Sachbuch Ein Weltkrieg wider Willen?

Der Streit der Historiker über den Kriegsausbruch 1914 geht in eine neue Runde

Geschichtsschreibung lebt von der Revision, von der fortwährenden Infragestellung scheinbarer Gewissheiten. So war es auch nur eine Frage der Zeit, wann über eines der folgenschwersten und umstrittensten Ereignisse in der Geschichte des kurzen 20. Jahrhunderts, den Beginn des Ersten Weltkriegs im berauschend schönen Sommer 1914, neu nachgedacht würde.

In den letzten Jahrzehnten hatte sich, im Anschluss an die bahnbrechenden Bücher Fritz Fischers und seiner Schüler, ein weitgehender Konsens in der Forschung herausgebildet. Danach waren Juli-Krise und Kriegsausbruch 1914 als Endpunkt einer Entwicklung zu betrachten, die durch eine ständige Steigerung der internationalen Spannungen und eine immer kürzere Abfolge von Krisen gekennzeichnet war. Das nervöse Deutsche Reich unter Kaiser Wilhelm II. erschien in dieser Sicht als eine Großmacht, die durch ihren weltpolitischen Aktionismus und ihre wahnwitzige Flottenrüstung die internationale Ordnung destabilisierte und daher die Hauptverantwortung nicht nur für die Verschärfung der Spannungen, sondern auch für die Auslösung des Krieges trug.

Nun scheint das Pendel wieder zurückzuschlagen. So hat Friedrich Kießling, ein Schüler des Erlanger Historikers Gregor Schöllgen, in seiner Doktorarbeit (Gegen den „großen Krieg“?; Oldenbourg, 2002) die These vertreten, dass nicht Spannung, sondern Entspannung (Détente) das eigentliche Charakteristikum der internationalen Beziehungen in den Jahren vor 1914 gewesen sei. Nach der zweiten Marokko-Krise 1911 hätten sich die Regierungen in Berlin, Wien und London intensiv darum bemüht, die Konfrontation der Bündnissysteme zu reduzieren und die Konflikte zu entschärfen. Freilich vermag der Autor auf die Frage, warum es trotzdem zum Kriege kam, keine plausible Antwort zu geben.

Hier knüpft die umfangreiche Studie von Holger Afflerbach, eine von Wolfgang J. Mommsen betreute Habilitationsschrift, an. Auch Afflerbach möchte „die bislang vernachlässigten friedenserhaltenden Tendenzen des internationalen Systems vor 1914“ in den Vordergrund rücken. Und als Exempel dient ihm der Dreibund, jene 1882 zwischen dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn und Italien geschlossene Allianz, die vor 1914 immer wieder verlängert wurde, allerdings dann ein abruptes Ende fand, als Rom zu Beginn des Krieges seine Neutralität verkündete und einige Monate später, im Mai 1915, sogar auf Seiten der Triple-Entente in den Krieg gegen die Mittelmächte eintrat.

Über den Dreibund ist viel geschrieben worden, allerdings zumeist aus deutscher und österreichischer Perspektive. Der Vorzug von Afflerbachs Arbeit ist, dass sie, gestützt auf eine umfassende Auswertung auch der römischen Archive, der italienischen Politik besondere Aufmerksamkeit zuwendet. Entgegen der verbreiteten Annahme, Italien sei ein notorisch unzuverlässiger Verbündeter gewesen und habe die Allianz niemals wirklich ernst genommen, kann der Autor zeigen, dass der Dreibund von allen gesellschaftlichen Kräften Italiens befürwortet, ja zu einem „Grundbestandteil des gesamten politischen Lebens“ wurde.

Verbündeter zweiter Klasse

Allerdings macht Afflerbach auf ein Kernproblem aufmerksam, das die Allianz von Anfang an belastete: Italien galt in den Augen seiner beiden Partner als ein Verbündeter zweiter Klasse, und es wurde auch so behandelt. Am Wiener Ballhausplatz empfand man für die römischen Kollegen nur Geringschätzung, ja Verachtung, aber auch die Berliner Reichsleitung machte aus ihrem Überlegenheitsgefühl dem kleineren Partner gegenüber nie einen Hehl. In all den Jahrzehnten vor 1914 führte Italien einen verzweifelten Kampf um die Gleichberechtigung im Bündnis. Für Spannungen mit der Donaumonarchie sorgte dabei immer wieder der Frage der Zukunft Trients und Triests, der zu Österreich gehörenden „irredenten“ Gebiete.

Afflerbach schildert in allzu epischer Breite das Auf und Ab in den Beziehungen zwischen den Bündnispartnern. Auf Phasen der Entfremdung folgten, zumeist im Zusammenhang mit den häufigen Regierungswechseln in Italien, solche der Wiederannäherung. Doch aufseiten der Zweibundmächte blieb, unabhängig von allen diplomatischen Wechselfällen und Winkelzügen, ein Grundmisstrauen in die Verlässlichkeit der Regierung in Rom. Seit der ersten Marokko-Krise 1905/06, als Italien aus der Solidarität des Bündnisses ausscherte, mehrten sich die Zweifel, ob es im Kriegsfalle seinen Verpflichtungen nachkommen werde. Das Wort von den „verbündeten Feinden“ machte die Runde. In der österreichischen und italienischen Heeresführung begann man gegeneinander zu rüsten.

Umso mehr überrascht, dass Afflerbach dem Dreibund dennoch eine bedeutsame Rolle bei der Bewahrung des Friedens in Europa zuschreibt. Das Bündnis, so betont er immer wieder, sei „ein Arrangement zur Friedenssicherung, nicht zur Vorbereitung eines Krieges“ gewesen und hätte diese Funktion alles in allem vor 1914 auch erfüllt. Mehr noch: Auch im Gegenbündnis zum Dreibund, in der Triple-Entente, wie sie sich in Reaktion auf die hektische deutsche „Weltpolitik“ formierte, erkennt er keine gefährliche Verhärtung der Fronten, sondern ein „Element der Entspannung“, weil dadurch in Europa wieder ein Gleichgewicht der Mächte geherrscht habe. Der Autor spricht sogar von „einem europäischen Konsens, einen großen Krieg zu vermeiden und statt dessen den friedlichen Ausgleich zu suchen“.

Die herannahende Katastrophe

Auch hier stellt sich jedoch die Frage, warum dann der lokale Krieg Österreich-Ungarns gegen Serbien Ende Juli 1914 innerhalb weniger Tage zum Weltkrieg eskalierte. Afflerbach führt dies in erster Linie auf Fehleinschätzungen der Politiker in Berlin und Wien zurück, die geglaubt hätten, ihr riskantes Manöver unterhalb der Schwelle eines großen Krieges durchziehen zu können. Doch damit bleibt immer noch unbeantwortet, wieso es zu einer so gravierenden Fehleinschätzung kommen konnte.

Zuzustimmen ist dem Autor darin, dass der Kriegsausbruch von 1914 kein zwangsläufiges Ereignis war. Es gab gegenläufige Tendenzen – die deutsch-britischen Ausgleichsbemühungen vor 1914 gehörten zum Beispiel dazu. Doch unwahrscheinlich, wie Afflerbach meint, war das, was im Sommer 1914 geschah, nicht, im Gegenteil: Vieles deutete daraufhin, dass, wie August Bebel, der charismatische SPD-Vorsitzende, im November 1911 im Reichstag prophezeite, es über kurz oder lang zur Katastrophe kommen würde – das fieberhafte Wettrüsten, die Herausbildung einer Kriegsmentalität in weiten Kreisen der Öffentlichkeit und das immer entschiedenere Drängen der Generalstäbe in Berlin und Wien, endlich einen Präventivkrieg zu führen, um einem vermeintlichen Angriff der Entente zuvorzukommen. Afflerbach unterschätzt den Einfluss, den die deutschen Militärs gerade vor der Juli-Krise auf das Handeln der Politiker ausübten, geradezu sträflich.

Dass eine jüngere Generation gegen die Lehrmeinungen ihrer akademischen Väter antritt, ist, wie gesagt, in der Geschichtswissenschaft nichts Ungewöhnliches. Doch nicht jeder Revisionsversuch führt auch zu einer Revision des Geschichtsbildes. Die jüngsten Bemühungen, das Modell der Entspannungspolitik auf das internationale System vor 1914 zu übertragen, können nicht überzeugen. Ohne eine Berücksichtigung der ökonomischen Interessen, der gesellschaftlichen Strukturen, der mentalen Dispositionen ist, das zeigen die Forschungen seit den sechziger Jahren, der Kriegsausbruch von 1914 nicht zu erklären.

Holger Afflerbachs Buch ist eine große Forschungsleistung, eines der wichtigsten Werke zur Diplomatiegeschichte der letzten Jahre. Doch in der Essenz bedeutet es einen Rückfall hinter die Erkenntnisse der Fischer-Kontroverse. Von hier aus bis zu dem Wort des ehemaligen britischen Premiers David Lloyd George, alle europäischen Mächte seien im Juli 1914 in den Krieg „hineingeschlittert“, ist es nur noch ein kleiner Schritt.

 
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