Vor 20 Jahren alarmierte der erste bundesweite Bericht über "Waldschäden durch Luftverunreinigung" die Deutschen. Schlimmes wurde befürchtet: "Erst stirbt der Wald und dann der Mensch". Rasch machte der Begriff "Waldsterben" Karriere, auch international. Europaweit drängten deutsche Politiker darauf, dass der Zustand der Forste länderübergreifend dokumentiert werde. So geschah es, bis heute. Doch die Daten interessieren fast niemanden mehr.

So blieb auch der jüngste Bericht der Bundesregierung über den Zustand des Waldes im Dezember nahezu unbeachtet. Kein Wunder, denn seit Jahren lautet die Hauptbotschaft unverändert: Nur rund ein Drittel der heimischen Bäume ist gesund, zwei Drittel sind schwach bis stark geschädigt, insbesondere durch Luftschadstoffe. Verstärkte Anstrengungen zur Luftreinhaltung seien notwendig.

Aus europäischer Perspektive ergibt sich ein völlig anderes Bild. So veröffentlicht die Forstzeitschrift AFZ - Der Wald in ihrer jüngsten Ausgabe die nebenstehende Karte. Sie dokumentiert die Bewaldungsdichte Europas von Portugal bis zum Ural und beruht auf einer aufwändigen Kombination hochauflösender Satellitendaten mit Waldinventurdaten aus 39 Ländern. Wissenschaftler des Forschungszentrums der EU in Ispra (Norditalien) und des Europäischen Forstinstituts EFI in Joensuu (Finnland) haben die Übersicht erstellt. Sie zeigt, dass Deutschland, trotz mythenreicher Beziehungen zum Volksfreund Baum, deutlich dünner bewaldet ist als etwa Portugal, wo sich das Volk allenfalls für brennende Wälder interessiert. Über die weitaus größten Bestände verfügen Schweden, Finnland und Russland. Im Norden ist der Wald ein wichtiges Wirtschaftsgut.

Statistiken des Europäischen Forstinstituts zeigen, dass von Waldsterben auf dem alten Kontinent keine Rede sein kann. Im Gegenteil (siehe Grafik): Seit 1950 übersteigt in Europa der jährliche Zuwachs an Holz die gefällten Mengen. Während der Einschlag seit 1970 nahezu stagniert, wachsen die Vorräte sogar immer rascher an. Risto Päivinen, Direktor des EFI und zusammen mit seinem deutschen Kollegen Andreas Schuck einer der Urheber der europäischen Waldkarte, kann die Hauptursache für die wachsenden Holzvorräte benennen. "Seit den sechziger Jahren wachsen die Bäume an denselben Standorten deutlich schneller als je zuvor", sagt er. "Das haben wir bereits 1996 in einem umfangreichen Forschungsprojekt gezeigt, an dem zwölf europäische Länder beteiligt waren."

Federführend war damals übrigens ein deutscher Forstwissenschaftler, Heinrich Spiecker vom Institut für Waldwachstum der Universität Freiburg im Breisgau. Basierend auf umfangreichen Baumanalysen und nationalen Waldinventuren, konstatierte das internationale Team unter anderem für Deutschland, Frankreich, die Schweiz, Österreich, Dänemark und Schweden Wachstumsbeschleunigungen von etwa 20 Prozent für die Hauptbaumarten Kiefer und Fichte. Das passte nicht in das Klischee vom Waldsterben und rief Zweifler auf den Plan. An den Daten ließ sich zwar nicht rütteln, aber woher sollte das mysteriöse Wachstum kommen? Lag es vielleicht an einem verbesserten Management und verringerter Ausbeutung der Ressource Wald, die einst auch als Viehweide und Lieferantin für Streu und Schwachholz herhalten musste? Auch andere Gründe erschienen plausibel: die um zwei Wochen verlängerte Wachstumsperiode infolge höherer Temperaturen im Frühjahr und Herbst. Oder ein größeres Angebot des Treibhausgases Kohlendioxid, das unentbehrlich ist für die Fotosynthese und damit für jegliches Pflanzenwachstum. Schließlich Düngungseffekte durch die Luftverschmutzung, insbesondere der Stickstoffeintrag.

"Wir wollten die genauen Ursachen herausfinden", sagt Päivinen. Sein Institut bot dafür optimale Voraussetzungen, hier fließen riesige Datenmengen zusammen: Das EFI beruht auf einem Netz aus 141 Mitgliedern, überwiegend universitäre und staatliche Forschungseinrichtungen in mehr als drei Dutzend Ländern. Die EU finanzierte ein Projekt mit dem Namen Recognition, um die wachstumsbeschleunigenden Faktoren im Wald zu eruieren. Es startete im April 1999 und steht nun vor dem Abschluss.

"Wir wissen jetzt, dass vor allem die Stickstoffeinträge aus der Luft das Baumwachstum beschleunigen", sagt Päivinen. "Der Anstieg der Temperaturen und des Treibhausgases CO2 scheinen von geringerer Bedeutung zu sein. Allerdings könnte der Klimawandel in der Zukunft die Hauptrolle spielen." Am Recognition-Projekt haben neben Forstwissenschaftlern auch Klimaforscher und Computermodellierer aus 24 Instituten teilgenommen, darunter sieben aus Deutschland, etwa von den Universitäten Freiburg, Göttingen, München und Cottbus.

Wie erklärt Risto Päivinen den Widerspruch zwischen den europäischen Forschungsergebnissen und dem Bild vom kranken Wald, das die deutsche Bundesregierung alljährlich zeichnet? "Das Hauptproblem liegt darin, dass die deutschen Waldschäden zurückgeführt werden auf Nadel- und Blattverluste", meint er. "Kronenverlichtungen sind jedoch unspezifisch. Sie erzählen nur einen Teil einer komplizierten Geschichte."