Johannesburg

Es geschehen noch Zeichen und Wunder in Afrika. Fast vierzig Jahre war die Kenya African National Union (Kanu) an der Macht, noch nie seit der Unabhängigkeit im Jahre 1963 hat in Kenia eine andere Partei regiert. Nun wurde die scheinbar allmächtige Kanu bei den Präsidentschaftswahlen hinweggefegt und ihr Spitzenkandidat Uhuru Kenyatta, Sohn des legendären Staatsgründers Kenyatta, regelrecht gedemütigt. Das Resultat kommt nicht überraschend - und ist dennoch sensationell.

Alle Auguren hatten den Machtwechsel prophezeit. Aber dass der alte Mwai Kibaki an der Spitze einer vielstimmigen Allianz namens National Rainbow Coalition einen Erdrutschsieg erringen würde, davon wagten nicht einmal seine treuesten Anhänger zu träumen. Denn bisher galt die Formel: Partei = Parlament = Regierung = Staat, oder knapper: Kanu = Kenia. Ganze 39 Jahre lang. Die Mächtigen hielten sich an den Lehrsatz eines Politikers aus Burundi: "Der Mensch braucht drei Mahlzeiten am Tag, aber wozu braucht er drei Parteien?" So blieb es das Vorrecht der einen und einzigen Partei, das Land herunterzuschlampen, und das ist ihr gründlich gelungen.

Nach vier Jahrzehnten Korruption, Misswirtschaft und Nepotismus lebt die Hälfte der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Ein afrikanisches Automobil wollte man einst bauen, heute verrotten sogar die Hauptverkehrsstraßen.

Immerhin, der scheidende Präsident Daniel arap Moi hat es in 24 Amtsjahren zu einem der reichsten Männer des Kontinents gebracht. "L'état c'est Moi", sagen die Spötter. Das Wahlvolk verabschiedete ihn mit einem Tritt in den Allerwertesten. Die Kenianer können stolz auf dieses Ergebnis sein. Sie haben bewiesen, dass auch in Afrika das Unmögliche möglich ist - eine demokratische Wahl ohne Gewaltexzesse, bei der die Opposition gewinnt. Im neuen Jahr dürfen sie endlich die allgegenwärtigen Bilder des big man Moi durch die Porträts von Kibaki ersetzen. Wieder nur ein Ikonentausch?

Zweifel sind erlaubt, denn in Afrika werden Hoffnungsträger schnell zu Wiedergängern der alten Kleptokratie, wie die Beispiele Benin, Sambia oder Kongo beweisen. Schafft Mwai Kibaki, der anerkannte Ökonom, nach dem Machtwechsel auch die Wende?

Ein 71-Jähriger, ein Renegat der Kanu und zugleich ein ausgefuchster Veteran der alten Elite, der unter Kenyatta und Moi als Minister diente und schon einmal Vizepräsident war? Wird er es wagen, die Kartelle der Korruption zu sprengen? Hält sein fragiles Bündnis unter dem Regenbogen? Wird er tatsächlich, wie vor der Wahl versprochen, kostenlose Schulbildung für alle einführen? Pole pole, sagen die Kenianer. Langsam, langsam. Erst mal wird gefeiert. Dann wird man schon sehen.