Es liest sich wie das Drehbuch vom Krieg der Sterne: "Tief in unserem Inneren, auf subzellulärer Ebene, findet die Schlacht statt. Verborgen, unsichtbar, aber mit scharfer Munition und ungeheurer Schlagkraft wird dort gekämpft. Es kommt zu winzigen Explosionen, Lichtblitze entstehen, Partikel fliegen umher, Zellen sterben. Die Aggressoren tragen komplizierte Namen, auch ihre Kriegsstrategien sind verwirrend und schwer nachzuvollziehen ..."

Es liest sich wie ein Filmskript, ist aber eine Pressemitteilung, die für ein Produkt wirbt, das einer der schillerndsten Ärzte in Deutschland entwickelt hat. Zumindest einer der faltenfreisten.

Dr. Müller-Wohlfahrt ist 60 Jahre alt, hat eine Haut glatt wie die einer Nonne und in seinem Leben schon mehr Sportlerwaden gedrückt, als Haare auf einem Unterschenkel Platz haben.

In den vergangenen Jahren ist er zu einer Institution in der Sportmedizin und Promiwelt geworden. Der "Doc", wie er unter Spitzensportlern, Münchner Fitness-Junkies und Wellness-Teetrinkern gleichermaßen genannt wird, hat sich einen Nimbus aufgebaut, der mindestens so charismatisch wie profitabel ist.

"Er hat Radarfinger", sagte Lothar Matthäus, der eine Weile mit des Doktors schöner Tochter liiert war."Er ist ein seelisches Wannenbad", sagte Boris Becker, und die Sunday Times nannte ihn "Dr. Feelgood".

Die Geschichte über Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt ist keine, die zwischen Wahrheit und Inszenierung unterscheidet. Der Arzt, sein Image sind hart erarbeitet und ohne die Hilfe von den Medien nicht denkbar, er erzeugt nicht nur das Image des ewig jungen, erfolgreich Smarten, er lebt es.

Kein anderer Sportarzt wird so oft in den Medien erwähnt. Als Mannschaftsarzt des FC Bayern, als persönlicher Leibarzt von Boris Becker, Lothar Matthäus, Willi Wichtig, als unermüdlich Forschender, der Bücher schreibt, Kongresse organisiert. Vor allem hat er sich aber in den vergangenen Jahren einen Namen mit den so genannten Antioxidantien gemacht. Substanzen, die man zusätzlich zur täglichen Nahrung schluckt, um das Immunsystem zu stärken, die Abwehrkräfte zu mobilisieren und die freien Radikale im Körper zu binden.

Mittel gegen Jetset-Symptome

Sein Buch So schützen Sie Ihre Gesundheit ist ein Bestseller, oxano, ein Vitaminpräparat zur Nahrungsergänzung, ist etabliert. Der Umsatz der formula Müller-Wohlfahrt Health und Fitness AG hat im vergangenen Jahr zwischen 1,75 und 2 Millionen Euro gelegen. Niemand muss extra betonen, dass diese Zahlen in den kommenden Jahren rapide steigen sollen.

Denn die Deutschen lassen sich ihre Gesundheit im Allgemeinen und ein gutes Lebensgefühl im Speziellen einiges kosten. 2001 haben sie 4,1 Milliarden Euro für Selbstmedikation ausgegeben (neuere Zahlen liegen nicht vor), das sind ungefähr 14 Prozent des gesamten Apothekenumsatzes und eine Viertelmilliarde Euro mehr als im Vorjahr. Schon jeder zweite Bundesbürger betreibt heute Selbstmedikation.

Neutralisieren lassen sich viele Jetset-Symptome, Vielfliegerei, Fast Food, Rauchen und Stehpartys, so suggerieren Buch, Pille und Arzt. Vor allem hofft Müller-Wohlfahrt auf einen Einstiegsdrogeneffekt: Wer sich um Nahrungsergänzung kümmert, achtet auch mehr auf gesunde Nahrung, macht vielleicht ein bisschen Sport, reduziert das Rauchen, arbeitet maßvoll.

Wer die Kapseln kauft, ist nicht krank oder schwach, sondern trägt vor allem das nagende "Ich muss was für mich tun" in sich. Weil er viel fliegt, weil es Grippezeit ist, weil er raucht, schwanger, dick oder dünn ist. Und vor allem, weil er anderen demonstrieren will: Ich achte auf mich. Ich investiere in das Wertvollste, was ich habe: meine Gesundheit.

Die weißen Opalgläser, in denen Müller-Wohlfahrts Pillen abgefüllt sind, unterstützen das Vorhaben. So edel, zurückgenommen sehen sie aus, dass sie dekorativ auf jedem PR-Damen-Schreibtisch stehen können, ohne dass die Kollegen denken: "Die ist krank, also nicht leistungsfähig." Oder: "Die ist tablettenabhängig, also gaga." Mit oxano schlucken die Verbraucher mehr als nur Vitamine, Zink und Betacarotin. Sie schlucken Jetset.

Und natürlich ist da auch der jugendliche Vater der Tablette. Wer mit 60 noch so strahlend aussieht wie Müller-Wohlfahrt, der überzeugt, wenn er wieder und wieder versichert: "Ich selbst nehme sie ein und empfehle sie seit vielen Jahren auch meiner Familie."

Man kann ihn nicht gleich mit der Münchner Schickimicki-Welt in Verbindung bringen. Ruhig steht er vor einem, mit geradem Blick und gesunder Physis: kein Fett, keine Falten, kein Firlefanz. Selbst seine legendäre Popperfrisur aus den Siebzigern stört die Erscheinung nicht. Mit einer Stimme, die leise ist, weil sie weiß, dass man ihr zuhört, erzählt er von sich, seinem Antrieb: seiner Aufgabe.

Aufgewachsen in Leerhafe, einem ostfriesischen Dorf, als Jüngster einer preußischen Landpfarrerfamilie. Der Vater war streng. Hans-Wilhelm, Jüngster von drei Söhnen, ging abends um zehn Uhr noch zum Laufen, weil er nicht vor seinen Vater treten wollte, ohne trainiert zu haben. Die Topoi, die er aus seiner Kindheit und Jugend beschreibt, scheinen direkt aus einem Hermann-Löns-Bild entlehnt: eine gütige Mutter, ein autoritärer Vater, viel Natur, aber auch Orgel spielen, zweimal fünfzehn Kilometer zur Schule – jeden Tag, eine große Kanne Ostfriesentee, immer gefüllt auf dem Stövchen.

"Aufgrund persönlicher, schlechter Erfahrung hat mein Vater gewisse Vorbehalte gegenüber dem Arztberuf entwickelt", erinnert sich Müller-Wohlfahrt. Das wird er ein Leben lang nicht vergessen. Nicht nur das, sie wuchert in ihm wie Krebs. "Sowohl die Heilung als auch die Erhaltung der Gesundheit des Menschen – egal, wer der Patient auch immer ist, sollte die Maxime eines jeden Arztes sein", sagt er. Was sich anfangs noch nach Schwarzwaldklinik- Rhetorik anhört, wie ein Abziehbild des hehren Heilers, wird im Laufe des Gespräches immer wahrhaftiger, immer erdrüc-kender: Helfen, dienen, lieben ist ihm wichtig. Ohne Eigennutz. Für andere. Auf Kosten der Familie. Und seines Kräftehaushalts. Helfen, dienen, lieben. Das geht besser mit Antioxidantien. Helfen, dienen, lieben. "Ich mag den Menschen mit seinen Fehlern und Schwächen. Auch wenn ich vielleicht nicht spontane Sympathie empfinde – in jedem Fall achte ich den Menschen und bin bestrebt, mein Bestes für ihn zu tun." Schon gut, Jesus, möchte man ätzen, so lange, bis man merkt: Doch, der meint das ernst.

Der Praxisbetrieb läuft bis spät in die Nacht, dazu der Job als Mannschaftsarzt beim FC Bayern, bei der Fußball-Nationalmannschaft und als Aufsichtsratsvorsitzender seiner Firma formula Müller-Wohlfahrt, der Heil Bringende arbeitet 27 Stunden täglich. "Manchmal habe ich schon ein etwas schlechtes Gewissen gegenüber meiner Familie, fürchte, den Wünschen und Erwartungen der mir am nächsten stehenden Menschen nicht gerecht zu werden. Es gilt immer einen Weg zu finden, zwischen Selbstbescheidung und Hingabe." Eigentlich ist er doch mehr Pastor als Arzt geworden, so wie sich das sein Vater immer gewünscht hatte.

Im Laufe der Jahre ist er mit seinem Image so verwachsen, dass man nicht mehr unterscheiden kann: Was ist herausragende Leistung, was kritisierbarer Mythos? Auch nachts um zwei noch lädierte Oberschenkel zu durchwühlen ist aufopferungsvoll. Punkt. Sich nie nach Feierabend oder Urlaub zu sehnen ist Klischee. Jeder nur ein Kreuz, möchte man seinem Über-Ich empfehlen. Und immer wenn Müller-Wohlfahrt mit fliegenden Haaren auf den Fußballplatz rennt, rennt auch der Neid mit: Zweifelt der eigentlich nie an sich? Anders gefragt: Ist jemand wirklich selbstsicher, der täglich 16 Stunden arbeitet, fettfrei und getrieben? Kann jemand Delikatessen von Käfer genauso selbstverständlich hinnehmen wie früher das Milch- und Wasserholen, oder ist so jemand irgendwann in beiden Welten fremd?

Vergöttert und gescholten

Die einen vergöttern, verherrlichen, entkritisieren Müller-Wohlfahrt, um wenigstens ein Scheibchen Gutsein abzubekommen. Meist sind es Geschäftskollegen, Patienten, Prominente.

Die anderen, meist Kollegen, lästern, spotten, schimpfen über ihn.

"Seine Marketingidee, Buch plus Pille zu verkaufen, ist clever", sagt der Kölner Immunologe Gerhard Uhlenbruck, "Jeder Zweite, der das Buch liest, kauft auch die Pillen. Dass das dem Walser nicht eingefallen ist: Buch plus Valium."

Auch der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention, Prof. Hans-Hermann Dickhuth, lässt kein gutes Haar an Müller-Wohlfahrt. Es gebe, so Dickhuth, noch keine ernst zu nehmende wissenschaftliche Untersuchung, die die Wirkung von Antioxidantien bestätigt. "Und dass Müller-Wohlfahrt jetzt stolz eine Studie mit 50 Teilnehmern präsentiert, ist absurd. Es wurden bereits Tests mit 1000 Probanden gemacht. Antioxidantien sind immer noch fragwürdig."

Es gehört schon ein dickes Fell dazu, sich immer wieder der Kritik zu stellen. Sein Antrieb, an Methoden zu forschen, die andere für fragwürdig halten, ist ihm längst in Fleisch und Blut übergegangen. Vor 20 Jahren wurde für Antioxidantienforschung nicht mal Forschungsgeld zur Verfügung gestellt. Wäre Müller-Wohlfahrt damals bei seinen Leisten geblieben, wäre er heute in medizinischen Fachkreisen – vermutlich – anerkannter und bei der Bunten unbekannter.

Zurzeit entwickelt Müller-Wohlfahrt eine neue Diagnosemethode für Muskelveränderungen. Eine Untersuchung ohne Berührung des kranken Körpers. Seine "Radarfinger" schweben dabei dicht über dem Körper des Patienten, sollen Strahlen wahrnehmen, dürfen aber nicht mehr tasten. Die Schere zwischen "Der hat doch ’n Knall" und "Er ist mein Medizin-Gott" wächst.

"Ich versuche, mir entgegengebrachte Skepsis durch das Wecken von Vertrauen zu überwinden", sagt Müller-Wohlfahrt. Ach, Jesus.