Politik zählt nicht gerade zu Michael Duffs Leidenschaften. Als Direktor des Michigan Center for Theoretical Physics treibt er lieber die Suche nach der Weltformel voran. Doch jetzt hat Duff eine Partei gegründet: die Null-Konstanten-Partei. Ihr Kampf gilt den Grundpfeilern der Physik – wie etwa der Lichtgeschwindigkeit und der Gravitationskonstante. In den Lehrbüchern der Physik werden die Naturkonstanten wie die Zehn Gebote aufgelistet. Für den Ketzer Duff sind sie "willkürliche menschliche Konstrukte". Jetzt will er das Vermächtnis der Altväter aus der Physik verbannen.

Die Polemik ist nicht ganz ernst gemeint. Doch der Grundsatzstreit unter den Physikern ist echt – und die Thesen sind radikal. Nichts scheint mehr heilig: Newtons Gravitationskonstante? Schwankt wie der Börsenkurs. Die Lichtgeschwindigkeit im Vakuum, deren Konstanz für Einstein das Fundament seiner Relativitätstheorie war? Plötzlich soll sie alles andere als konstant sein. Die Ladung des Elektrons? Mal größer, mal kleiner. Für manche wackelt schon die gesamte moderne Physik, sogar die Relativitätstheorie steht zur Diskussion.

Ausgelöst wurde der Aufruhr vor einem Jahr, als ein internationales Forscherteam die Auswertung von Lichtspektren weit entfernter Sterne präsentierte. Ergebnis: Die Naturkonstante Alpha – so etwas wie die Mutter aller Konstanten – hatte im frühen Universum einen kleineren Wert als heute. Die Abweichung beträgt nur ein hundertstel Promille, doch es scheint, als habe die Nachricht ein Denkverbot gekippt. Inzwischen verzeichnet das elektronische Archiv der Physiker, www.arxiv.org, fast täglich ein ketzerisches Manuskript, in dem die eine oder andere Naturkonstante infrage gestellt wird. Eine Veränderung der "Feinstrukturkonstanten" Alpha wäre besonders dramatisch, weil diese die Kraft zwischen dem Atomkern und der Elektronenhülle bestimmt. Wäre Alpha zu groß, gäbe es keine Materie.

Noch mahnen Skeptiker, man solle lieber die Messdaten der Astronomen anzweifeln, als etablierte Theorien zu stürzen. Doch in den nächsten Wochen wollen die Sternengucker neue Daten vorlegen, die den Befund erhärten sollen. Ihre Analyse stützt sich mittlerweile auf die Untersuchung von 150 Quasaren, hellen Sternen am Rand des Universums.

Ein Kartenhaus von Konstanten

"Die Naturkonstanten spiegeln zugleich unser größtes Wissen und unsere größte Ratlosigkeit wider", sagt der Astrophysiker und Bestsellerautor John Barrow von der Universität Cambridge, der die Sterndaten mit ausgewertet hat. "Obwohl wir die Naturkonstanten mit immer größerer Genauigkeit messen, können wir ihre Werte nicht erklären." Sie bergen das letzte Geheimnis des Universums. Nicht nur Newtons Gravitationskonstante und die Lichtgeschwindigkeit gehören dazu, sondern unter anderem die Avogadro-, die Boltzmann- und die Faraday-Konstante. Das System der Naturkonstanten gleicht einem sorgsam austarierten Kartenhaus. Das Haus ist stabil, solange sich nichts bewegt. Doch die kleinste Veränderung könnte alles einstürzen lassen.

Ganz unten im Kartenhaus steckt die Konstante Alpha. "Wenn der Wert von Alpha weiter anwächst", sagt der israelische Theoretiker Jacob Bekenstein, "werden die Atome eines Tages in sich zusammenstürzen." Das Universum werde dann nur noch aus Strahlung bestehen. "Keine Materie, kein Leben – ziemlich langweilig." Bekenstein machte schon in den achtziger Jahren den Vorschlag, einigen "Konstanten" ihre Unantastbarkeit zu nehmen. Von den jüngsten Messungen fühlt er sich bestätigt. John Barrow beschreibt das Szenario in seinem gerade erschienenen Buch Von Alpha zu Omega als "Einbahnstraße in die Auslöschung". Einziger Trost: Das traurige Ende liegt noch in weiter Ferne, wenn die Sonne längst erloschen ist.

Die Physiker hassen und lieben ihre Konstanten zugleich. Einerseits wäre die Physik ohne Naturkonstanten nicht denkbar (siehe Kasten auf Seite 25). Auf der anderen Seite wurmt es die Forscher, dass sie einige Faktoren in ihren Formeln gleichsam von Hand hinzufügen müssen. Max Planck träumte von einer Theorie mit einer einzigen Konstanten, aus der man alle anderen ableiten könnte. Albert Einstein hätte am liebsten nur noch Zahlen wie 2, p und die Eulersche Zahl e in einer allumfassenden Theorie gesehen. Doch bis heute weiß niemand, ob Naturkonstanten nur Zufälle sind oder sich aus grundlegenden Prinzipien berechnen lassen. Die Stringtheoretiker wählten diese Frage unlängst in die Top Ten der ungelösten Probleme.