War es Ute Lemper oder Désirée Nosbusch – eine unserer heimatvertriebenen Broadway-Heroinen jedenfalls muss dieses neudeutsch-amerikanische "Nicht wirklich" in unsere Talkshows eingeschleppt haben. Von dort griff es influenzamäßig um sich und bereicherte unseren restringierten Sprachschatz. Kein Mensch benutzt heute mehr einfache, ehrliche Verneinungen wie "Nein" oder "Leider nicht". Wenn Günther Jauch bei der 1000-Euro-Frage wissen möchte, ob man denn den Schimmer einer Ahnung habe, sagt der Kandidat kokett: "Nicht wirklich." Im Klartext: Er weiß nix. Und er weiß auch, warum. Das Gefragte lag ja vor 1970, also "vor seiner Zeit". Die Pyramiden. Die sieben Weltwunder. Alles vor seiner Zeit. Vor der Ära Helmut Klösgens aus Pöschede. Na dann.

Was harmlos daherkommt wie eine rhetorische Marotte, weckt unseren hermeneutischen Jagdinstinkt. Die Sprache spricht, je ohnmächtiger die Sprechenden, umso mächtiger doch aus ihnen. Nicht wirklich könnte die lakonische Formel für ein verbreitetes Lebensgefühl sein in einer virtuellen Welt. Für cooles Einverständnis mit einem System verkaufsfördernder Täuschungen und Selbsttäuschungen. Für einen obszönen Wohlstand, den das schlechte Gewissen zur Krise stilisiert. Für eine Krisenintervention, die sich in höhnisch klingenden Appellen an unser Suchtverhalten erschöpft: Konsum, Konsum. Als ob wir etwas anderes im Kopf hätten. Ob Extremwetterlagen, Todesfälle, Terroranschläge, Genozide, Hungerepidemien in Afrika – es bestehe "kein Grund, Kaufzurückhaltung zu üben", lautet das "konsumistische Manifest" der Firma Deutschland und ihres firmeneigenen Narren Norbert Bolz. Es hat etwas Spukhaftes, wenn das Ideal eines beweglichen Geistes die perfekte Marionette ist. Nicht wirklich wirklich ist die vorgeschützte Dummheit des Late-Night-Showmasters. Der Quotau vor dem Massengeschmack. Der Aufwand an Virtuosität, um weniger zu erscheinen, als man ist. "Die Ungeheuerlichkeit deiner Dummheit wird uns noch eine Weile schützen", sagt die Mutter des ungeschickten Gangsters in Hitchcocks Notorious. Ähnliches gilt wahrscheinlich auch für die derzeitige Regierungskoalition.

Nicht wirklich wirklich erschien so vieles im verstrichenen Jahr. Nicht zuletzt der Grand-Guignol-Klamauk der Geschichte vor laufender Kamera. Bush und Putin Arm in Arm, Bruderküsse tauschend. Kalter Krieg, atomare Abschreckung, Eiserner Vorhang, Blut und Tränen – war es gestern oder im vierten Stock?, würde Karl Valentin fragen. Der war kaum zu glauben. Wie Daniil Charms und seine abgemurksten Brüder. Sie zu lesen ist der beste Weg, um das Wirkliche wieder zu spüren. Das, was übrig bleibt und immer schon da ist, unter den Grimassen. Gabriele Killert