Die Zeitungen haben ja schon nach Weihnachten über den Eisregen berichtet, der am Heiligen Abend Tausende Ihrer Kunden stranden ließ, zwischen Bremen und Osnabrück, Hannover und Berlin. "Höhere Gewalt" sei das gewesen, haben Sie Bild erzählt, etwas, das man eben hinnehmen müsse, so wie beim Autofahren den Stau. Da werde ja auch nicht gleich "Sauerei" geschimpft, haben Sie zu Bild gesagt.

Ach, Herr Mehdorn: Wir hätten Sie gern dabeigehabt, im Intercity 2423, der von Hamburg nach Passau fahren sollte, aber dort nie ankam. Wir hätten gern mit Ihnen zusammengesessen, um über die "moderne", die "effiziente", die "zuverlässige" Bahn zu plaudern, Zeit genug hätten wir ja gehabt. Die wenigsten von uns hätten Sie beschimpft, die meisten Ihnen Recht gegeben, dass "höhere Gewalt" etwas ist, vor dem man nur demütig sein Haupt neigen kann. Es war ja Heiligabend. Die Stimmung war gut, jedenfalls am Anfang und am Ende, kurz nach Mitternacht am ersten Weihnachtstag, als es in Kirchweyhe endlich weiterging. Kirchweyhe, das können Sie nicht wissen, ist ein kleiner Ort hinter Bremen. Bis zur Heiligen Nacht haben auch wir ihn nicht gekannt.

Aber wir hätten Ihnen gern ein paar Fragen gestellt. Zum Beispiel, wie es sein kann, dass die Bahn den Eisregen "völlig unterschätzt hat" – das sagte jedenfalls Ihre wirklich sehr nette Zugbegleiterin. Ist nicht jedes Jahr Winter? Und hatten die Wetterdienste nicht gewarnt? Dass wir von mittags eins bis abends halb sechs in Bremen standen, weil auf der Strecke die Oberleitungen eingefroren waren und Bäume auf den Schienen lagen, haben wir ja verstanden. Dass unser Zug dann ein paar Kilometer hinter Kirchweyhe wieder liegen blieb, weil aus der Oberleitung noch immer nicht genügend Saft kam, begriffen wir ebenfalls. Ihr wirklich sehr, sehr netter Zugchef hat uns das erklärt.

Sie allerdings, lieber Herr Mehdorn, hätten uns sicherlich darüber aufklären können, warum es Ihre so wunderbar organisierte Bahn an diesem Abend einfach nicht schaffen konnte, mehr als eine einzige Diesellok in Gang zu setzen, um einige IC-Züge aus der Eiswüste hinter Bremen zu ziehen. Sie hätten sicher auch den Zugchef beruhigt, der kurz vor sieben völlig entnervt mitteilte: "Ich erfahre nichts. Man ruft mich nicht an, und ich bekomme niemanden ans Telefon." Wären Sie im Zug gewesen, der arme Mann hätte nicht den Bundesgrenzschutz anrufen müssen, der dann irgendwie irgendjemanden im Lagezentrum in Hannover erreichte. Aber, wie gesagt: Die hatten eben anscheinend nur eine Diesellok.

Trotzdem, mit Ihnen zusammen wäre es ein noch schöneres Weihnachtsfest geworden, im IC 2423. Sie wüssten heute, warum Sie stolz auf Ihre Kunden sein können: wie die ihre Weihnachtspäckchen öffneten, Plätzchen verteilten, gemeinsam den Wein austranken, der für den Familienabend unterm Weihnachtsbaum gedacht war. Als die junge Dame ihre Geige auspackte, hätten wohl auch Sie mit uns gesungen. Und ganz sicher hätten Sie mit angepackt, um Babys und alte Leute nachts um zehn über den vereisten Bahnsteig in Kirchweyhe zu geleiten. 600 Menschen aus unserem Zug mussten da in den IC 2501 umsteigen, der abfahrbereit auf Gleis zwei stand. Weil es eben nur eine einzige Diesellok gab.

Sie hätten sich, lieber Herr Mehdorn, auch über Ihr Personal gefreut, das frische Windeln organisierte, und in Osnabrück die Feuerwehr, die morgens um halb zwei mit Würstchen, Wasser und Cola wartete. Gemeinsam mit Ihnen hätten wir vielleicht sogar darüber hinweggesehen, dass es im Bistro schon abends nichts mehr zu essen und zu trinken gab.

Nur eines, Herr Mehdorn, ist völlig schief gelaufen: Schon am Mittag war in Bremen der Bahnsteig völlig vereist. Eine alte Dame, sicher über 80, fiel hin; 20 Minuten musste sie in der Kälte warten, bevor ein Rollstuhl kam. Gestreut wurde auch später nicht. Da haben wir gewünscht, in Amerika zu sein, wo Ihnen eine Klage jetzt ganz und gar sicher wäre.