Sachbuch Ein Bärendienst
„Wie antisemitisch war die Gruppe 47?“, fragt der Literaturwissenschaftler Klaus Briegleb. Seine „Streitschrift“ ist eine Enttäuschung
Unter dem Stichwort „Gruppe 47“ vermerkt Otto F. Bests altbewährtes folgende Definition: „Interessengemeinschaft, die sich als pressure group … etablierte und Teil des Nachkriegs-Establishments bildete; sie verlor in dem Maße Monopol und Bedeutung, wie der Widerspruch zwischen Kunst und Markt sich verschärfte; die Annahme, daß sie die dt. Literatur nach 1945 repräsentierte, ist irrig.“
Vieles spricht für diese Aburteilung eines Publizistenvereins, der als Jahrmarkt der Eitelkeiten und von Verlegern observierter Talentschuppen fungierte – Durchgangsstation für viele und Dauerheimat für wenige, die innerhalb der rein informellen Einladungspolitik ihre „Zugehörigkeit“ durchsetzen konnten. Doch nicht nur die jahrzehntelange Selbststilisierung der Gruppe als literarisches Sprachrohr im antifaschistischen Geist, sondern ihre Funktion als Instanz kultureller Selbstverständigung machen sie zu einem exemplarischen (west)deutschen Fall. Schnittstelle zwischen Markt, Kunst und Politik, ist sie ein unschätzbarer Indikator auch für die Frage nach Zäsur oder Kontinuität nach dem Zivilisationsbruch von Auschwitz. Doch was Unmengen historischer Studien unternahmen, ist am gut dokumentierten Beispiel dieser trennscharfen Intelligenz-Elitegruppe kaum geleistet worden. Neben dem Bonner Stephan Braese hat sich nun der Hamburger Literaturwissenschaftler Klaus Briegleb des Themas in einer Streitschrift angenommen: Wie antisemitisch war die Gruppe 47?
Seine radikale These, die 47er hätten „die Ausblendung der Shoah so gründlich betrieben wie keine andere kulturelle Agentur der westdeutschen Nachkriegs-Zeit“, will Briegleb nicht im Vergleich mit „anderen kulturellen Agenturen“, wohl aber immanent anhand ihres „Selbstgesprächs“ und ihrer „Selbstanzeigen“ belegen. Hier setzen die Erwartungen ein, die ein Werk dieses Umfangs bei all jenen weckt, die im Dickicht der Zeugnisse irritierende Spuren gefunden haben – Erwartungen an einen Aufklärungsversuch, die aufs tragischste enttäuscht werden.
Die Pose des Rufers in der Wüste, der sich gern selbst kommentiert
Ein Buch, das mit wiederholten Suggestionen wie „notorisch“ beziehungsweise „es ist kein Zufall“ beginnt, prätendiert so wenig argumentative Redlichkeit wie die Stimme seines Autors, der sich in unzähligen Selbstkommentaren in die gönnerhaft-aggressive Pädagogenpose eines Rufers in der Wüste schwingt – etwa anlässlich der Intrige gegen Paul Celan, die „in die Annalen der Gruppe 47 gehört, wo man sie… (nachdem ich sie 1997 erstmals dort eingeschrieben habe), endlich einmal nachlesen sollte. Ein Büßerhemd sich heute noch anzuziehen, verlangt ja niemand von selbstvergessenen Ignoranten – wohl aber ein wenig weniger Munterkeit beim neuerlichen Überplaudern ihrer unter Beweis gestellten Mißachtung.“ Umso redlicher muss eine Kritik sein, die ernst nimmt, dass sie sich keineswegs mit der Rolle einer Streitschrift bescheidet, sondern beansprucht, ein „kleines Geschichtsbuch“ zu sein, das die „Objektivität der Kontextgeschichte“ anhand der „Dokumente aus den deutschen Untiefen der Gruppe 47“ aufzeigt. Dokumente allerdings, die der Autor entweder in den erwähnten (und zum Teil wortgleich übernommenen) Arbeiten schon ausgewertet hat oder aber – mit dem blanken Hinweis „zitiert nach…“ – anderen Dokumentationen entleiht.
Die Argumentationsstruktur setzt mit der Feststellung einer deutschen Nachschuld ein, die 1945 als Verdrängung begann und 1989 ins Stadium der Enthemmung geriet. Zwei „negative Sensibilitätsproben“ des Antisemitismus-Tests mit prominenten 47ern (die Begegnung des jüdischen Autors Yoram Kaniuk mit Günter Grass 1991 sowie Walsers Paulskirchen-Sonntagsrede und ihre Folgen) kulminieren in der Interpretation des Berliner Mahnmals als einer steinernen Entschuldung, die dem Stammtisch forthin erlauben werde, seines Judenhasses ohne Schuldgefühle zu frönen. So widmet sich das erste Viertel des Buches der Aktualität des Antisemitismus-Themas, nein: des Antisemitismus. Dass diese Implikation „in der Innengeschichte der Gruppe 47 wie monolithisch verkörpert“ liege – solche blanken Einschübe bilden die Brücke zum historischen Teil, denn sie gelten dem Autor als Beweise, „daß in die Entfaltung dieses Kontextes die Gruppe 47 tief verstrickt ist“.
Allein diese Struktur verwehrt Lesern, die den Problemgehalt der aktuellen Beispiele anerkennen, die Schlussfolgerungen jedoch nicht teilen, den unverstellten Blick auf die historischen Rekonstruktionen: Umgang mit den „Emigranten“; Verleihung des Schickele-Preises an Horst Werner Richter; sein Verhältnis zu Aichinger und Bachmann; Celans Herausdrängung aus der Gruppe; ihre Verhaltensformen, Verlautbarungen und literarischen Zeugnisse. Wahrlich ein Fundus an Materialien und Aspekten, der den Wunsch nach einer stringenten, faktenorientierten Abhandlung – also „Kritik“ im vollen Sinn des Begriffs – der einschlägigen Vermeidungen, Versäumnisse und Befangenheiten endlich erfüllen könnte!
Doch der Literaturwissenschaftler behält als „Historiker“ nicht nur den penetranten Urteilsjargon permanent wertender moralischer Subjektivität bei; er präsentiert zudem sein Material in einer undurchschaubaren Mischung aus Theorieabwehr, verquasten methodischen Volten und Anleihen an die Lacansche Psychoanalyse, die Aussagen als pathologische Symptome liest. Der Beweis einer „bewußten Täuschung“ etwa sei „in der Tat im Subtext … den hier gelesenen Dokumenten … eingeschrieben“ – und zwar als „Auslassung, Lücke, Deckbild“. Gemeint ist hier Richters Diktum vom „moralischen, geistigen und literarischen Massaker“ der Jahre bis 1945, das Briegleb als Verleugnung des physischen Massakers an den Juden gilt.
Einrede ist zwecklos: Ein Antisemitismus-Begriff „vorweg und per Definition“ täusche Klarheit vor, ein schillernder sei in Kauf zu nehmen „bei je genauem, leider immer wieder erneut herausgefordertem Hinsehen auf das Phänomen“ (schon das redundante „leider“ ist eine Unverschämtheit). Dabei liefert der zugrunde liegende Entwurf eine potenziell wertvolle Erklärung des Nachkriegs-Antisemitismus: Die Gruppe habe die Andersheit der Juden durch Missachtung ihrer Protagonisten und Verweigerung eines literarischen „Dialog[s] mit den fremden Toten“ beziehungsweise den „jüdischen Vätern“ tabuisiert. Doch diese Erkenntnis verfällt demselben Theorieverdikt: Statt sie (aus Strukturalismus, Psychoanalyse und jüdischer Philosophie, etwa Lévinas) zu entwickeln, werden bloß Begriffe wie „Differenztabu“, „Differenzwissen“, „Differenzneugier“ et cetera affirmativ in die Zitatmontagen eingestreut.
Den Kitt liefert eine idiosynkratische Privatsprache, die noch steigert, was der Autor seinen Objektpersonen vorhält. Er scheut sich nicht, die „schrecklichen Körperbilder“ des Gruppengetreuen Joachim Kaiser in einem TV-Interview vorzuführen: „Sein Kopf wurde von Bewegungskrämpfen hin- und hergeworfen, ich sah einen Mund, der sich an Empörungslauten verschluckte…“ Er brandmarkt die peinliche Mythenproduktion in der erotisierenden Bachmann-Imago des Gruppenchefs, um seinerseits von ihr und Celan als „den beiden Sensiblen auf der Szene“ zu sprechen und die (hochgradig identifikatorisch besetzte) Figur des Letzteren in auratisierendem Kitsch heilig zu sprechen: „unfaßbar große menschliche Leistung“, „sensible Autonomie“ et cetera.
Der Autor verschleudert das Material, das er in Händen hält
Auf diese Weise verschleudert Briegleb, was er in Händen hält. Das Material um die Auseinandersetzungen mit den jüdischen Teilnehmern Kesten, Robert Neumann, Habe: verschenkt. Die Rollen von Andersch, Rühmkorf et cetera: verwischt, vernebelt. Und all die fruchtbaren Hinweise, die das Buch selbstredend auch enthält: untergegangen in einem Brei aus Bannstrahl-Diktion, rhetorischen Fragen und gewundenem Insiderpathos. Zwangsläufig verschiebt sich das Interesse des ums Thema betrogenen Lesers auf die Befangenheit des Befangenheitsanalytikers und damit auf einen anderen Aspekt der Antisemitismus-Diskussion.
Ein manichäisches Welt- und Geschichtsbild, das jegliche Ambiguität als unzumutbar ablehnt, härtet die „Fronten“ zwischen schuldig und nichtschuldig. Brieglebs zirkuläre Axiome gleichen dem Inquisitionsinstrument der Nagelprobe: Wer das Stigma hat, beweist, wer nicht, verleugnet seine Teufelszugehörigkeit. Bekenntnis oder Geständnis ist – außer der Zugehörigkeit zur Opfergruppe oder einer hybriden Opferidentifikation – der einzige Ausweg. Da hilft kein Leugnen, denn: „Die … Behauptung, der Antisemitismus-Vorwurf werde inflationär erhoben, verrät, wie ‚organisch‘ jene Immunisierungsstrategie unseres Freundeskreises sich zur deutschen Angelegenheit auswachsen konnte; auch dieses Buch wird mit dieser Strategie zu tun bekommen.“ Mit anderen Worten: Jede Kritik, auch diese, ist Teil der Misere, die anzuprangern das Vorrecht Eingeweihter ist. So dient die Ausgrenzungsrhetorik der Gerechten nicht zuletzt der Befriedigung der Selbstgerechten, die sich ihrer Unschuld stets sicher sind.
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- Quelle (c) DIE ZEIT 02/2003
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