Einen Gedichtzyklus stellt Friedrich Hebbel 1857 unter den Imperativ: "Dem Schmerz sein Recht." Ein Jahrhundert später vermerkt Reinhold Schneider in Winter in Wien die "sonderbaren" Schicksale der drei amerikanischen Ärzte, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Narkose einführten: "Jackson wurde wahnsinnig - Norton starb im Elend - Wells beging Selbstmord, als habe der Schmerz das Recht, das ihm genommen werden sollte, wieder an sich gerissen."

Schneider wie Hebbel geben noch einmal einer christlich geprägten Tradition Ausdruck, die den Schmerz nicht nur rechtfertigt, sondern für notwendig erklärt. Schon etymologisch bindet sie Schmerz und "Pein" (engl. pain, frz.

peine) an die Strafe (lat. poena).

Anders das Projekt der Moderne. Unter den vermeidbaren Übeln, an deren Abschaffung sie mit allen Mitteln arbeitet, steht der Schmerz an vorderster Stelle. Schmerz wird tendenziell zum Anachronismus. Anästhesie ist oberstes Gebot. Ausgerechnet die britische Königin Victoria durchbricht das biblische Gesetz der Schmerzensgeburt, indem sie sich bei der Geburt ihres zweiten und dritten Kindes chloroformieren lässt.

Ein Riss im Leben

Die Anästhesie hat in den anderthalb Jahrhunderten seit ihrer Erfindung ungeheure Fortschritte gemacht, die Schmerztherapie, gleich ob palliativ oder präventiv, insgesamt. Wie ist es aber zu erklären, dass der Schmerz nach den schon längere Zeit zurückliegenden Klassikern von Frederik Buytendijk und René Leriche neuerdings wieder verstärkt im Blickpunkt steht? Elaine Scarry etwa hat mit ihrem Buch Der Körper im Schmerz weithin Beachtung gefunden. Und jetzt geht der Straßburger Soziologe David Le Breton der Anthropologie des Schmerzes in einem grundlegenden Werk nach.

Gilt das Interesse dem Schmerz im Augenblick seines Verschwindens, wo Schmerzapologeten und -gegner noch einmal aufeinander prallen, aufeinander prallen müssen, weil nun zum ersten Mal die Möglichkeit seiner weit gehenden Abschaffung besteht? Oder ist es der Schmerz im Zeichen seiner intensivierten Wiederkehr, etwa auf Grund der fortschreitenden Lebensdauer als verlängerter Schmerzdauer oder der neuen Seuchen wie Aids, die die alte Mesalliance von Sünde und Strafe wiederzubeleben scheinen?