Raelisten Es schwingt der Gen-Code, es vibriert die DNA

Ihre Religion ist die „Wissenschaft“: Eine Begegnung der dritten Art mit deutschen Mitgliedern der ufogläubigen Klon-Sekte der Raelisten

Die Außerirdischen sind höflich. „Sie wollen niemanden stören. Sie kommen nur, wenn sie sich eingeladen fühlen“, sagt Bärbel Laier. Die 49-jährige Boutiquenbetreiberin aus dem badischen Müllheim will einiges dafür tun, dass sich die Gäste bei uns wohl fühlen. Mit ihrer Boutique hat sie sich nach 13 Berufsjahren als Krankengymnastin einen Kindheitstraum erfüllt: „Menschen schön zu machen“. Das Wohlgefühl, das sie Erdenbürgern mit Stoff, Schnitt und Farbe beschert, ist bei Außerirdischen nicht so leicht zu erzeugen. Die brauchen ein Botschaftsgebäude mit Ufo-Landeplatz. Sein Grundriss ähnelt einer Pfanne, und es soll in Jerusalem stehen.

Woher sie das weiß? Laier kennt die einschlägige Literatur – und sie hat schon zweimal Ufos gesehen. „Einmal an der B3 bei der Ausfahrt Seefelden, meine Schwägerin war dabei.“ Erst glaubte sie, ein Flugzeug oder einen Kometen zu sehen, doch dann war sie sicher: Es musste ein Ufo sein. Zur Kontaktaufnahme mit der Besatzung kam es leider nicht. Laier hielt an einem Parkplatz, die Erscheinung dauerte keine fünf Minuten. „Und dann machte sich das Ufo in Richtung französische Grenze davon.“ Dabei ist Laier begierig darauf, endlich jene Wesen kennen zu lernen, die vor 25000 Jahren die Menschheit mittels ausgefeilter Klon-Techniken erschaffen haben sollen.

Erst von Däniken, dann Raël

Noch zwei weitere Raelisten sitzen im gut besuchten Café in Müllheims Fußgängerzone am Tisch, ein Deutscher und eine Glaubensgenossin aus Paris. Sie sprechen mit gedämpfter Stimme. „Klonen wird es der Menschheit erlauben, das ewige Leben zu erreichen“, sagt Reiner Krämer. Der 37-jährige Programmierer aus dem pfälzischen Haßloch ist seit 1995 Anhänger der Sekte und Pressesprecher der deutschen Raelisten.

Wie sie da sitzen, würde man sie für normale Gäste halten – redeten sie nicht über Klonen, Ufos und ewiges Leben. Die drei gehören der Sekte des Franzosen Claude Vorilhon an, in dessen Namen Brigitte Boisselier die Geburt des ersten Klon-Babys verkündet hat. Die Religion der Raelisten ist die „Wissenschaft“. „Wir verstehen uns als Glaubensgemeinschaft“, sagt Laier. „Unsere Ziele sind Glück, Zufriedenheit, Gewaltlosigkeit und Harmonie.“ Dafür stellen sie sich schon mal mit Pappschild in die Fußgängerzone: „Die Außerirdischen kommen“.

Vorilhon, ehemals Sänger und Autorennfahrer, nennt sich Rael, seit er am 13. Dezember 1973 nahe Clermont-Ferrand in einem Vulkankrater ein Ufo erblickt haben will. Aus dem silbrigen Gefährt von sieben Meter Durchmesser seien außerirdische Wesen, die Elohim, „mit strahlendem Gesichtsausdruck“ gestiegen und hätten Vorilhon/Rael die Botschaft vom wahren Ursprung der Menschheit offenbart. Ein Außerirdischer sei sechs Tage in Folge wiedergekommen und habe dem Franzosen „Das Buch, das die Wahrheit sagt“ in die Feder diktiert. Die etwa 1,20 Meter großen Außerirdischen müssen über erhebliche Laborkenntnisse verfügen – schließlich haben sie Rael verraten, dass sie dank „vollkommener Beherrschung der Gentechnologie und der DNA-Synthese“ die Menschheit erschaffen haben.

Bärbel Laier spielt mit ihren orangeroten Ohrringen, die auf die Erdtöne ihrer Kleidung und die brünetten Haare abgestimmt sind: „Es gibt so viele Beweise dafür, dass es so war.“ Auch Krämer ist sich sicher. „Mit dem Warum unseres Daseins beschäftige ich mich, seit ich 14 bin“, sagt der kleine Mann mit dem rundlichen Glatzkopf. Im Bücherschrank seiner Mutter habe er von Däniken, Butlar und andere Klassiker des Obskurantismus gefunden. Aber erst als er Rael gelesen hatte, wusste er: „Nur so kann es gewesen sein.“

Das Erweckungserlebnis kam allein durch die Lektüre. In Deutschland gibt es rund 30 aktive Raelisten, aber Krämer und Laier glauben, dass sie Tausende Sympathisanten haben – weltweit sollen es rund 55000 sein. „Durch Zustimmung ist man bereits Raelist. Aber viele sind scheu, die trauen sich nicht, das zuzugeben.“ Sie selbst als bekennende Raelisten wollen sich nicht fotografieren lassen, einige Mitglieder habe ihr Glaube den Job gekostet. Dabei wollen Raelisten nicht missionieren, nur informieren. „Rael sagt: Raelist werden Sie nicht – Sie entdecken, es zu sein“, meint Krämer. Dabei helfe die „sinnliche Meditation“, eine Art autogenes Training. „Dann schwingt der Gen-Code, und die DNA-Sequenzen vibrieren. Man muss sich nur auf die Zellen konzentrieren und Verbindungen zwischen ihnen herstellen.“ Und Bärbel Laier ergänzt: „Wer nicht auf seinen Gen-Code hört, wird krank.“ Langfristig haben die Raelisten jedoch noch andere Ziele als das individuelle Glück ihrer Mitglieder: Die Menschheit soll andere Menschheiten erschaffen.

Wiedergeburt als 18-Jähriger

Baby-Klone sind dazu nur der Anfang. Mittelfristig wolle man die Menschen gleich im erwachsenen Stadium reproduzieren. „Unsere Größe und unser Aussehen sind ja in den Genen programmiert.“ Wie das beschleunigte Klonen unter Umgehung der Kindheit vor sich gehen soll? „Keine Ahnung“, sagt Reiner Krämer entwaffnend ehrlich. „Aber hätte ein Mensch im 19. Jahrhundert erklären können, wie das Internet funktioniert?“

Von der Idee, sich zu Lebzeiten einen Klon als Gefährten zuzulegen, halten die Raelisten wenig. Kurz vor dem Tod solle man eine Kopie von sich als 18-Jährigem herstellen lassen. Damit das ewige Leben erreicht wird, ist allerdings noch ein weiteres Hindernis zu überwinden. Das Bewusstsein des alten Körpers muss auf den Klon übertragen werden. „Das ist wie beim Computer: Sie werfen den alten weg und bespielen die Festplatte des neuen mit Programmen, die sie haben“, sagt Bärbel Laier.

Die Ankündigung des Klon-Babys hat die drei am Kaffeehaustisch gefreut. Zweifel an seiner Echtheit? Nein. „Die Brigitte“ hatte während des letzten Seminars, Ende August in Slowenien, von ihren Plänen berichtet. Auch den Meister selbst haben sie fast jedes Jahr bei diesen Treffen gesehen. Dass die Clonaid-Chefin so schnell zum Ziel kommen werde, hat jedoch auch die Mitglieder der deutschen Raelistischen Religion e. V. überrascht. „Endlich wird die Diskussion über das Menschenklonen öffentlich“, sagt Reiner Krämer.

Hat er keine Angst vor einem Missbrauch der Technik? „Mit einem Hammer können Sie auch ein Bild aufhängen und jemanden erschlagen – es kommt auf das Bewusstsein an.“ Schließlich würden die geklonten Babys sehnlichst erwartet – im Gegensatz zu vielen ungewollt geborenen Menschenkindern. Denen soll es schließlich auch einmal besser gehen. Dann, wenn die Ufos mit den Außerirdischen endlich gelandet sind. „Sie wollen uns nämlich ihr Erbe mitteilen“, weiß Bärbel Laier. „Dann wissen wir, wie die Wissenschaft noch schneller vorankommt.“

Werner Bartens ist Redakteur der Badischen Zeitung

 
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