Der falsche KriegSeite 2/3
Auch diese Gelegenheit hat Saddam Hussein verpasst. Sein 12 000 Seiten langes Dokument voller "Lügen" (UN-Waffeninspektor Hans Blix) über den Verbleib biologischer und chemischer Waffen ist, in den Worten des Oxford-Politologen Timothy Garton Ash, "der längste Selbstmordbrief der Geschichte". Die Haltlosigkeit der falschen Demuts-Akten korrekt einzuschätzen fiel den fünf Vetomächten des Sicherheitsrates allerdings deshalb leicht, weil sie selbst jahrelang den Irak mit technischen Grundlagen zur Produktion von Massenvernichtungswaffen ausgestattet hatten. So entstand eine völkerrechtliche Legitimation für einen Einmarsch in den Irak.
Doch nicht jeder gerechtfertigte Krieg ist auch vernünftig. Die militärischen Risiken und ökonomischen Folgen einer Intervention sind schnell aufgezählt: Die acht Divisionen der republikanischen Garde Husseins sind rings um die Fünf-Millionen-Stadt Bagdad aufgestellt. Ihre Offiziere haben nichts zu verlieren. Der umzingelte Diktator würde auch nicht zögern, Giftgasgranaten einzusetzen - ohne Rücksicht auf die eigenen Truppen. Im Arsenal Husseins lagern heute noch Materialien für 26 000 Liter Anthrax - genug, um Millionen Menschen zu töten. Im schlimmsten Falle eines Häuserkampfes in Bagdad könnte der Waffengang sechs Monate dauern und nach Pentagon-Schätzungen bis zu 10 000 amerikanische Soldatenleben kosten, von zivilen Opfern ganz zu schweigen.
US-Generale gegen Rumsfeld Die Kosten eines Sechsmonatekrieges - 140 Milliarden Dollar - könnte die amerikanische Volkswirtschaft leicht verkraften, aber kaum noch die Rechnung für ein zehnjähriges Befriedungsprogramm in Höhe von 1500 Milliarden Dollar, die der Yale-Ökonom William Nordhaus aufgrund von Kongress-Unterlagen kalkuliert hat. Dass der besiegte Irak in seinen alten Kolonialgrenzen erhalten bliebe, erwartet niemand. Wer aber ein zerstörtes Land, das bereits im 20. Jahrhundert durch neun Militärputsche und viele Revolten erschüttert wurde, wiederaufbauen und gar demokratisch regieren sollte, ist völlig ungeklärt.
Widerstand gegen ein militärisches Abenteuer am Golf regt sich im Pentagon.
Donald Rumsfelds selbstgefällige Art hat ihm unter der eigenen Generalität mehr Feinde als im Ausland gemacht. "Noch nie in der amerikanischen Geschichte", sagt ein US-Diplomat mit gebotenem Sarkasmus, "stand unser Land näher an einem Militärputsch als heute." Er übertreibt, gewiss, doch der Riss, der durch die Bush-Administration geht, ist offenkundiger noch als die erstaunliche Abwesenheit politischer Opposition im amerikanischen Kongress.
Weder Europa noch Russland - und schon gar nicht Deutschland - werden die Entscheidung von George W. Bush mit guten Worten am Telefon beeinflussen können. Der Schmuse-Diplomatie Bill Clintons gilt seine herzliche Verachtung.
Verpasst haben die Regierungen Blair, Chirac und Schröder bisher die Möglichkeit, gemeinsam für eine multilaterale Nahost-Friedenskonferenz zu werben, die in letzter Minute einen Notausgang sucht aus dem immer enger werdenden Konfliktkorridor der Politik, an dessen Ende ein falscher Krieg mit vielen Toten läge. Dabei hätten die drei Regierungschefs nichts zu verlieren außer der Zuneigung George W. Bushs.





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