Lauter märchenhafte Schönheiten

In den frühen dreißiger Jahren muss die Provence noch ein schönes Land gewesen sein. Einmal zum Beispiel geht eine Sechzehnjährige vorbei: "Sie läuft barfuß. Sie hat kleine, fleischig braune Füße mit schönen, gespreizten Zehen. Die Fesseln sind ebenso mollig, die Wade ist hart, marmorn die Beine… Sie ist an uns vorübergegangen. Ihr Gang war Musik. Nie hatten wir eine schönere Freude, als sie gehen zu sehn, eine schönere Freude habe ich nie erlebt" – mollig, hart und marmorn, man muss einen Sinn für solche Kombinationen haben, aber wenn man ihn hat, dann glaube ich auch, dass man nie wieder woanders hinwill, als wo solche Mädchen gehn.

Gehen, gehen, das muss es gewesen sein in diesem Landgemisch aus Antike und noch älteren Zeiten, und dann das erkennen, wozu sich einem beim Gehen erst wieder die Sinne öffnen: "Sie machen mich lachen, wenn sie behaupten, ich sei ein Poet. Traurige Ausrede von solchen Gestalten, die den Geschmack am Leben verloren haben, weil sie die wahre Haltung verloren haben. Es stimmt, dass das fast immer abfällig gemeint ist, aber vielleicht hätten sie selber sogar noch etwas davon in sich, vom Poeten, das heißt vom wahren Menschen…" – wenn sie also die Haltung hätten, "die liebende, die natürliche, liebevolle Haltung, aus der heraus man mit lauter Dingen Bekanntschaft macht", und dann die Augen noch, für mollig, hart und marmorn.

Das schreibt Jean Giono 1939, in einem ewig langen schönen Aufsatz (Das, was ich über die Provence schreiben will…); und noch in den fünfziger Jahren, ebenfalls in zwei fast überbordenden Abhandlungen(Arkadien! Arkadien! und Auch wenn ich in diesem Land geboren bin...), ist dieses Land ein Land des Glücks. Einmal, anlässlich einer Wanderung, schreibt er: "Man müsste tatsächlich einmal eine Karte der unbefahrbaren Wege zeichnen, für die wirklich Neugierigen. Bei jedem Schritt macht man lauter Entdeckungen. Man kommt auf die Höhe eines Hügels und ist sogleich erfasst von dieser Landschaft, die einen einfach nur glücklich macht..." (ein andermal, zwanzig Jahre früher, 1933, in der Heftigkeit des Tons wieder an die marmornen Schenkel erinnernd: "Ohne Gnade drängte die Erde um uns herum lauter märchenhafte Schönheiten zusammen").

Die unbefahrbaren Gegenden sind es, die er meint, oft die Gegenden seiner frühen Romane, östlich einer Linie Sisteron–Manosque, auf den Hochebenen, die Flusstäler hinauf (die meisten Orte und Gegenden, die er liebt, seine Inbegriffe der Provence, findet man überhaupt nicht aufgeführt in den Registern der meistbenutzten Provence-Führer); vor Jahren bin ich dieser Romane wegen einmal da oben gewesen, in der mörderischen Sonne in diesen Einsamkeiten, deren Schönheiten, langsam, wie sie dann erkennbar werden, wirklich nichts für die Durchreisenden sind, die Sonne wollen. Das ist es wohl: Gionos Provence ist die Provence derer, die, weil sie die Sonne hier kennen, auf Schatten aus sind, auf die tausend Nuancen von Grau, dieser wahren Farbe seines Landes.

Seine Stadt ist Manosque, das einmal schön gewesen sein muss; er ist dort 1895 geboren und 1970 gestorben; und er habe die Stadt noch gekannt, schreibt er, als in jedem Innenhof ein großer Maulbeerbaum gestanden habe. 1937 schreibt er, wenn man die Schönheit von Manosque definieren wolle, dann vielleicht so: Sie sei die Hochschule des Glücks. 1952: Er habe das alte, das arme Manosque noch gekannt, es habe innerhalb seiner Stadtmauern der Krone eines Königs geglichen; es habe sich dann geändert, doch die Seele, schreibt er, "die Seele ist dieselbe geblieben, denn die Wildnis, die nur wenige Kilometer von hier entfernt liegt, hat sich nicht verändert". 1963 schreibt er, es sei nur zwanzig Jahre her, da habe Manosque noch zwei Drittel seiner Schönheit besessen; jetzt sei alles verschwunden.

Und nicht die Touristen sind schuld daran; die Touristen sind nur töricht, und er sieht es gern, wenn sie, um sich ihrer geliebten Sonne wegen möglichst nackt ausziehen zu können, nach kurzen Blicken auf den Mont Ventoux, auf Arles und Avignon, an seinem Land vorbeifahren Richtung Meer – es schmerzt ihn dann auch, wenn er sieht, wie geliebte arme Fischerdörfer jetzt Modestrände sind; und es ist ja alles auch noch viel schlimmer geworden seither: Einmal beschreibt er noch einen so ganz abgelegenen Ort; aber ginge man heute hin, dann fände man dort Industrieanlagen.

Zwei Sachen verschwinden immer miteinander, die Schönheit und ihr Begriff, also jene Haltung, von der Giono redet – und sie wenigstens und eine verführerische Sehnsucht, eine vergebliche vielleicht nach der verschwundenen Schönheit selbst (wohin soll man noch reisen?) vermittelt ein großer Schriftsteller in diesem schönen Buch.