Die Kritik an der Außen- und Sicherheitspolitik der Vereinigten Staaten von Amerika hat wieder einmal Hochkonjunktur. In dem ständig anschwellenden Chor sind jedoch auch Stimmen zu vernehmen, die nicht einfach einem diffusen antiamerikanischen Reflex folgen, sondern ihre Bedenken, Vorbehalte und Vorwürfe auf solidem Fundament formulieren. Zu ihnen zählt diejenige Ernst-Otto Czempiels. Immer wieder hat sich der Frankfurter Politikwissenschaftler in den vergangenen Jahrzehnten mit der amerikanischen Außenpolitik beschäftigt, so vor allem in seinem 1989 erschienenen Standardwerk Machtprobe. Die USA und die Sowjetunion in den achtziger Jahren. Sein jüngstes Buch ist auch eine Fortschreibung und Aktualisierung der dort angestellten Beobachtungen.

Im Kern geht es dabei um eine Abrechnung mit der Außen- und Sicherheitspolitik des amtierenden amerikanischen Präsidenten. Nach Einschätzung Czempiels knüpft sie nahtlos an diejenige Ronald Reagans an und macht damit die in der Ära des älteren Bush und in den ersten Jahren seines Nachfolgers Clinton erzielten Fortschritte weitgehend rückgängig. Das bedeutet vor allem eine Rückkehr vom Multilateralismus der neunziger Jahre hin zum Unilateralismus der alten Staatenwelt und zugleich einen groß angelegten Angriff auf jene "Konstellationen der Gesellschaftswelt, die die zwischenstaatlichen Konflikte reduziert, die innerstaatlichen Konflikte potenziert und sich dabei auf die politischen Sachbereiche der Partizipation an der Herrschaft und der Teilhabe am wirtschaftlichen Wohlstand konzentriert hatten".

Czempiel hat keinen Zweifel, dass die Bush-Regierung von Anfang an eine "Politik der selektiven Weltherrschaft" verfolgte, also stets vorhatte, "das amerikanische Gewaltpotential beträchtlich zu erhöhen, es abzusichern gegen irgendwelche Vergeltungsschläge und so die USA instand zu setzen, die Weltordnung zu bestimmen… Was dem jüngeren Bush fehlte, war die Gelegenheit. Sie wuchs ihm zu, als am 11. September 2001 der von Terroristen verübte Massenmord in New York und Washington in grauenerregender Weise demonstrierte, dass sich die Sicherheitslage der Vereinigten Staaten in der Tat grundlegend verändert hatte."

So weit ist hierzulande noch kein ernst zu nehmender Kritiker der amtierenden Washingtoner Administration gegangen, schon gar nicht ein renommierter Vertreter aus den Reihen der Wissenschaft. Aber gerade weil Czempiel nicht unbedarft aus der Hüfte schießt, sondern seine Thesen und Argumente wohl überlegt entfaltet, ist das Buch auch für denjenigen von Interesse, der seine Sicht der Dinge gerade nicht teilt. Es ist reich an Informationen und Belegen, die jeder kennen sollte, der sich in diesen Tagen mit der Außen- und Sicherheitspolitik der USA befasst. Man muss sich ja bei der Lektüre nicht mit seinem Plädoyer für die "Gesellschaftswelt" anfreunden. Ernst-Otto Czempiel wird seinen Weg auch so weiterverfolgen. Bemerkenswert und anregend sind seine Arbeiten allemal.