Die Vereinigten Staaten haben die Demokratie entdeckt. In der Propagandaschlacht um den Irak sind amerikanische Regierungsvertreter auf ein neues Argument verfallen: Demokratisieren wollen sie nun den Nahen Osten. Der Irak sei nur der Anfang für die Neuordnung der gesamten Region.

Das Problem an dem Vorhaben ist weniger, dass es imperial oder größenwahnsinnig ist, wie es in Europa reflexartig heißt. Das Problem ist, dass niemand daran glaubt. Wenn schon kaum ein Verbündeter der Bush-Administration die hehren Worte über die Demokratie abnimmt, werden sie im Nahen Osten erst recht nicht verfangen. Immerhin hat sich im kollektiven Gedächtnis der Europäer und speziell der Deutschen bei aller Kritik im Einzelnen die historische Rolle der Vereinigten Staaten als Befreier eingegraben – eine Erfahrung, die Iranern und Arabern fehlt. Dort beschränkte sich das amerikanische Engagement von seinem Beginn an auf die einseitige Unterstützung Israels, die Kontrolle der Ölquellen, den Sturz gewählter Regierungen und das Bündnis mit Diktatoren. Und nun plötzlich Demokratie? Dass Amerika und der Westen insgesamt die Werte verfechten würden, durch die sie sich selbst definieren, das wäre zu schön, um wahr zu sein. Aber schön wäre es, brächte es doch zusammen mit den furchtsamen Europäern auch die nahöstlichen Diktatoren in Begründungsnot, die sich nicht mehr mit Exkursen über die westliche Heuchelei aus der Legitimationsschlinge retten könnten.

Die islamische Welt, so heißt es seit dem 11. September immer wieder, stehe dem Westen zunehmend feindlich gegenüber. "Warum hassen sie uns bloß?", wird auf Titelseiten scheinbar hilflos gefragt, um sogleich auf die grundlegend andersartigen Werte von Muslimen zu verweisen. Der sanftmütige Intellektuelle verlangt, Verständnis für das Fremde aufzubringen, während der kulturkämpferische Kraftprotz auf die Überlegenheit des eigenen Wertesystems pocht. Beide übersehen, dass sich viele Menschen in der islamischen Welt – nicht anders als in anderen südlichen und östlichen Regionen – über den Westen und speziell die Vereinigten Staaten nicht etwa deshalb erregen, weil sie von deren Werten nichts wissen wollen, sondern weil sie den Glauben daran verloren haben, dass der Westen sie ihnen gegenüber tatsächlich vertritt. Der Unmut gründet gerade nicht in einem Gefühl der Überlegenheit, sondern in der Verbitterung über diese Zurückweisung, die immer häufiger ins Ressentiment umschlägt. Das nächstliegende Beispiel hierfür ist die Türkei, die nicht für alle Zeiten darum buhlen wird, zu Europa gehören zu dürfen. Das Wort von den "doppelten Standards", das allgegenwärtig ist, wo in muslimischen Gesellschaften über den Westen gesprochen oder geschrieben wird, ist ein präziser Ausdruck dieser Enttäuschung. Denn es fordert gerade jene Universalität der grundlegenden humanitären Werte ein, die multikulturelle Optimisten hierzulande leichtfertig infrage stellen.

Es ist keineswegs so, dass die meisten Muslime danach streben, mit möglichst willkürlichen Rechtssystemen, in undemokratischen Verhältnissen und ohne sozialen Ausgleich zu leben. Dass die Demokratie sich in der islamischen Welt bisher selten durchgesetzt hat, hat viele hausgemachte Gründe, unter anderem eine tiefgreifende Krise der religiösen Kultur, aber auch überkommene soziale Strukturen, ökonomische Verwerfungen und vor allem eine fast durchweg katastrophale Situation im Bildungswesen. Der verheerende Bericht, den die UN kürzlich über den Zustand der arabischen Welt vorgelegt haben, ist beklemmend realistisch. Aber wer deswegen die Araber als unsozial und undemokratisch abschreibt, sollte bedenken, dass der Bericht von arabischen Autoren verfasst worden ist. Man mag den arabischen Gesellschaften vieles vorwerfen, aber nicht, dass es ihnen am Bewusstsein der eigenen Zurückgebliebenheit mangelt. Die führenden arabischen Denker haben kein brennenderes Thema.

Blickt man nicht nur auf die arabische Welt (und übersieht nicht die halbwegs funktionierende Demokratie Libanons), dann lässt sich das Klischee, die Muslime seien per se undemokratisch eingestellt, nicht aufrechterhalten. Bangladesch, Indonesien, Türkei, Iran – in den bevölkerungsreichsten Staaten der islamischen Welt ist die Demokratie auf dem Vormarsch, so vehement sie von Diktatoren, religiösen Führern oder Militärs bekämpft wird. Sogar in Kaschmir mit seiner 50-jährigen Geschichte der Unterdrückung zeigen Umfragen und Wahlen, dass die Mehrheit der Menschen sich weiterhin für eine friedliche Lösung ausspricht. Auch in Pakistan, wo bei den jüngsten Wahlen die Islamisten aus ihrer bisherigen Bedeutungslosigkeit aufgestiegen sind, würde ein Referendum, ob die Menschen in einem Gottesstaat leben wollen, ein klares Votum für die Demokratie ergeben, vermutlich sogar unter vielen Wählern der religiösen Parteien. Und in der arabischen Welt schließlich wirken die Autokraten immer mehr wie anachronistische Gestalten – was nicht zuletzt der beispiellose Erfolg des Debattensenders al-Dschasira vor Augen führt, der mehr zur demokratischen Bewusstwerdung in der arabischen Welt beigetragen hat als alle westlichen Demokratien zusammen. Nein, der Kapitalismus mag sich zwangsläufig und brutal durchsetzen, aber das eigentliche erfolgreiche Exportmodell des Westens ist die parlamentarische Demokratie.

Die Verhältnisse in den genannten Ländern mögen also trotz unübersehbarer Fortschritte noch weit von westlichen Standards entfernt sein, aber die Menschen in der islamischen Welt sind darüber nicht froh, sondern bestürzt oder resigniert, und sie werfen dem Westen nicht seine Standards vor, sondern dass er sie nicht anwendet, wenn er Diktaturen, korrupte Regime oder den Terror einer Staatsgewalt deckt. Gewiss geht die Sympathie für Osama bin Laden, die Taliban oder Saddam Hussein über einige extremistische Kreise hinaus, aber die verzweifelte Frage, die einem zwischen Rabat, Teheran und Jakarta weit häufiger begegnet, lautet, warum der Westen diese politischen Monster so viele Jahre unterstützt hat. Wer vom Hass der islamischen Massen auf den Westen schwafelt, möge zur Probe in den genannten Städten Visa feilbieten: Wäre der Westen dort wirklich so unbeliebt, würde speziell die Jugend wohl kaum lieber heute als morgen dorthin auswandern.

Die Menschen, die in der Hoffnung auf ein Visum nachts überall in Hauptstädten der islamischen Welt vor den westlichen Botschaften kampieren, tun dies nicht, weil sie Muslime sind. Sie hören aber auch nicht auf, Muslime zu sein, wenn sie im Wes-ten leben wollen. Weder kollidiert der Wunsch, in einem freien, säkularen System zu leben, mit ihrer religiösen Überzeugung, noch leiten sie den Wunsch aus dem Glauben ab. Vielmehr gilt für sie, was für Europäer selbstverständlich ist: Nicht alle ihre Begehren sind durch die Religion determiniert.