RomanBeckett für alle

John Banville beschwört die irischen Geister

Es ist schwer, sich nicht an Beckett erinnert zu fühlen bei der Lektüre von John Banvilles Roman „Ich bin im Zimmer meiner Mutter. Ich wohne jetzt selbst darin“: Mit diesen beiden Sätzen beginnt Becketts wichtigster Nachkriegsroman und Banvilles Buch ist unter anderem der Versuch, diesen Sätzen eine neue Fabel zu erfinden. Im Gegensatz zum Beckettschen Helden weiß Alexander Cleave, Banvilles Ich-Erzähler, allerdings sehr wohl, wie er ins Haus seiner Mutter gekommen ist. Er nutzt das heruntergekommene, seit langem unbewohnte Gebäude als Zuflucht während einer persönlichen Krise, sucht hier „eine kurze Erholung vom Leben“.

Alex ist Schauspieler der klassischen Schule, „der Mime fürs denkende Publikum“ – oder besser gesagt, er war es. „Und so sehen Sie mich, den Gejagten, in meinem fünfzigsten Jahr, jählings bestürmt, mitten in der Welt“, aber nicht mehr auf der Bühne. Eine „Lebenswirrnis“ hat ihn in seiner letzten Rolle gepackt, mitten in dem, was ein Monolog hätte sein sollen: Ihm fehlen nicht die Worte, aber ihm fehlt der Wille weiterzumachen. Stumm geht er ab, und der einzige Monolog, den er jetzt noch hält, ist eben dieser Roman, in dem er uns sein Leben erzählt.

Wenn es denn sein Leben ist. Eine wortgewaltige, dabei zunächst namenlose Angst schwappt in ihm hoch „wie Gallensaft“, und alles, was ihm hätte vertraut sein sollen, ist ihm fremd. Im Haus seiner Kindheit, das er kennt und das ihm doch ein Rätsel ist, gibt er sich ein kurzes Weilchen einer „hirnrissigen Euphorie“ hin, ganz auf sich allein gestellt, indem er den verwilderten Garten zu kultivieren, den Staub zu beseitigen, die Zimmer zu putzen, die Vergangenheit zu sortieren versucht. Lange hält sie nicht an, diese Euphorie, und lange allein ist er auch nicht. Ein alkoholisiertes Faktotum, das sich während der letzten Jahre um das leere Haus „gekümmert“ hat, drängt sich ihm auf und bedrängt ihn, eine 15-jährige Putz- und Haushaltshilfe in seinen Dienst zu nehmen. Erst nach einiger Zeit findet Alex heraus, dass die beiden (es sind Vater und Tochter, natürlich sind sie es) heimlich in dem labyrinthischen Haus wohnen. Er nimmt das hin, wie er ohnehin das meiste immer hingenommen hat in seinem Leben.

Zum Beispiel die Gespenster , die sich ihm fast täglich zeigen, schemenhafte Wesen, die er als Boten aus der Vergangenheit deutet. „Nein, die Phantome kommen nie auf Wunsch, und das verwundert mich.“ Noch mehr verwundert ihn, dass diese Wahngebilde sich einmal zu einem „Geistertrio“ formieren, denn eigentlich sieht er doch immer nur zwei Schattenwesen: eine Frau, ein Kind. Ist die Frau seine Mutter, vor langen Jahren verstorben, die ehemalige Herrin des Hauses?

Alex’ Frau hat sich geweigert, mit ihm in das alte Gemäuer einzuziehen. Hat er sie damit verlassen oder nicht? Und in welcher Zeit lebt er überhaupt – in der Vergangenheit oder der Zukunft? Wenn er sich an konkrete Dinge aus seinem Vorleben erinnert, fällt ihm gelegentlich auf, dass die Details nicht stimmen: Da blühen Büsche zu falschen Jahreszeiten, und Menschen treffen sich, die sich nie kannten.

Alex hat einen sehnlichen Wunsch: „Keine Vergangenheit zu haben, keine vorhersehbare Zukunft, nur das stete Pulsieren einer unabänderlichen Gegenwart – was wäre das für ein Gefühl?“ Er wird es nie erfahren, denn die Gegenwart ist das, was Alex nicht hat: Sie ist die ausgesparte Mitte seiner Existenz. Alex Cleave hat keine Mitte, er hat immer nur äußere Hüllen gehabt, „nichts weiter als die Oberfläche“, das bringt die Schauspielerei so mit sich, vornehmlich freilich die Schauspielerei im Privaten. „Ich war jeder, nur nicht ich selbst. (…) Dort, wo eigentlich Ich hätte sein sollen, war nichts als Leere, nur helle Ekstase.“ Alex ist ein Vakuum, seltsamerweise eines, das ständig „ich“ sagt und, wenn es die Phänomene rundherum beschreibt, immer nur von sich selbst redet.

Dieser verwirrte Akteur, dem es „schon immer wahnsinnig schwer gefallen“ ist, „zwischen Tun und Nur-so-tun-als-ob zu unterscheiden“, ergibt sich einer Leere. „Ich will doch nur in Ruhe gelassen werden“, jammert er. Wird er aber nicht. Als seine Frau ihm schließlich doch in das Wrack seines Kindheitshauses folgt, lässt er sich sogar „noch einmal vor den Karren der Sexualität spannen“.

John Banville hat seinen Roman, dessen äußere Handlung nie linear, sondern immer in unergründlichen Kreiselbewegungen abläuft, unter dieser Chaos-Oberfläche stringent durchgeformt. Besonders wirksam setzt er Doppelungs- und Spiegeleffekte ein. Die mürrische 15-jährige Haushaltshilfe etwa schläft im Bett von Alexanders Mutter, benimmt sich aber wie seine Tochter. Dabei hat er eine andere, eine leibliche Tochter, die an Jahren erwachsen und irgendwo in der weiten Welt unterwegs ist. Am Ende wartet Alex auf eine Nachricht von ihr. Was er bekommt, ist eine Hiobsbotschaft. Und was den Leser von Banvilles Roman am Ende erwartet, ist ein raffiniertes Gaukelspiel, ein Taschenspielertrick, der simpel und doch undurchschaubar ist. Die Phantome aus der Vergangenheit entpuppen sich als Geister der Zukunft.

Mit seinen irischen Landsleuten der nächstjüngeren Generation hat der 57-jährige Banville denkbar wenig zu tun: Banville erzählt nicht cool, sondern unterkühlt (was bei Lichte besehen das genaue Gegenteil ist), und die Härte seiner Prosa ist die Härte abweisender Strenge. Die Roman gewordenen Monologe seiner Figuren sind immer so geformt, dass das (in Sonnenfinsternis bis zum Selbstmitleid reichende) Sentiment dieser Figuren transportiert wird, ohne dass die Prosa sentimental würde. Nicht nur in dieser Hinsicht ist Banville unter Irlands Schriftstellern heute der Einzige, der das Erbe Becketts in nennenswertem Umfang fruchtbar hält.

Banville übersetzt die weltentleerten Erzählräume Becketts zurück in die Welt, die wir zu kennen glauben, in romanfähige Figurenkonstellationen und Handlungsabläufe. Dass sich bei dieser Rückübersetzung ins Reale auch manche Banalität mit einschleicht, ist kaum zu verhindern und ebenso wenig, dass das Wiederholungsprinzip bei Banville gelegentlich etwas schablonenhaft wirkt. Die gespensterhaften Phantome scheinen Banvilles früherem Roman Geister entsprungen, die Gewohnheit des Helden, auf der Straße zufällig ausgewählten Passanten zu folgen, kennen wir schon aus dem Buch der Beweise, und die Zirkusaufführung, die gegen Ende des Romans etwas arg ausführlich beschrieben wird, gab es in Birchwood so ähnlich schon einmal. Wer Banville nicht mag (in der heutigen irischen Literaturszene sind das einige), könnte ihm vorwerfen, ihm fiele nichts mehr ein – wer ihn nach wie vor bewundert, wird darauf beharren, dass John Banville mit wenigen inhaltlichen Einfällen mehr anzufangen weiß als manche seiner Kollegen mit deren vielen. Und das hat er dann auch wieder mit Beckett gemein.

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 02/2003
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