in der Nachbarschaft, ohne auch nur eine Sekunde daran zu denken, dass er selber dort einziehen könnte. Die Darmstädter Schader-Stiftung beschrieb diesen Hausbewohnertypus kürzlich in einer Studie über ein alterndes Frankfurter Wohnviertel und resümierte: „Der Glaube an die Fähigkeit, sein eigenes Leben selbstständig zu gestalten, wird oft bis zum Selbstbetrug aufrechterhalten.“ Das gilt für den Einzelnen, und es gilt für das ganze Land: Das Altern, das eigene und das der anderen, will niemand wahrhaben.

Beim Umgang von Alt und Jung stimmt etwas nicht in Deutschland, es läuft etwas falsch in den Personalabteilungen, in den Kreditinstituten, an den Universitäten, in der Politik. Wie soll man es auch verstehen, dass der 76-jährige Alan Greenspan zwar als amerikanischer Notenbankchef die internationalen Finanzströme lenken darf, aber bei einer deutschen Bank wegen seines fortgeschrittenen Alters keinen Kredit bekommen würde? Bei vielen Banken gibt es eine strikte Altersgrenze von 70 oder 68. Wer älter ist, wird abgelehnt.

Wie soll man begreifen, dass angesehene Wissenschaftler in die Vereinigten Staaten auswandern müssen, wenn sie auch jenseits der Pensionsgrenze weiter forschen und lehren wollen? Gerade erst verabschiedete sich der 65-jährige Kölner Genforscher Klaus Rajwsky nach Amerika. Ganz ohne Altersgrenzen für den Ruhestand geht es zwar nicht, aber wenn selbst Spitzenkräfte ohne Wenn und Aber vertrieben werden, ist das System fehlerhaft.

Und wie soll es einleuchten, dass Innenminister Otto Schily zwar als 70-Jähriger eines der wichtigsten Ressorts der rot-grünen Regierung leiten kann, dass ebendiese Regierung aber 58-jährige Arbeitslose nicht mehr in ihren Statistiken vermerkt? Es handelt sich um Zehntausende: Eine neue Studie der Bertelsmann-Stiftung ergab, dass in kaum einem Industrieland so wenige Menschen über 55 beschäftigt sind. Nur jeder dritte Mann zwischen 60 und 64 in Deutschland ist noch berufstätig, in den Vereinigten Staaten jeder zweite.

In den meisten anderen Industrieländern gibt es Gesetze gegen solche bizarren Regeln (siehe Kasten S. 10). In Deutschland findet eine Kölner Initiative, das Büro gegen Altersdiskriminierung, nicht einmal bei den Gewerkschaften wirklich Unterstützung. „Vermutlich liegt das daran, dass sie so lange selbst an Vorruhestandsmodellen mitgebastelt haben“, sagt Hanne Schweitzer, eine der Initiatorinnen.

Vermutlich kommt für uns noch das spezifisch deutsche Problem hinzu: Wer ein Wort wie „Bevölkerungspolitik“ überhaupt in den Mund nimmt, muss sehr genau überlegen, was er sagt – eine Folge des Rassenwahns der Nazis. Das führt dazu, dass Demografie-Argumente in den Diskussionen der Außenpolitiker keine Rolle spielen. Andere Nationen gehen wie selbstverständlich davon aus, dass der Machtkampf zwischen Staaten auch in Kreißsälen und Wochenbetten entschieden werden kann.

Außenpolitiker der Vereinigten Staaten, der einzigen Industrienation mit steigender Einwohnerzahl, verweisen gern auf ihre hohe fertility rate – wörtlich übersetzt: die Fruchtbarkeitsrate – und preisen die Jugendlichkeit ihrer Nation als Garant für Innovationskraft und Dynamik. Chinesen reden ganz selbstverständlich von Europa als „vergreisendem Kontinent“ – obwohl ihnen die eigene Politik der strengen Geburtenkontrolle vermutlich bald ähnliche Probleme schaffen wird. Israelis haben den Kinderreichtum der Palästinenser fest im Blick: Die palästinensischen Frauen bringen durchschnittlich 6 Kinder zur Welt, die israelischen Frauen kommen im Schnitt auf 2,9 Geburten. Erweisen sich die gängigen Bevölkerungsprognosen als korrekt, wird es in 50 Jahren mehr Palästinenser als Israelis geben.

In Deutschland würde womöglich der Streit über die Osterweiterung der Europäischen Union anders verlaufen, wenn demografische Argumente zählen würden. Nirgendwo ist der Geburtenrückgang so dramatisch wie in den Ländern des ehemaligen Ostblocks. Auf der Liste der Nationen mit den niedrigsten Geburtenraten werden die ersten zehn Plätze von osteuropäischen Ländern belegt. Estland, Bulgarien, die Ukraine, Russland und Lettland stehen an der Spitze. Osteuropa wird zum Altersheim der Welt, aus diesen Ländern werden die Pflegekräfte nicht kommen, die sich dereinst um die bettlägerigen deutschen Babyboomer kümmern sollen. Das muss kein Argument für oder wider einen Beitritt sein, doch ist es bemerkenswert, dass solche Gedanken nie laut werden.

„Keine Partei hat das Demografieproblem bisher wirklich zur Kenntnis genommen“, sagt auch Günter Krings, Chef der Jungen Gruppe der Union im Bundestag: „Wir rasen auf einen Abgrund zu, und um uns zu retten, suchen wir einen anderen Sender im Autoradio.“ Dabei kann man den Politikern nicht vorwerfen, das Altersthema völlig ignoriert zu haben. Bei den politischen Debatten über die Zuwanderung, die Renten- und Gesundheitspolitik oder auch die Sanierung der öffentlichen Haushalte klangen die Warnungen der Bevölkerungsexperten immer durch.

Doch schlagen sich diese Einsichten nicht in der politischen Praxis nieder. Deshalb hat der CDU-Abgeordnete Krings mit seiner pessimistischen Betrachtung Recht. Noch vor vier Jahren machte sich die SPD für eine „Rente ab 60“ stark – trotz aller Empfehlungen von Fachleuten, die Lebensarbeitszeit nicht zu verkürzen, sondern zu verlängern. Noch im Hartz-Konzept für die Reform des Arbeitsmarktes war ein „Brückengeld“ vorgesehen, das Älteren den vorzeitigen Ausstieg aus dem Arbeitsleben erleichtern sollte. Am selben Tag, an dem das Papier von der zuständigen Kommission beschlossen wurde, feierte der Erfinder Hartz seinen 61. Geburtstag und verkündete fröhlich: „Einen wie mich würde ich doch heute auch nicht mehr einstellen.“

Die Union kippte die Brückengeld-Idee schließlich in letzter Minute bei den Verhandlungen im Bundesrat. Das war ein seltener Verdienst – im Allgemeinen ringen sich auch CDU und CSU nicht zu besonders viel Ehrlichkeit in der Altersdebatte durch. Wer sich da vorwagt, bereut es schnell. So erging es dem stellvertretenden Fraktionschef Friedrich Merz, als er öffentlich für eine längere Lebensarbeitszeit plädierte. Die Aufregung war groß, von seinen Parteifreunden wurde ihm der Vorstoß als schwerer Fehler angekreidet. Merz relativierte seine Thesen prompt.

Das größte Versäumnis aber ist ein anderes: Keiner Partei, keinem Institut und keinem Autor ist es bisher gelungen, ein Bild der Gesellschaft von morgen zu entwerfen. In 20 Jahren werden die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen. Die Sozialsysteme werden dann bis aufs Äußerste strapaziert. Das ist seit vielen Jahren bekannt.

Aber wie wird sich das Lebensgefühl ändern, was heißt das alles für die Verteilungsdebatte, wie ändern sich Risikobereitschaft und Unternehmergeist, wenn plötzlich mehr als ein Drittel der Einwohner Deutschlands über 60 Jahre alt ist? Seit Jahren geben sich Experten ausgiebigen Debatten über die ideale Rentenformel für die Zeit nach 2010 hin. Eine Vorstellung der Welt von morgen entstand dabei nicht.

Dabei brauchen die Bundestagsabgeordneten für Inspirationen nicht einmal weit zu reisen. Weiße, bevölkerungsleere Flecken auf der deutschen Landkarte gibt es heute schon. Die Welt von morgen mit verwaisten Höfen und menschenleeren Dörfern beginnt kurz hinter der Stadtgrenze von Berlin. In fast allen ostdeutschen Kommunen sind die Einwohnerzahlen seit der deutschen Vereinigung dramatisch gesunken. 1,3 Millionen Wohnungen stehen in den neuen Bundesländern leer. In Städten wie Cottbus und Leipzig werden ganze Straßenzüge abgerissen. „Rückbau“ nennen Architekten und Städteplaner das beschönigend. Gemeint ist Abbau Ost.

In Zahlen liest sich die Bevölkerungsimplosion so: Rostock minus 18 Prozent, Magdeburg minus 16 Prozent, Cottbus minus 12 Prozent, Greifswald minus 17 Prozent. Momentan ist diese Entwicklung noch zu einem Drittel auf die ungünstige Altersstruktur zurückzuführen und zu zwei Dritteln auf Abwanderung. In wenigen Jahren schon wird es umgekehrt sein, weil sich vor allem die jungen, qualifizierten Ostdeutschen verabschieden, die Alten aber bleiben. Dann wird man sich erst recht an den Anblick von Geisterstädten gewöhnen, belebt allenfalls durch Wochenenddomizile wohlhabender Berliner oder das eine oder andere Pflegeheim.

In den Kleinstädten dürfte es mehr Geschäfte für Prothesen als für Kinderspielzeug geben. Gut möglich, dass dann die Ampelphasen etwas länger dauern und die Mittelstreifen etwas breiter sind, wie heute schon in einigen Seniorensiedlungen in Florida. Es wird viel Streit darüber geben, wie viel von der Infrastruktur an Krankenhäusern, Straßen, Busverbindungen oder Schulen noch beizubehalten ist. Das Büro für Zukunftsgestaltung in Essen untersucht gerade im Auftrag des Umweltbundesamtes, wie sich Verkehrspolitiker und Raumplaner heute schon auf den bevorstehenden demografischen Wandel einstellen könnten. „Eigentlich müssten zum Beispiel bei der Autobahnplanung demografische Prognosen eine Rolle spielen – schließlich ist die Infrastruktur ja für die kommenden 50 Jahre gedacht“, erklärt Projektleiterin Cornelia Daheim. Sicher ist auch, dass es den Osten nicht nur wegen der Arbeitsmarktmisere trifft. Eine Stadt wie Berlin wirkt zugleich auf viele junge Menschen wie ein Magnet. „Europa wird in Zukunft wieder sehr viel mehr Wälder haben als heute“, prognostiziert der Bonner Sozialforscher Meinhard Miegel. Dem Ruhrgebiet könnte das vielleicht sogar gut tun.

Klaus Wermker sieht indes noch wenig Grünes, wenn er aus dem Fenster schaut. Von seinem geräumigen Büro in der 14. Etage schaut er auf Hochhäuser, Straßen, eine Synagoge und viel morgenroten Himmel. Am Horizont einige Schlote, dahinter beginnt Duisburg. Viel dichter besiedelt kann eine Region kaum sein. Könnte man meinen.

„Der Eindruck täuscht“, sagt Wermker, der das Büro für Stadtentwicklung in der Essener Kommunalverwaltung leitet. „Für uns ist der Rückgang der Bevölkerung ein riesiges Problem.“ In der Zeit von 1962 bis 1999 sank die Zahl der Einwohner von Essen um 20,3 Prozent, teils durch Abwanderung, teils dadurch, dass mehr Menschen starben als geboren wurden. Das hat eine ganze Reihe unerwünschter Folgen: Steuereinnahmen und Kaufkraft fallen weg, die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt leidet, Infrastruktur wird nicht mehr gebraucht. Typisch ist nur der Streit, welcher Stadtteil zuerst auf sein Hallenbad verzichten muss.

Auf Wermkers Schreibtisch liegen Grafiken und Tabellen, die allesamt düstere Zukunftsaussichten illustrieren: Die Stadt rechnet damit, bis 2015 weitere 83000 Einwohner zu verlieren – fortan wegen der ungünstigen Altersstruktur. Man müsse jetzt „weiterer Überalterung entgegenwirken“, heißt es in einer Planungsvorlage der Stadt, „zentrale Zielgruppen sind größere Haushalte mit Kindern und jüngere Zwei-Personen-Haushalte in der Expansionsphase“. Obwohl die Stadt pleite ist, hat sie Prämien in Höhe von mehreren tausend Euro für junge Hauskäufer von außerhalb ausgesetzt.

In Essen ist der Süden alt und wohlhabend und der Norden arm und kinderreich. In den meisten Städten im Ruhrgebiet ist das so. Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) warnte gerade vor einer wachsenden Kluft zwischen beiden Welten. „Altersaufbau und Einkommensniveau von Nachbarschaften werden immer einseitiger“, heißt es in einer Studie über das Ruhrgebiet. Früher sei der Stadtteil Hinweis auf die soziale Herkunft gewesen, heute teilten sich die Städte zunehmend auch nach Altersgruppen auf. Teilen des Reviers drohe die „Vergreisung“, heißt es.

Wermker wohnt im Ortsteil Baldeney im Süden. Dort kann man, wie er sagt, tatsächlich sehen, dass nicht nur Menschen, sondern ganze Viertel altern. Auch im Sommer spielen keine Kinder auf den Bürgersteigen; dafür stehen vor den Häusern die kleinen Autos von der ambulanten Pflege.

Für die Fahrt in den nördlichen Stadtteil Katernberg hat Wermker sich Zeit genommen. Man fährt vorbei an alten, geschwärzten Zechensiedlungen, viele Geschäfte haben türkische Namen. Der Ausländeranteil liegt hier bei 39 Prozent, in der Kindertagesstätte, die Wermker ansteuert, sogar bei 80 Prozent. Auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Zollverein hat die Stadt in einem umgebauten Schalthaus mit alten Metallstreben und weißem Mauerwerk eine riesige Kita eingerichtet. Auf fast tausend Quadratmetern können sich die Kinder austoben.

Wermker, ein Sozialdemokrat, ist stolz auf die restaurierte Industriearchitektur. Er kann viel von der Mentalität des Ruhrgebiets erzählen, vom unterentwickelten Selbstbewusstsein der Region und davon, dass erst mit dem Hochschulbau der vergangenen 30 Jahre eine akademisch gebildete Mittelschicht entstanden ist.

Wer mit dem Stadtentwickler in Essen unterwegs ist, fragt sich zwangsläufig, wie lange diese Mittelschicht sich halten kann. Auch in Essen hat sie nur wenige Kinder. In den alten proletarischen Vierteln wächst derweil eine Generation heran, deren Chancen, in der Welt von morgen mitzuhalten, schlecht stehen. Eines von vier Kindern in Katernberg ist auf Sozialhilfe angewiesen, in ganz Essen eines von sechs. „Wir leben in einer Gesellschaft, in der ausgerechnet die benachteiligten Familien den Nachwuchs aufziehen“, warnt der Bochumer Professor Klaus Peter Strohmeier, der ebenfalls die demografischen Probleme im Ruhrgebiet untersucht hat.

Nicht nur aus Essen kommen die Warnsignale, die auf Wohlstandseinbußen in der Altengesellschaft von morgen hindeuten. Das Institut für Weltwirtschaft in Kiel beispielsweise rechnet mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung Deutschlands um jährlich 0,4 bis 1,0 Prozent. Nicht nur die Bildungsmisere von heute wird morgen den Wohlstand schmälern. Vielen Anlegern ist immer noch nicht klar, dass der demografische Wandel neben der staatlichen Rente auch die verschiedensten Varianten privater Vorsorge trifft. Wenn die heutigen Babyboomer in Rente gehen, werden sie einen Teil ihrer Aktien und Immobilien verkaufen müssen, um ihren längeren Ruhestand zu finanzieren. Der Bevölkerungsschwund dürfte gerade dann dazu führen, dass es weniger Käufer gibt und die Preise fallen. Die eigene Wohnung, das eigene Haus eignet sich deshalb – von hervorragenden Lagen abgesehen – weniger als in den vorangegangenen Jahrzehnten zur Altersvorsorge.

Auch viele Hoffnungen auf große Erbschaften dürften sich als Illusionen erweisen. Die Generation der heute 60-Jährigen lebe und konsumiere anders als die Nachkriegsgeneration ihrer Eltern, warnte kürzlich die Deutsche Bank. Der Ruheständler von heute freue sich nach dem Arbeitsleben auf Auslandsreisen und teure Hobbys, die Ansprüche seien höher, Rücklagen würden früher aufgezehrt. Den Kindern werde deshalb weniger hinterlassen.

Und noch eine weitere Erwartung könnte sich als falsch erweisen: die gängige Annahme, dass die demografische Entwicklung automatisch Entlastung auf dem Arbeitsmarkt bringt. Zunächst scheint es zwar plausibel, dass sich die Lage entspannt, wenn weniger junge Menschen nach Stellen suchen. Nach dieser Logik dürfte es eigentlich heute kaum noch Jugendarbeitslosigkeit geben. Denn die Teenager von heute, geboren Mitte der achtziger Jahre, gehören längst zu den geburtenschwachen Jahrgängen.

Doch: „Die Rechnung geht nur mit flexibleren Arbeitsmärkten auf.“ So warnt Axel Börsch-Supan, Leiter des Mannheimer Forschungsinstituts Ökonomie und Demographischer Wandel: „Sonst haben wir weiterhin vier Millionen Arbeitslose mit Qualifikationen, die nicht gebraucht werden, und obendrein offene Stellen, die ganz anderer Qualifikationen bedürfen.“

Der Verteilungskonflikt zwischen Arm und Reich wird mit Sicherheit nicht durch Interessengegensätze von Jungen und Alten überdeckt, wie häufig zu lesen ist. Im Gegenteil: Beides wird es geben, Verteilungskämpfe zwischen Arm und Reich und zwischen Jung und Alt – und sie werden härter ausgetragen als bisher. Gerade bei den Älteren sind Einkommen und Lebensstile heute so einheitlich wie nie. Altersarmut ist eine Ausnahmeerscheinung, hohe Vermögenseinkünfte allerdings auch – man lebt weitgehend von den Renten.

Das wird in Zukunft anders sein. Die Renten werden niedriger ausfallen – Verlierer sind dann die Langzeitarbeitslosen und die Langzeitstudenten von heute, auch die gering verdienenden Selbstständigen. Sie zahlen in die Rentenkassen kürzer ein und erwerben weniger Ansprüche. Privates Vermögen wird eine größere Rolle spielen. Die Gerechtigkeitsdebatten dürften heftiger geführt werden als bisher.

Viele Babyboomer reagieren auf die dramatische Entwicklung mit demonstrativem Selbstmitleid. Ein Feuilletonist der Süddeutschen Zeitung, selber in den Sechzigern geboren, klagt: „Wir werden die Welt hässlich machen, wenn wir lebensgierige alte Säcke geworden sind“, und bangt: „Wer wird uns anlächeln, wenn wir achtzig sind?“ Vor allem Singles und kinderlose Paare erschreckt die Aussicht auf anonyme Massenabfertigung in überfüllten Pflegeheimen. Eine Sorge, die Meinhard Miegel angesichts der stark wachsenden Zahl für berechtigt hält: „Es wird eine hohe zivilisatorische Leistung sein, den heutigen Standard der Altenpflege aufrecht zu erhalten.“

Eine kleine Wohnsiedlung in Kölner Norden zeigt, dass es auch anders gehen könnte. 32 Parteien haben sich in der Wohnanlage Mobile eingerichtet – junge Familien, alleinerziehende Mütter und ungefähr ein Drittel alleinstehende Bewohner im Rentenalter. Viele wohnen zur Miete in preiswerten, aber hellen und modernen Sozialwohnungen, andere haben ihre Wohnungen gekauft. Die Innenstadt ist nah und gut durch öffentliche Verkehrsmittel zu erreichen, die meisten Älteren haben deshalb ihre Autos abgeschafft.

Der ganze Wohnblock ist mit Rücksicht auf alte Menschen gebaut, mit breiten, rollstuhlgerechten Fahrstühlen und geräumigen Badezimmern. Es gibt einen Gemeinschaftsraum, der gemietet werden kann und für gemeinsame Treffen offen steht, außerdem ein Stadtteilcafé.

Der Umgang miteinander lässt sich vielleicht mit dem einer gut funktionierenden Dorfgemeinschaft vergleichen. Man hilft einander aus – die Älteren hüten gelegentlich die Kinder von nebenan, die Jüngeren schleppen dafür schwere Einkaufstaschen oder bringen im Rentnerhaushalt Gardinenhaken an. Mehr als eine überdurchschnittliche Hilfsbereitschaft und Aufgeschlossenheit wird nicht verlangt. Das Ideal ist nicht die Großfamilie, sondern gute Nachbarschaft.

Einige der Älteren waren gemeinsam im Urlaub; etliche Bewohner stießen Silvester um Mitternacht auf der großen Dachterrasse gemeinsam an – alles ohne Zwang. „Wir brauchen nicht mal eine Hausordnung“, sagt Trude Unstrut stolz, eine Rentnerin, die sich darauf einstellt, den Rest ihres Lebens im Haus Mobile zu verbringen. Sie glaubt, die Chancen seien gut, mit der Kombination aus ambulanter Pflegehilfe und netten Nachbarn es hier lange aushalten zu können.

Das Interessanteste am Wohnprojekt in Köln-Weidenpesch ist dessen Normalität. Man braucht weder viel Geld noch Glück, noch Beziehungen oder gar Wohngemeinschaftserfahrungen, um mitzumachen. Was hier funktioniert, ginge überall gut – passende Häuser vorausgesetzt. Noch sind die meisten Wohnungen in Deutschland auf die Bedürfnisse der klassischen Kleinfamilie zugeschnitten, obwohl schon 1999 nur noch jeder dritte Haushalt ein Familienhaushalt mit zwei Erwachsenen und mindestens einem Kind war.

Viele Kommunen interessieren sich für Wohnprojekte für Ältere. Sie müssen sparen. Alles, was die Kosten für professionelle Altenpflege verringert, ist in ihrem Sinn. Teure Pflegefälle werden mit Sozialhilfe bezahlt – und belasten daher die städtischen Etats.

In der Vergangenheit gingen die Kommunalpolitiker das Problem falsch an. Sie versprachen einfach nur hohe Geldprämien, damit alte Menschen ihre großen Wohnungen verließen – und wunderten sich dann über die geringe Resonanz. Dabei käme es darauf an, wie man für einen Umzug wirbt, schreibt die Darmstädter Schader-Stiftung in einem Bericht über Wohnprojekte für Ältere: Wer vor einer „Vergreisung“ der Viertel warne, habe keine Chance. Niemand lasse sich schließlich gern vertreiben. „Den meisten Bewohnern waren jenseits des Horrorbilds Altersheim kaum Wohnalternativen für das Alter bekannt“, schreibt die Stiftung. „Ein Umzug kam nur dann in Frage, wenn Gebrechen oder materielle Not dazu zwangen.“

Dabei gibt es heute schon über tausend selbst organisierte Wohnprojekte für Ältere in Deutschland: Bauernhöfe in der Eifel mit ökologischem Gemüseanbau, Frauenprojekte mit Titeln wie Altweibersommer oder auch komfortable Wohnanlagen für alternde Homosexuelle wie das Projekt Village im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Schlechte Chancen, das zeigen mehrere Untersuchungen, haben indes echte Rentner-Wohngemeinschaften mit gemeinsamer Nutzung von Bad und Küche. Jenseits der 60 stellt man sich nicht mehr so leicht aufeinander ein.

Keines dieser Projekte funktioniert ohne eine neue Haltung zum Alter, dem eigenen und dem der anderen. Vermutlich ist eine gewisse Aufrichtigkeit der Alten von morgen ohnehin das beste Rüstzeug für die künftige Greisenrepublik: statt Diskriminierung eine realistische Einschätzung dessen, was die Älteren können. Eine Bereitschaft zum Verzicht. Und schließlich die Einsicht, dass nicht nur die Rentner von heute den Jüngeren etwas zumuten, wie das aktuelle Geschrei vermuten lässt. Die Alten von morgen sind das Problem. Da empfiehlt es sich, heute die Tonart anzuschlagen, in der man selber in Zukunft angesprochen werden will.

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