Ja, wenn schon der Autor beteuert: "Dies ist ein böses Stück." Wie böse muss es erst bei der Uraufführung 1956 in Zürich gewirkt haben, zehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Mithilfe des Marshall-Planes sind die ausgehungerten Deutschen wieder aus ihren Ruinen gekrochen, bescheren sich eine "Fresswelle" und lernen von den Befreiern, was ein Rechts-Stasi ist. Auch Dürrenmatts Schweiz erlebt ein Wirtschaftswunder.

Und da stellt sich eine "alte Dame" hin, "die reichste Frau der Welt", Kadaver des Kapitalismus, und verkündet, ja droht: "Ich gebe eine Milliarde und kaufe mir dafür die Gerechtigkeit… Man kann alles kaufen… Eine Milliarde, wenn jemand meinen ungetreuen Liebhaber von vor fünfundvierzig Jahren tötet."

Na, die "Dame" kommt schön an bei den zwar verarmten, doch auf Recht und Menschlichkeit pochenden Mitbürgern von einst. "Bleich", doch "würdig" tritt ihr der Bürgermeister entgegen: "Noch sind wir in Europa, noch sind wir keine Heiden. Ich lehne das Angebot ab. Im Namen der Menschlichkeit. Lieber bleiben wir arm denn blutbefleckt."

Darauf hüstelt die Mumie der Menschlichkeit den kürzesten Satz dieser "tragischen Komödie", den banalsten, den gefährlichsten, folgenschwersten: "Ich warte."

Das war vor einem halben Jahrhundert – auch – ein Witz. Drei Spielzeiten zuvor war in Paris das Schauspiel uraufgeführt worden, das die Welt der Bühne – unseres Bewusstseins – verändert hat wie kein anderes: Warten auf Godot von Samuel Beckett. Warten dort zwei Landstreicher auf Godot (Gott? Nichts? Erlösung? Das Unfassbare?), der nie erscheint, so hier die "alte Dame" auf den ganz sicher erscheinenden Menschen, wie ihn der Dichter Gottfried Benn, zum Entsetzen der Zeitgenossen in den zwanziger Jahren definiert hat: "Die Krone der Schöpfung: das Schwein, der Mensch."

Wie heißt die Stadt, die Dürrenmatt von der "alten Dame" besuchen, heimsuchen lässt? "Güllen". Gülle ist das im Alemannischen, in der Schweiz noch lebendige Wort aus dem Mittelhochdeutschen für Pfütze, Dung, Jauche, im Bayerischen: Odel. Biotop des Menschen-Schweins halt, das sich darin wohl fühlt.

Die "alte Dame" hat diesen Menschen-Sumpf kennen gelernt. Vor fünfundvierzig Jahren lief sie als junge Dame, Kläri Wäscher, mit nackten Füßen,mit wehenden roten Haaren, gertenschlank, eine verteufelt schöne Hexe, durch Güllens Wälder und Fluren, mit dem Geliebten Alfred Ill. Der hat sie sitzen lassen, als ein Kind unterwegs war. Der hat sie verraten, weil er die reiche Tochter des Dorfklempners heiraten wollte. Mit einer Flasche Schnaps hat er zwei Herumtreiber zu Falsch-Aussagen bestochen, sie hätten auch etwas mit Kläri gehabt.

Damit war das Mädchen ruiniert, musste als Nutte ihren Lebensunterhalt verdienen. Hat sich hochgeschlafen, kehrt als milliardenschwerer Racheengel Claire Zachanassian (Dürrenmatt denkt an die Nabobs von damals: Zacharoff, Onassis, Gulbenkian) in die Heimat zurück – nicht, um selbst ein Terzerol auf den Schubiack loszubrennen, sondern, böser, die Geld-Welt bloßzustellen und niederzustrecken. Das hat sie in Leidensjahren gelernt, Witwe/Geschiedene von acht Männern, den neunten krallt sie sich in Güllen: Du musst nur mit einem Geldschein wedeln – schon legen sich dir alle zu Füßen.