Seit der Bundeskanzler in der Hitparade ist, weiß jedes Kind, was "Steuerpolitik" heißt. Da wollte sein italienischer Kollege nicht nachstehen: Er bringt jetzt auch eine CD heraus. Doch während Gerhard Schröder mit seiner Politik nur die Anregung zu den Texten gab (und einen Imitator singen lässt), textet Silvio Berlusconi selbst. Stellt sich die Frage, warum er nicht auch selbst singt.

Wovon wir ausgehen dürfen: Ein Regierungschef schreibt seine Reden nicht selbst. Das gilt auch für die Lieder. Der deutsche Bundeskanzler steht nicht im Verdacht, den Steuersong selbst komponiert zu haben; er hat ihn lediglich auf die eine oder andere Weise angeregt. Der momentane italienische Ministerpräsident erweckt zwar gern den Eindruck der Omnipotenz, aber auch bei ihm vermuten wir eher die Potenz der Anregung, in diesem Falle sehr gezielt.

Ausbaufähig, können wir da nur sagen. Oder wie es in der Wissenschaft nach einem durchschnittlichen Vortrag gern heißt: "wegweisend". Die Politik, deutsch oder italienisch, hat ein Darstellungsproblem? Das war gestern.

Heute erleben wir einen neuen Drang zur Darstellung, und die ersten ermutigenden Auswirkungen zeichnen sich deutlich ab: Meine zehnjährige Tochter interessiert sich plötzlich für "Steuerpolitik", ein Wort, das bisher nicht zu ihrem Wortschatz gehörte; auch hatte sie sich noch nie Gedanken darüber gemacht, wovon eigentlich ihre Schule bezahlt wird und warum der Putz dort bröckelt.

Deutlich tritt nun hervor, dass der politische Diskurs immer schon zu komplex war. Musik versteht jeder, Argumente nicht. Klar, dass diese Ebene missbraucht werden kann und dass Auftragskompositionen dafür besonders anfällig sind: Malus des italienischen Modells. Der italienische Ministerpräsident, der ein Präsidialregime anstrebt, könnte versucht sein, den neuen Weg dafür zu nutzen, vielleicht mit einem Rap, einem Sprechgesang mit klarer Ansage, der mühelos die Jugendlichen erreicht und zugleich über die mangelnden Gesangskünste hinwegtäuscht: "Ich werd der neue Präsident, das ist so richtig geil, das nennt sich Politik und sorgt für viel Kurzweil." Oder so ähnlich.

Für den Ausbau des deutschen Modells wollen wir uns eher eine Große Koalition der Anständigen vorstellen. Man muss da nicht bei null anfangen, sondern kann bereits auf eine gewisse Tradition zurückgreifen: Unvergessen der Gesang von Kohl & Chor auf dem Balkon des Schöneberger Rathauses anlässlich des Mauerfalls. Grundsätzlich stünde für die Vermittlung von Politikinhalten auch der weite Bereich der Klassik zur Verfügung. Wir könnten uns die Aufführung ganzer Opern vorstellen, mit kleiner oder großer Besetzung, je nachdem ob nur Minister oder auch Staatssekretäre engagiert werden. Ein stattlicher Chor wäre mühelos aus dem Parlament oder per Zwangsverpflichtung aus der höheren Beamtenschaft zu rekrutieren. Seit der Umbenennung einer deutschen Gewerkschaft macht die Verdisierung der Politik ohnehin hörbare Fortschritte, so sehr sogar, dass man dieselbe Gewerkschaft heute bitten muss, nicht immer dieselben Arien zu singen.