Wenn es Nacht wird in der Siedlung und ihr Mann allein im Ehebett ruht, steht Frau Kampmann am Fenster. Dann liegt die Wohnanlage vor ihr wie ein offenes Schlafzimmer, die Anwohner fühlen sich unbeobachtet, obwohl Laternen sie beleuchten. Frau Kampmann kann die Kennzeichen ihrer Autos auswendig, sie weiß die Minute, in der sie kommen und gehen. Die Frau sieht nicht fern, liest nicht Konsalik, rät keine Kreuzworträtsel – die Frau steht nachts am Fenster.

Da passiert es, da, an ihrem nagelneuen Auto! Sie weckt ihren Mann: Günter, Günter, komm schnell ans Fenster, da is ’ne Frau, die hat ’ne Schramme an unser Auto gemacht, dit isse, dit isse! Günter zieht sich den Bademantel über, geht runter auf den Parkplatz und entdeckt die Schramme. Am nächsten Tag zeigt das Ehepaar Kampmann die Nachbarin an.

Frau Tal ist das alles sehr peinlich. Sie, die beim Fernsehen tätig ist, wird vor Gericht geladen, als Beschuldigte, und das Delikt ist auch noch fatal banal. Sie soll mit einem spitzen Gegenstand eine Schramme in ein Auto geritzt haben. Frau Tal ist eine schicke, schlanke Person von 60 Jahren, die keiner ihr ansieht. Sie verdient gut, arbeitet in einer Sportredaktion. In langem rostrotem Rock, das braune Haar hübsch hochgesteckt, nimmt sie vor der Richterin Platz. Ob sie denn die Geschädigte kenne. Nein, ich kenne die nicht, die hat mich einfach angezeigt, ich dachte, ich bin im falschen Film, sagt die Fernsehfrau. Schuld an dem Verdacht ist ihr Lebensgefährte, bleich, jung, schmächtig, in einem weichen Tweedanzug mit ungepolsterten Schultern. Wenn die beiden abends nach Hause kommen, trödelt er ewig im Auto rum, kramt dies und das zusammen, ordnet Papiere, putzt die Scheiben. Das machte seine Freundin in der Schrammennacht nervös. Sie sah sich nach ihm um, hob unmutig die Hand: Nun komm doch endlich! Es war die falsche Bewegung, genau jene, die die schlaflose Observateurin der Nacht veranlasste, im Jagdfieber ihren Mann zu wecken.

Frau Kampmann verkörpert nicht nur äußerlich das Gegenstück zur Angeklagten: untersetzt, kräftig, kurzhaarig. Seit 40 Jahren verheiratet mit Günter, der ist ein stiller Mann und hört aufs Wort. Möglicherweise hat der offensichtliche Gegensatz im Lebensstil der beiden Nachbarinnen Frau Kampmann in dem Gefühl bestärkt, es müsse ausgerechnet Frau Tal sein, die ihr Schaden zufügt. Diese Frau, die so alt ist wie sie, aber einen jungen Freund hat und spät nach Hause kommt. In deren Alltag es vermutlich noch Ereignisse gibt.

Die Abenteuer der Zeugin Kampmann bestehen im Beobachten der Blöcke in der Dunkelheit: Ich gucke grundsätzlich nachts aus dem Fenster, weil ich nicht schlafen kann. Ich passe auf wie ein Luchs: Der Freund von Frau Tal fährt jede Nacht um 23.44 Uhr weg und kommt um 2.15 Uhr wieder, ich weiß Bescheid. Sie ist stolz auf ihre detektivischen Fähigkeiten, darauf, dass sie die Nachbarin erwischt hat, wie sie die Schramme ritzte.

Warum sollte Frau Tal das gemacht haben, fragt die Staatsanwältin.

Weiß ich nicht, sagt die Zeugin.