Leipzig.

Ein eiskalter Wind fegt an diesem Montag über den Alten Markt in Leipzig. Im Bürgerladen drängen sich 70 Menschen. Noch ist Wolfgang Tiefensee nicht erschienen, aber die Gespräche sind unvermittelt in eine erwartungsvolle Stille umgeschlagen.

Pünktlich um 17 Uhr sitzt Tiefensee am Tisch. Die Bürgersprechstunde ist sein politisches Markenzeichen. Doch Seelenpflege oder Betroffenentrost darf niemand erwarten. Der elegante, hoch gewachsene Sozialdemokrat beginnt sofort mit der Tagesordnung: dem Hartz-Konzept. Freundlich und kühl fordert er Konzentration. Die Zuhörer sollen das Reformprojekt im Zusammenhang, mit all seiner komplizierten Logik und Fragilität begreifen. Sie werden mit der Terminologie traktiert, mit Personal-Service-Agenturen, Job-Floater, Arbeitslosengeld II, Ich-AGs, Bridge-Programmen. Tiefensee verspricht nichts.

Den Arbeitslosen sagt er: "Mit Hartz bekommen auch die schwarzen Schafe unter den Arbeitslosen ein Gesicht." Zuruf aus dem Publikum: "Darf man hier einhaken?" Antwort: "Nein. Jetzt nicht!" Der Unterrichtsstoff ist noch nicht abgearbeitet.

Danach kommen die Fragen, Proteste, Schicksale. Die Zuhörer schenken ihrem Oberbürgermeister nichts: "Auch Sie stehen unter unserer Beobachtung!" Es sind kompetente, grundsätzliche Fragen. Ein 59-jähriger Arbeitsloser mit drei Qualifikationen meldet sich, redet über die Zukunft der Arbeit. Tiefensee lässt sich auf die Theorie ein, ohne die Realität zu beschönigen: "Das kann Hartz nicht ändern. Wenn Ihre Qualifikation nicht nachgefragt wird, bleibt nur die Arbeitslosigkeit." Ein Klempnermeister, der durch die Pleite eines "Wessis" seinen Betrieb verlor, ruft erregt, jetzt werde er genau kontrollieren, ob die Aufträge für die neue BMW-Ansiedlung in der Region bleiben. Tiefensee erklärt nüchtern das Vergaberecht und den Rechtsstaat. Als dann die Wut auf die Westler hochbrandet, protestiert er seinerseits: "Sehr engstirnig" sei das, gerade Leipzig verdanke den engagierten Westdeutschen viel. Zufrieden gestellt hat Tiefensee am Ende niemanden. Aber er hat mit den Bürgern auf gleicher Augenhöhe gestritten. Die Sprechstunde des OB - ein Beispiel praktizierter Zivilgesellschaft.

Cello mit dem Vorgänger Republikanische Nüchternheit und urbanes Ethos - sie verkörpert Tiefensee ohne jede Pose. Politik im Zeichen von Gemeinsinn hat auch Gerhard Schröder in seiner Regierungserklärung beschworen. Aber in jener denkwürdigen Nacht im Kanzleramt im Oktober, als er Tiefensee vergeblich das Amt eines Superministers Ost angetragen hatte, reagierte der Kanzler mit Unverständnis und Wut auf diese Haltung. Tiefensee muss sich sichtlich zwingen, noch einmal darüber zu reden. Nachdem ihn die Nachrichtenagenturen am Tage schon zum Minister ernannt hatten, sah er keine Alternative: "Ich bin hingefahren, um persönlich abzusagen." Jetzt empört es ihn, dass er immer wieder auf dieses Ereignis festgenagelt und damit zum Zauderer der Nation gestempelt wird.

"Geradlinigkeit" sei vielmehr seine Maxime.