Es hat zwischen 1933 und 1945 zwei Versuche gegeben, Adolf Hitler zu töten, die zur Ausführung kamen; beide Male mit Sprengstoff. Der eine am 20. Juli 1944 zur Mittagsstunde in einer Baracke des so genannten Führerhauptquartiers Wolfschanze bei Rastenburg in Ostpreußen, der andere am Abend des 8. November 1939 im Bürgerbräukeller in München-Haidhausen. An den Folgen des einen Attentats starben vier Menschen, Hitler selbst entkam leicht verletzt. Bei dem anderen, 1939, starben acht Menschen, Hitler hatte elf Minuten zuvor den Saal verlassen.

Hätte er an jenem Abend im Bürgerbräu elf Minuten länger zu den alten Kameraden gesprochen, die sich dem alljährlichen Ritual entsprechend in München versammelt hatten, um des gescheiterten Naziputsches von 1923 zu gedenken – er wäre mit absoluter Sicherheit tot gewesen. Denn die Bombe, in wochenlanger, nächtlicher Arbeit in die Säule genau hinter dem Rednerpult eingebaut, riss bei ihrer Detonation die Saaldecke ein; über dem Platz, an dem Hitler eben noch gestanden hatte, türmte sich meterhoch der Schutt.

Es war eine in Planung und Ausführung präzise militärische Operation, und alles sprach denn auch sofort von ausländischen Geheimdiensten und großer Verschwörung. Doch es war die Tat eines Einzelnen. Selbst als man ihn bei seinem Versuch, in die Schweiz zu flüchten, kurz danach festnimmt und er gesteht, glauben die Nazis noch immer an Hintermänner. Das Regime sperrt ihn ins KZ, um ihm und seinen vermeintlichen Auftraggebern nach dem "Endsieg" den Schauprozess zu machen; am 9. April 1945 wird er auf Befehl aus Berlin im KZ Dachau ermordet.

Johann Georg Elser heißt dieser Mann, geboren am 4. Januar 1903 in Hermaringen auf der Schwäbischen Alb. Ein Schreiner, ein "Mann aus dem Volk". Die Fotos auf dieser Seite – sie stammen aus dem Archiv der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin – zeigen Momente aus seinem Leben, seiner Jugend. Sie zeigen das ländlich-proletarische Milieu, in dem er aufwuchs, zeigen einen ernsten, aber offenen, geselligen jungen Mann, der das Leben liebte. Die Kindheit war nicht leicht gewesen; der Vater, ein kleiner Holzhändler, trank, die vitale Mutter rettete die Familie. Mit Bestnoten schloss der Schreinerlehrling die Gesellenprüfung ab. Früh schon zeigte er sich als Perfektionist, eigenwillig, selbstbewusst. Freisinnig war er, kein Frömmler oder Fanatiker, zeitweilig der Linken zugeneigt, ein Mensch mit einem empfindlichen Gerechtigkeitssinn. Im Übrigen: ein kleiner Handwerker, Mitglied im Trachtenverein und im Zither-Klub, ein Mann, der die Frauen liebte – und seine Heimat; der zeitlebens nicht weit über Schwaben hinausgekommen ist (auch davon erzählen die Fotos). Der nur sah und erfuhr, was Millionen andere sahen und erfuhren, in diesem Deutschland nach 1933. Und der bald schon seine Entscheidung traf.

Johannes Tuchel und Peter Steinbach, die Leiter der Berliner Gedenkstätte, haben Georg Elsers Weg in den Widerstand und sein weiteres Schicksal auf dieser Seite der ZEIT in zwei Folgen 1999 ausführlich erzählt, da jährte sich seine einsame Tat zum 60.Mal. Inzwischen hat Elser manche Würdigung erfahren: Schon 1998 wurde in Königsbronn, dem Ort seiner Kindheit, eine Erinnerungsstätte eingerichtet, 1999 erschien eine neue Biografie, von Hellmut G. Haasis, und jetzt, zum Geburtstag, gedenkt auch die Post seiner mit einer Sondermarke. Und dennoch steht Elsers Tat immer noch im Schatten jener anderen: der Tat des Claus Graf Schenk von Stauffenberg am 20. Juli 1944. Seltsamerweise.

Denn so völlig unterschiedlich die beiden Männer aus Schwaben sind – hier der Schreinergeselle von der Alb, der zeitweilig mit den Kommunisten sympathisiert, ein Antinazi der ersten Stunde, dort der Spross eines Uradelsgeschlechts, katholisch erzogen, Elitesoldat, zunächst nicht ohne Erwartungen an Hitlers Reich –, eines verbindet beide: die Einsamkeit ihrer Tat. Beide waren sie keine Revolutionäre, beide konnten sie nicht auf den großen Aufstand hoffen, beide wollten nur eines: verhindern. "Den Krieg verhindern", das wollte Georg Elser. Und Deutschlands Höllensturz aufhalten, das wollte Stauffenberg. Beide wussten sie, unter Gewissensqualen, dass sie zum allerletzten Mittel greifen mussten – was immer danach auch geschah.

Es war 1994 der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl, der in seiner Rede zum 50.Jahrestag des 20.Juli im Hof des Bendlerblocks in Berlin, wo Stauffenberg erschossen wurde, an Georg Elser erinnerte. Das Jahr 2003, das Jahr von Elsers 100. Geburtstag, bietet die Gelegenheit, die Perspektive einmal umzukehren: Warum findet die alljährliche Feier, die ja dem ganzen deutschen Widerstand gilt, am 20. Juli 2003 nicht Elser zu Ehren in München statt? Vielleicht sogar im Gasteig, wo einst das Bürgerbräu stand, an dem historischen Ort von Elsers Tat? Bundespräsident Johannes Rau ist wohl der Mann, der den Mut dazu hätte, diesen längst fälligen Schritt zu tun.