Dieses Weihnachten war das Fest der unheiligen Botschaften. Während Politiker noch mit großem Schwung das christliche Abendland gegen einen EU-Beitritt der Türkei beschworen, wurde bekannt, dass der Bonner Neurobiologe Oliver Brüstle die Genehmigung erhalten hat, aus Israel Stammzellen einzuführen, die durch Tötung menschlicher Embryonen gewonnen wurden. Wenig später erklärte in den USA die dubiose Raelisten-Sekte, dass es ihr gelungen sei, am zweiten Weihnachtsfeiertag das erste geklonte Menschenbaby zur Welt zu bringen. Was in der langen Debatte um Gefahren und Chancen der Gentechnik bisher nur als düstere Möglichkeit galt, scheint Wirklichkeit zu werden: dass sich der Mensch an Gottes Stelle setzen und zum Schöpfer seiner selbst aufschwingen könne.

Beide Nachrichten haben aber zunächst nur gemeinsam, dass sie von dem festen Willen künden, sich über ethische und religiöse Bedenken hinwegzusetzen und tatsächlich mit Embryonalzellen zu arbeiten. Ob es der Sekte gelungen ist, einen Menschen zu klonen, ist höchst ungewiss. Gewiss ist, dass Brüstle nichts dergleichen vorhat, vielmehr mit den Stammzellen allein zu therapeutischen Zwecken forschen will, nämlich um schwere Nervenleiden zu heilen. Auch folgt die Genehmigung für Brüstle dem restriktiven deutschen Gesetz, das die Gewinnung von embryonalen Stammzellen verbietet und nur die Arbeit mit bereits vorhandenen Zellkulturen erlaubt.

Maßlose Hoffnungen

Die Raelisten bewegen sich dagegen im rechtsfreien Raum. Dass reproduktives Klonen zu verbieten sei, ist zwar noch nicht überall Gesetz, jedoch nahezu überall Konsens. Gestritten wurde in der Gendebatte nur um die Zulässigkeit des therapeutischen Klonens oder allgemein um die verbrauchende Embryonenforschung (bei der Eizellen zu Forschungszwecken "verbraucht", das heißt eigentlich: vernichtet werden).

Trotzdem haben beide Nachrichten einen gemeinsamen Kern. Das ist die großartige oder verstiegene Hoffnung, schon durch Eingriffe am Ursprung des Lebens künftiges Leiden zu mindern (und sei es nur das Leiden am Ausbleiben des Wunschkindes). Auf den Vorwurf, dass dabei gleichzeitig menschliches Leben zerstört werde, haben die Forscher stets geantwortet, dass in der Natur ja ebenfalls ständig befruchtete Eizellen abgestoßen, also getötet und "verbraucht" würden. Das ist ein seltsames Argument. Mit gleichem Recht könnte man sagen, dass Menschen, da sie nun einmal sterblich seien, auch gelegentlich ermordet werden dürften. Aber die Seltsamkeit des Arguments zeigt nur die Macht der Hoffnungen, die von der Gentechnik freigesetzt werden und stärker als alle Logik sind.

Hochmut im Labor

In diesen Hoffnungen - und nicht in den dubiosen Praktiken einer Sekte - liegt denn auch die eigentliche Bedrohung. Seriöse Forscher mögen die Warnungen vor einem Dammbruch noch so energisch zurückweisen und beteuern, dass von ihren Experimenten kein Weg zur verantwortungslosen Babybastelei führe. Die Menschen aber, wenn sie einmal die Möglichkeit kennen, werden die Chance sofort ergreifen, das zu ändern, was bisher als unabänderlich hingenommen werden musste, ob es Krankheiten, Erbschäden oder nur Haarfarben sind.